Schwellenländer-Krise

Kommt nun das Ende der Globalisierung?

Von der Krise der Schwellenländer profitieren vor allem die Industrienationen, schreibt unser Gastautor Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank.

Hier ist die Luft raus
ChinaChinas Wirtschaft wuchs im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 7,7 Prozent, das war weniger als im Vorquartal und blieb auch unter der Analystenprognose von acht Prozent. "Die allseits erhoffte Beschleunigung der wirtschaftlichen Aktivität in China blieb trotz großzügiger Kreditvergabepolitik aus", sagten Experten. Nun mehren sich die Sorgen, dass die asiatische Konjunkturlokomotive an Schwung verliere, erklärten die Analysten der National-Bank die Reaktion an den Finanzmärkten. Das schwächere Wirtschaftswachstum Chinas hat bereits die Anleger an den Finanzmärkten vergrault, Verschärfungen im Immobiliensektor und eine höhere Inflation führten zu einem Kursrückgang chinesischer Aktien. Moody's senkte den Ausblick für die Chinas Kreditwürdigkeit von positiv auf stabil, woraufhin sich Kupfer und Öl deutlich verbilligten, da Investoren eine schwächere Nachfrage aus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt fürchteten. Quelle: Reuters
BrasilienBrasilien war 2012 ein beliebtes Investitionsziel: Anleger brachten insgesamt 65,3 Milliarden Dollar in das lateinamerikanische Land. Trotzdem nahm das Wachstum über das gesamte Jahr 2012 um 0,9 Prozent ab. Nur im letzten Quartal stieg das Wachstum um -1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. In den ersten beiden Monaten 2013 gingen daraufhin die Zuflüsse von neun Milliarden Dollar im selben Zeitraum des Vorjahres auf 7,5 Milliarden Dollar zurück. Auch die Kurse brasilianischer Aktien gingen wegen des schwächeren Real, der höheren Arbeitslosigkeit, der Inflation und des relativ geringeren BIP-Wachstums auf Talfahrt. Quelle: dpa
IndienDie Reserve Bank of India (RBI) hat ihre Wachstumsprognose für 2013 von 5,8 Prozent auf 5,5 Prozent gesenkt. Behalten die Experten Recht, wäre das die niedrigste Wachstumsrate seit 2003. Schon 2012 hatte das Bruttoinlandsprodukt unter der schwächelnden Landwirtschaft und der Schwäche im Dienstleistungssektor zu leiden. Das BIP-Wachstum Indiens ging von 5,3 Prozent im dritten auf 4,5 Prozent im vierten Quartal zurück. Hoffnung ruht jetzt auf dem Vorhaben der Zentralbank, die Richtlinien für Banklizenzen an private und öffentliche Gesellschaften zu vereinfachen. Dadurch könnten weitere Banken gegründet werden. Quelle: AP
Südafrika2012 ist die südafrikanische Wirtschaft um 2,5 Prozent gewachsen, nach 3,5 Prozent im Jahr 2011. Die Kapitalzuflüsse ausländischer Investoren (foreign direct investments) nahmen im Jahr 2012 sogar um 24 Prozent ab. Mit Kapitalzuflüssen in Höhe von 4,5 Milliarden Dollar war das das schlechteste Ergebnis seit dem Jahr 2010. Grund für das rückläufige Wachstum und die daraus resultierende Investorenflucht sollen hohe Treibstoffpreise, Inflation, eine Abwertung des Rand sowie eine schwächere Auslandsnachfrage nach südafrikanischen Exporten sein. Dementsprechend senkte die südafrikanische Regierung auch für 2013 die Prognose: Statt 3,0 Prozent soll das BIP nur um 2,7 Prozent wachsen. Quelle: dpa
TürkeiIn der Türkei schwächelt die Binnennachfrage. Das Wirtschaftswachstum im Jahr 2012 betrug nur noch 2,2 Prozent - das ist der niedrigste Wert seit 2009. In den Jahren 2010 und 2011 erzielte die Türkei noch Wachstumsraten von neun Prozent. Quelle: AP
RusslandAuch in Russland fiel das Wirtschaftswachstum auf den niedrigsten Stand seit 2009 zurück: 2012 erreichte das BIP-Wachstum nur 3,4 Prozent. 2011 waren es noch 4,3 Prozent Wachstum gewesen. Analysten hoffen auf die rund 30 Wirtschaftsabkommen, die die russische Regierung mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping geschlossen hat. Energielieferungen und Militärtechnologie könnten die Wirtschaft beider Länder ankurbeln. Quelle: AP
SüdkoreaInsgesamt ist das südkoreanische BIP im Jahr 2012 um zwei Prozent gewachsen - das ist das schlechteste Ergebnis seit 2009. Schuld an der vergleichsweise mauen Entwicklung sind die schwachen Exportzahlen, der unerwartet schwache globale Aufschwung und geringere Investitionen. Auch 2013 soll es nicht viel besser werden: Das Finanzministerium senkte seine Wachstumsprognose von 3,0 auf 2,3 Prozent. Quelle: AP
OsteuropaAber nicht nur in Asien, Lateinamerika und Afrika geht dem Wachstum die Puste aus: Die europäischen Märkte gehörten zu den schwächsten überhaupt, weil die Sorge um Zypern die Anleger einen Bogen um die Region machen ließ. Besonders schlecht schnitten die Tschechische Republik und Polen ab, die das letzte Quartal 2012 mit einem zweistelligen Rückgang beendeten. Quelle: dpa

In einem wirklich atemberaubenden Tempo haben sich in den vergangenen Jahren die Gewichte in der Weltwirtschaft verschoben. Die traditionellen Industrienationen haben gegenüber den Emerging Markets erheblich an Bedeutung verloren. Doch plötzlich ist dieser Trend zum Stillstand gekommen. Mehr noch: Die klassischen Industrienationen gehören gegenwärtig zu den klaren Gewinnern der Krise. Dagegen liefern die ehemaligen Wachstumstreiber, die Emerging Markets, aktuell kaum noch neue Impulse für die Weltwirtschaft.

Erleben wir also gegenwärtig den Anfang vom Ende der Globalisierung? Oder stehen wir gar am Anfang einer neuen Krise in den Emerging Markets? Ich glaube nicht. Vielmehr haben sich die Strukturen der Weltwirtschaft in den letzten Jahren stark gewandelt und dieser Veränderungsprozess wird sich auch weiterhin fortsetzen. Allerdings – inzwischen kämpfen viele dieser Länder mit ähnlichen Problemen wie die klassischen Industrienationen.

In der Tat stehen viele Schwellenländer in diesen Tagen vor einer gewissen Zäsur. Sie werden langsam „erwachsen“. Und das hat für diese Länder sowohl positive als auch negative Folgen. Negativ ist: Die Produktionskosten und insbesondere das Lohnniveau sind in diesen Ländern bereits erheblich gestiegen. Damit dürften sich in Zukunft jedoch die Waren verteuern und der seit Jahren inflationsdämpfende Effekt durch die günstigen Exportwaren sollte an Bedeutung verlieren. Dieser Lohndruck hat aber zugleich auch positive Seiten. Denn die steigenden Einkommen stimulieren die Wirtschaft und führen zu einem stärkeren binnenwirtschaftlichen Wachstum. Die Länder wandeln sich also mittelfristig von einem reinen Niedriglohnanbieter zu Volkswirtschaften, die ausländisches Kapital durch eine stabile und nachhaltige binnenwirtschaftliche Entwicklung anziehen.

Stefan Bielmeier ist seit 2010 der Chefvolkswirt und Leiter Research der DZ Bank, dem Zentralinstitut von mehr als 900 Genossenschaftsbanken. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Das ist aber nur eine der Ursachen für die aktuelle Wachstumsverlangsamung in den Ländern der Emerging Markets. In Wahrheit gibt es hier sehr viele und sehr unterschiedliche Gründe. Denn diese Länder sind längst nicht mehr als einheitlicher Block zu sehen. China ist beispielsweise gerade dabei, sein Wirtschaftsmodell zu adjustieren. So möchte die chinesische Regierung die binnenwirtschaftliche Dynamik des Landes nachhaltig steigern und weniger von der Exportnachfrage abhängen. Während der Eurokrise hat die merklich nachlassende Nachfrage aus dem Euroraum zu einem deutlichen Konjunktureinbruch in China geführt und die chinesische Regierung musste infolge die Wirtschaft mit Konjunkturprogrammen stützen.

Solche Abhängigkeiten möchte man in Zukunft wohl reduzieren. Diese Adjustierung hat aber eine erhebliche Wachstumsverlangsamung zur Folge. Denn die Industriestruktur muss angepasst werden und das verfügbare Einkommen sollte über die Zeit steigen, was zunächst Marktanteile kosten sollte. Dieser Verlust an wirtschaftlicher Dynamik, soll dann später mit einer kräftigen Binnenwirtschaft kompensiert werden.

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