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Schwellenländer Es droht die schlimmste Schuldenkrise seit fast 30 Jahren

Kapitalflucht, sinkende Rohstoffpreise und explodierende Schulden: Die Entwicklungsländer stehen am Rande ihrer schlimmsten Schuldenkrise seit 1982. Quelle: imago images

Kapitalflucht, sinkende Rohstoffpreise und explodierende Schulden bringen viele Entwicklungs- und Schwellenländer an den Rand des Abgrunds. Das Zinsmoratorium der G20-Staaten reicht daher nicht aus, warnt der US-Ökonom Barry Eichengreen in einem Exklusivbeitrag für die WirtschaftsWoche. Seine Empfehlung: ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte und eine Orientierung am so genannten „Brady-Plan“.

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Die Krise, die derzeit über die Schwellen- und Entwicklungsländer hereinbricht, ist ohne Beispiel. Mehr als 100 Milliarden Dollar an Finanzkapital wurden inzwischen aus diesen Märkten abgezogen, das sind dreimal so viel wie in den ersten beiden Monaten der globalen Finanzkrise von 2008. Damit nicht genug: Die Auslandsüberweisungen in diese Länder dürften in diesem Jahr um zusätzliche 100 Milliarden Dollar sinken. Die Erlöse der Entwicklungsländer aus dem Öl- und Gasgeschäft hingegen könnten um 85 Prozent fallen. Und der Welthandel dürfte um bis zu 32 Prozent zurückgehen, dreimal so viel wie 2009.

Das Ergebnis: Die Entwicklungsländer stehen am Rande ihrer schlimmsten Schuldenkrise seit 1982. Der finanzielle Kontext ist ein noch immer überproportional stark auf den Dollar gestütztes internationales Währungssystem. Zwar können Schwellenländer Kredite in ihrer eigenen Währung aufnehmen, was ihnen mehr Spielraum bei der Geld- und Fiskalpolitik einräumt.

Leider ignoriert diese Beobachtung die unbequeme Wahrheit, dass die privaten Unternehmen dieser Länder Kredite in Dollar aufnehmen und dass sich die Dollarschulden der Emerging Markets (ohne China) seit 2008 verdoppelt haben.

Zudem mangelt es den Schwellenländern (mit Ausnahme von Mexiko, Brasilien, Singapur und Südkorea) an Swaplinien mit der US-Notenbank Federal Reserve. Zwar hat die Fed vor Kurzem eine „Repo-Fazilität“ eingeführt, in deren Rahmen ausländische Notenbanken Dollarkredite auf ihre Bestände an US-Schatzanleihen aufnehmen können. Doch das nützt Ländern, die ihre Devisenreserven bereits weitgehend aufgebraucht haben, herzlich wenig.

Die ehemaligen US-Finanzminister James Baker (li.) und Nicholas Brady. Quelle: imago images

All dies bedeutet: Die Schwellenländer sind beim Einsatz der Geld- und Fiskalpolitik zu Stabilisierungszwecken handlungsunfähig.

Die G20 hat nun angeboten, Zinszahlungen auf zwischenstaatliche Kredite für die ärmsten Länder auszusetzen. Private Gläubiger ihrerseits haben zugesagt, zusätzliche acht Milliarden Dollar an privatwirtschaftlichen Schulden zu prolongieren. Das ist zumindest etwas. Doch ist es zugleich, um Baseball-Legende Yogi Berra zu zitieren, „wieder dasselbe alte Déjà-vu“.

Denn auch der (nach dem damaligen US-Finanzminister James Baker) benannte Baker-Plan nach der Schuldenkrise 1982 ging davon aus, dass die Erschütterung vorübergehend sei und dass ein zeitlich begrenztes Schuldenmoratorium ausreichen würde. Die Gläubiger würden ihre Kredite prolongieren. Es würde wieder Wachstum geben. Und die Zinsrückstände würden dann abbezahlt werden, wenn die Krise vorbei wäre.

Das war aber nicht der Fall. Die Länder mit schwachen und mittleren Einkommen erhoben sich nicht wie Phönix aus der Asche; stattdessen folgte ein verlorenes Jahrzehnt. Nicht nur waren die Schwellenmärkte nicht zur Rückzahlung imstande. Weil ihre Schulden nicht umstrukturiert worden waren, konnten sie auch keine Kredite aufnehmen. Besonders stark hakte es bei der Bereitschaft der Gläubiger, neues Geld zur Verfügung zu stellen. In der Praxis schob dabei jede Bank andere Banken vor – ein Trittbrettfahrerproblem, wie es im Buche steht.

1989, sieben unproduktive Jahre nach Anbruch der Krise, wurde der Baker-Plan durch den (nach dem nächsten US-Finanzminister, Nicholas Brady) benannten Brady-Plan ersetzt. Schulden wurden wertberichtigt und Bankdarlehen in Anleihen umgewandelt – häufig ein Menü von Wertpapieren, aus dem die Anleger ihre bevorzugten Zahlungsbedingungen und -fälligkeiten auswählten. Die Regierungen der hochentwickelten Volkswirtschaften erleichterten die Transaktion durch „Bonbons“: Subventionen, die als Sicherheiten für die neuen Wertpapiere dienten und deren Liquidität erhöhten.

Auch die heutige Krise gilt vielen als „vorübergehend“ – mit einem Moratorium für Zinszahlungen und dem Versprechen, dass die privatwirtschaftlichen Kredite Bestand haben. Das geht an der Realität vorbei. Das schwache weltweite Wachstum und die niedrigen Preise für Primärrohstoffe dürften vorerst fortbestehen. Unternehmen verkürzen und reorganisieren ihre Lieferketten, was weitere Störungen im Handel verheißt. Die Erlöse aus dem Tourismus und die Auslandsüberweisungen werden sich so schnell nicht erholen. Und sofern nicht etwas gegen den Schuldenüberhang unternommen wird, werden die Kapitalflüsse nicht wieder einsetzen.

Der Zeitpunkt für einen neuen Brady-Plan, bei dem ohne Verschulden der Gläubiger untragbar gewordene Schulden wertberichtigt und in neue Instrumente umgewandelt werden, ist jetzt – und nicht in sieben Jahren. Dies lässt sich ohne eine Destabilisierung der Banken erreichen, weil die Anleihen der Schwellenmärkte weitgehend außerhalb des Bankensystems gehalten werden. Eine umfassende Umwandlung böte zudem vielen Ländern Gelegenheit, innovative Finanzinstrumente mit stabilisierenden Eigenschaften – wie etwa an das Bruttoinlandsprodukt oder die Rohstoffpreise gekoppelte Anleihen – auszugeben, ohne dass dabei von ihnen verlangt würde, aufgrund des neuartigem Charakters dieser Instrumente einen Aufschlag zu zahlen.

Diese Schuldenkrise ist zudem eine humanitäre Krise und eine Krise der globalen Ordnungspolitik. Die geeignete Organisation, um die Reaktion darauf zu organisieren, ist daher der Internationale Währungsfonds (IWF) und nicht das gläubigernahe (durch die G20 empfohlene) Institute of International Finance. Als UN-Organisation könnte der IWF unter Berufung auf Kapitel VII der UN-Charta den Schutz der Schuldnerländer vor destabilisierenden rechtlichen Schritten durch opportunistische Anleger verlangen.

Eine Krise dieser Größenordnung verlangt nichts weniger als das.

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