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Seltene Erden China verknappt Angebot seltener Rohstoffe

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle protestiert in Peking gegen die Verknappung der Ausfuhr seltener Erden.

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Seltene Erden Quelle: LAIF/SINOPIX/RICHARD JONES

Herr Hu hatte alles so schön eingefädelt. In der rohstoffreichen Inneren Mongolei kaufte der Geschäftsmann 4100 Tonnen Lanthanoxid. Über einen Strohmann wollte der Chinese das seltene Mineral an einen Kunden in Japan verschiffen. Um die strengen Ausfuhrbeschränkungen zu umgehen, fälschte Hus Komplize die Zollpapiere: Von Eisenoxid ist dort die Rede. Doch die Behörden im nordchinesischen Qingdao stoppten die verbotene Lieferung. Marktwert der Ladung: fast zehn Millionen Euro.

Das krumme Geschäft des Duos ist kein Einzelfall. Immer öfter gehen Chinas Behörden in letzter Zeit Schmuggler ins Netz, die sich auf den lukrativen Schmuggel von Spezialrohstoffen spezialisiert haben.

Dass der Schwarzmarkt mit diesen Gütern floriert, hat einen einfachen Grund: China, der weltweit mit Abstand größte Förderer der sogenannten seltenen Erden, hält das Angebot künstlich knapp. Im Juli kürzte die Regierung die Quote für die Ausfuhr der Spezialrohstoffe für die zweite Jahreshälfte um 72 Prozent. Hat China 2009 noch 60.000 Tonnen seltener Erde auf den Weltmarkt gebracht, dürften es im laufenden Jahr nur noch 38.000 Tonnen sein. Experten gehen davon aus, dass Peking die Ausfuhrbeschränkungen in Zukunft beibehalten wird. „Für die nächsten fünf bis zehn Jahre“ werde es daher ein Versorgungsdefizit für die Industrie geben, sagt Nicholas Curtis, Vorsitzender des Minenbetreibers Lynas in Australien.

Konkret geht es um Lanthan, Lanthanoide sowie Mineralien wie Yittrium und Scandium. Nach ihrer Aufbereitung werden diese Stoffe weltweit bei der Fertigung zahlreicher High-Tech-Produkte eingesetzt. Katalysatoren, Windräder, Elektro- und Hybridautos: Überall fließen die überwiegend aus China stammenden Spezialrohstoffe in die Fertigung ein. Auch bei Brennstoffzellen, LCD-Bildschirmen oder in der Medizintechnik geht nichts ohne die seltenen Erden.

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    In vielen dieser Branchen ist Deutschland weltweit führend. Pekings drakonische Politik stellt daher auch für deutsche Unternehmen ein hohes Bedrohungspotenzial dar. Bei seinem Chinabesuch am Dienstag dieser Woche will Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) das Thema ganz oben auf die Tagesordnung setzen. Die Europäische Union hat bereits eine Klage bei der Welthandelsorganisation WTO eingereicht. „Es gibt Befürchtungen, dass die Chinesen uns die Luft abdrücken“, sagt ein hoher EU-Beamter in Peking.

    Konkurrenz gab auf

    Zwar lagern unter der chinesischen Erde nur etwa ein Drittel der weltweiten Vorkommen an seltenen Erden. Gleichzeitig fördert das Riesenreich aber 95 Prozent der in aller Welt verwendeten Spezialrohstoffe. Der Grund: Die meisten anderen Förderländer, wie etwa die USA und Australien, haben ihre Minen in den vergangenen Jahrzehnten stillgelegt. Sie konnten mit den extrem umweltbelastenden Billig-Bergwerken im Reich der Mitte mit ihren Niedriglöhnen nicht mehr konkurrieren.

    Damit soll jetzt Schluss sein. Chinas Regierung will den stark zersplitterten Sektor umfassend reorganisieren – mit ein Grund für die gekürzten Exportquoten. Viele kleine Bergwerke – chinesische Medien berichten von bis zu 1000 – werden illegal betrieben. Um Umwelt und Sicherheit kümmern sich die Chefs der Minen meist nicht. Diese Bergwerke will Peking nach und nach schließen. Wer künftig seltene Erden fördern wolle, brauche eine Lizenz der Pekinger Zentralregierung, sagt Liu Shuchen vom Ministerium für Land und Rohstoffe. „Die Quote hat drei Ziele“, erklärt der Funktionär, „den Markt neu zu ordnen, unsere Umwelt zu schützen und einen angemessenen Preis für diese wertvollen Rohstoffe zu erhalten.“

    Verwendung von seltenen Erden weltweit

    Vor allem beim Aufräumen der Umweltschäden steht China vor gewaltigen Herausforderungen. In der Inneren Mongolei, wo sich nach chinesischen Medienberichten rund 450 der illegalen Bergwerke befinden sollen, sind ganze Landstriche nicht mehr bewohnbar. Die Stadt Baotou zählt angeblich zu den schmutzigsten Städten der Welt. Dort befindet sich der mit Abstand größte Tagebau für seltene Erden. Die Krebsraten und Kindersterblichkeit der Stadt sind deutlich höher als in anderen Teilen des Landes. „Die Welt kann nicht erwarten, dass wir auf Kosten unserer Umwelt diese Rohstoffe zu Niedrigpreisen abgeben“, sagt Liu.

    Doch Chinas kommunistischen Führern geht es nicht nur um die Umwelt, sondern auch ums Geld. Im Juli, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in China ihren Amtskollegen Wen Jiabao traf, teilte dieser ihr unmissverständlich mit, wohin die Reise gehen wird. Seltene Erden, so der chinesische Regierungschef zu Merkel, dürften nicht billig wie Salz sein, sondern müssten so teuer sein wie Gold. Eine wichtige Rolle bei den Planungen der kommunistischen Herrscher spielt aber auch, dass China bei erneuerbaren Energien und Elektromobilität einen Platz unter den führenden Nationen der Welt anstrebt.

    Dazu braucht das Land die seltenen Erden. Die neue Politik zu den Spezialrohstoffen ist nur ein weiterer Baustein in Pekings Strategie, seine wirtschaftliche und technologische Entwicklung langfristig zu sichern.

    Der Westen sucht unterdessen nach Wegen, sich von der drakonischen Politik des kommunistischen Regimes unabhängig zu machen. Schon gibt es Überlegungen, stillgelegte Bergwerke wieder in Betrieb zu nehmen oder neue Minen anzulegen. Immerhin lagern nach Angaben von US-Geologen in den GUS-Staaten 19 Millionen Tonnen seltener Erden, in den USA 13 Millionen Tonnen und in Australien 4,5 Millionen Tonnen. Der Minenbetreiber Lynas etwa plant, im Westen Australiens wieder mit der Förderung seltener Erden zu beginnen.

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      Das Problem: Vom Beginn der Arbeiten an einem Bergwerk bis zum Start der Förderung vergehen rund fünf Jahre. Schmuggler wie Hu und sein Komplize werden darum vorerst weiterhin gut zu tun haben.

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