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Städteranking 2011 Ausgerechnet Kassel!

Seit dem Ende der großen Arbeitslosigkeit rätselt Europa über das Geheimnis des deutschen Wirtschaftswunders. Die Sieger im Städtetest von WirtschaftsWoche, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und IW Köln offenbaren die Essenz des Erfolgs à la teutonne – und die Verlierer zeigen, woran es anderswo mangelt.

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Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen hat allen Grund zur Freude: Kaum eine deutsche Stadt entwickelte sich so positiv wie Kassel. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt, der Wohlstand nimmt zu.

Für gewöhnlich folgen Konjunktur und Stimmung in Kassel einem strengen Fünf-Jahres-Rhytmus. Einige Wochen vor und während der weltweit beachteten Kunstschau Documenta befindet sich die Stadt in Aufruhr, Hotels und Privatunterkünfte sind restlos ausgebucht. Wenn es das nächste Mal soweit ist, wird sogar ein leer stehendes Gefängnis zur Pension, nur die Zellentüren brauchen noch Griff und Schlüsselloch auf der Innenseite. Ist das Spektakel vorbei, ergeht man sich für den Rest der Zeit in Melancholie.

Die nächste Documenta steigt im Sommer 2012, nach Kalender ist also Schwermut angesagt. Doch Bertram Hilgen kommt aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus. Hilgen, 57, ist Oberbürgermeister von Kassel, ein gewissenhafter und zurückhaltender Sozialdemokrat. Gerade hat er das Museum „Neue Galerie“ eröffnet, 25 Millionen Euro hat das Land Hessen in die Erneuerung des historischen Gebäudes investiert. Insgesamt fließen bis 2015 gut 200 Millionen Euro vom Land in die Museen der Stadt, das ist mehr als die Hälfte der gesamten Kulturinvestitionen des Landes.

Die besten Städte für Akademiker
Rang 10, Nürnberg: In der bayerischen Stadt arbeitet jeder dritte Meinungsforscher Deutschlands. Außerdem ist Nürnberg ein Zentrum der Informations- und Kommunikationsindustrie, sowie in den Bereichen Verkehr und Logistik. Erfreulich: In Nürnberg steigt die Zahl der Unternehmen. Das Gewerbesaldo – also die Zahl der Gewerbeanmeldungen minus der Zahl der -abmeldungen – liegt bei 3,2 je 1.000 Einwohner. Das bedeutet Rang 6 im Städteranking. Auch die Ingenieursdichte (4,1 Ingenieure je 1000 Einwohner, Rang 11) und das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner (45.602 Euro, Rang 12) sind überdurchschnittlich. In der Rangliste "Die besten Städte für Akademiker" landet Nürnberg auf Rang 10. Quelle: dpa
Rang 9, Mannheim: 53.275 Euro erwirtschaftet im Durchschnitt jeder Mannheimer pro Jahr. Damit liegt Mannheim im Städtevergleich auf Rang 7. Darüber hinaus hat Mannheim die neunthöchste Ingenieursdichte Deutschlands. Insgesamt springt für die Universitätsstadt Rang 9 heraus. Quelle: PR Stadt Mannheim
Rang 8, Wiesbaden: Knapp ein Drittel (30,5 Prozent) aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Wiesbaden arbeitet in wissensintensiven Dienstleistungsbranchen. Das ist der zehntbeste Wert im Deutschland-Vergleich. Das liegt zum einen an dem hohen Verwaltungsanteil als Landeshauptstadt Wiesbadens. Darüber hinaus sind aber auch die „R+V Versicherung“, die „Nassauische Sparkasse“ (Naspa) und die „SV SparkassenVersicherung“ große Arbeitgeber. Insgesamt erwirtschaftet jeder Wiesbadener im Jahr ein BIP in Höhe von 48.737 Euro (Rang 9). Quelle: dpa
Rang 7, Hamburg: Die Hansestadt boomt. Bestes Beispiel ist das Gewerbesaldo. Die Zahl der Gewerbeanmeldung minus der Zahl der -abmeldung liegt bei 4,6 je 1000 Einwohner. In keiner anderen deutschen Stadt ist der Wert höher. Auch beim BIP je Einwohner (49.327 Euro, Rang 8), der Ingenieursdichte (3,4, Rang 14) sowie beim Anteil der Beschäftigten in wissensintensiven Dienstleistungsbranchen (28,0 Prozent, Rang 13) liegt Hamburg über dem Durchschnitt.    Quelle: dpa
Rang 6, Ludwigshafen: Die BASF-Stadt hat die zweitgrößte Ingenieursdichte in Deutschland. Auf 1000 Einwohner kommen 6,4 Ingenieure. Darüber hinaus punktet Ludwigshafen mit dem drittgrößten BIP je Einwohner (56.510 Euro). Quelle: dpa
Rang 5, Karlsruhe: Keinen Spitzenplatz, aber durch die Bank überdurchschnittlich: Karlsruhe weist das sechstgrößte BIP je Einwohner auf (54.072 Euro) und die fünfhöchste Ingenieursdichte (4,9 Ingenieure je 1000 Einwohner). Zudem arbeiten über 30 Prozent der Arbeitnehmer in wissensintensiven Dienstleistungsbranchen, Rang 9. Quelle: dapd
Rang 4, Düsseldorf: Die Rheinmetropole gilt als „Schreibtisch Nordrhein-Westfalens“. 16 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (SVB) haben einen FH- oder Hochschulabschluss, 32,7 Prozent der SVB arbeiten in wissensintensiven Dienstleistungsbranchen. Das BIP je Einwohner beträgt 73.766 Euro – der zweithöchste Wert Deutschlands. Quelle: dpa

„Kassel bekommt die Bedeutung, die es als Kunststadt verdient“, sagt Hilgen. Schließlich sei Kassel hinter Frankfurt und Stuttgart die Stadt mit der drittgrößten Dichte an Museen im Land. Das weiß bloß keiner. Man muss den üppigen Geldfluss Richtung Kassel als Signal verstehen dafür, dass der Glaube an ein Gedeihen der Stadt zumindest schon bis Wiesbaden reicht. „Kassel ist eine unserer wichtigsten Boomregionen“, sagt Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Während die gesamte deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahren einen fulminanten Aufstieg erlebt hat, hebt sich Kassel in besonderem Maße von dieser Entwicklung ab. Nirgendwo sonst ist zugleich die Zahl der Langzeitarbeitslosen so stark gefallen, während sich zugleich der Wohlstand deutlich erhöhte.

Umfassende Analyse
Für das Städteranking haben WirtschaftsWoche und Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) bereits zum achten Mal das Kölner Beratungshaus IW-Consult, Tochter des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), mit einer umfassenden Analyse der Entwicklung Deutschlands größter Städte beauftragt. Insgesamt nahmen die Forscher von Berlin (3,5 Millionen Einwohner) bis Solingen (160.000) 50 Städte anhand von 91 Indikatoren unter die Lupe. Sie griffen auf mehr als ein Dutzend Quellen wie die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, die Daten des Statistischen Bundesamtes oder der Bundesagentur für Arbeit zurück und ermittelten zudem eine Reihe von Daten exklusiv für den Test.

Der Osten holt auf

Kassel siegt im Dynamikranking, München im Niveau-Ranking. Quelle: dpa

Heraus kommt die umfassendste Vergleichsuntersuchung ihrer Art hierzulande. Es ist ein Konvolut von Daten, anhand derer sich Zusammenhänge zwischen Armut und Kriminalität, Verwaltungseffizienz und Unternehmensansiedlungen oder Arbeitsmarkt und Abwanderung nachvollziehen lassen. Den Kern bilden zwei Tabellen, die Antwort geben auf die Kardinalfragen der regionalen Wirtschaftsentwicklung: „Wo im Land geht es den Menschen am besten?“ und „Wo wächst Deutschland am dynamischsten?“

Die kurze Antwort: München und Kassel. Die lange: Die Geografie der deutschen Wirtschaftsentwicklung kennt einige Konstanten und ein paar langsame, aber wohl unaufhaltsame Verschiebungen. Der Osten holt auf; wo es Universitäten und gute Verkehrsanbindung gibt, entsteht Wachstum; im Ruhrgebiet gibt es zu viele Städte, die sich bei ihrer Entwicklung gegenseitig behindern.

Wie in den Vorjahren landet im Niveauranking München ganz vorne. Erstaunlich an diesem Ergebnis ist vor allem der Abstand zum ersten Verfolger Stuttgart. Grund dafür ist vor allem das einzigartige Wohlstandsniveau: Bei der Kombination aus Kaufkraft, pro Kopf gezahlter Einkommensteuer und dem verfügbaren Einkommen liegt der Wert Münchens (19,9) um ganze 17 Prozent über dem des zweitplatzierten Düsseldorf, die relativen Distanzen zwischen den weiteren Städten liegen allesamt unter fünf Prozent. Hinzu kommt ein großer Vorsprung bei der Arbeitslosigkeit, der die Position Münchens für die nächsten Jahre zementieren dürfte.

Die Ökonomen von IW-Consult erklären sich das vor allem mit der abwechselungsreichen und robusten Struktur des Arbeitsmarkts. „Die Entwicklung Münchens hängt kaum von einzelnen Branchen ab“, so IW-Mann Michael Bahrke, „sondern basiert vor allem auf der hohen Qualifikation der hier ansässigen Fachkräfte“.

Die besten Städte für Unternehmen
Rang 10, Düsseldorf: Die Arbeitskosten sind in der Rheinmetropole überdurchschnittlich hoch (40.149 Euro, Rang 42), doch gleichzeitig punktet Düsseldorf mit der höchsten Produktivität Deutschlands. Jeder erwerbstätige Düsseldorfer erwirtschaftet ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Höhe von 89.412 Euro. Die Arbeitgeber vor Ort bescheinigen zudem auch der Stadt ein gutes Wirtschaften. 52,5 Prozent der Unternehmen finden, dass die Stadtverwaltung sparsam und wirtschaftlich arbeitet (Rang 4). Daraus folgt: Düsseldorf ist die zehntbeste Stadt für Unternehmen. Quelle: dpa
Rang 9, Oldenburg: Die „Stadt der Wissenschaft 2009“ belegt in keiner Kategorie einen Spitzenplatz, liegt aber in den meisten Punkten über dem Durchschnitt. So ist die Mehrheit der Unternehmen mit der Kostenbelastung in Oldenburg zufrieden (52,0 Prozent, Rang 13); die Sparsamkeit der Stadtverwaltung wird von 44,3 Prozent der Arbeitgeber gelobt (Rang 8). Quelle: PR Stadt Oldenburg (Oldb)
Rang 8, Freiburg: Der Gewerbesteuerhebesatz liegt in Freiburg bei 400 Prozent. Das ist der zweitniedrigste Wert im Bundesvergleich. 61,3 Prozent der Unternehmen sind zudem mit dem wirtschaftlichen Handeln und der Sparsamkeit der Stadtverwaltung zufrieden, ebenfalls Rang 2 im Städteranking 2011. Da die Produktivität aber unterdurchschnittlich ist, landet Freiburg im Unternehmens-Ranking nur auf Rang 8. Quelle: APN
Rang 7, Magdeburg: Die Hauptstadt Sachsen-Anhalts punktet mit den niedrigsten Arbeitskosten unter den deutschen Großstädten. Für Lohn- und Gehaltskosten, Lohnnebenkosten und Sozialleistungen zahlen die Unternehmen in Magdeburg durchschnittlich 29.021 Euro je Beschäftigtem. Zudem wird der Stadtverwaltung ein positives Zeugnis ausgestellt: 41,8 Prozent der Arbeitgeber sind mit deren Wirtschaftskompetenz zufrieden (Rang 13). Insgesamt landet Magdeburg damit auf Rang 7. Quelle: dpa
Rang 6, Hamm: Die Ruhrgebietsstadt galt einst als Hochburg des Bergbaus. Heute ist Hamm vor allem als Logistikstandort populär. Die Autobahnen 1 und 2 sowie drei internationale Flughäfen liegen schließlich in unmittelbarer Umgebung. Die Kostenbelastung für Unternehmen in Hamm ist überdurchschnittlich gering. 54,1 Prozent der Arbeitgeber halten die Kosten für Ver- und Entsorgung sowie die Grund- und Gewerbesteuer für zufriedenstellend, Rang 6. Auch die durchschnittlichen Arbeitskosten sind mit 33.346 Euro je Arbeitnehmer vergleichsweise gering (Rang 9). Quelle: dapd
Rang 5, Chemnitz: Die drittgrößte Stadt Sachsens ist die in Mitteldeutschland am stärksten industrialisierte Region. Neben den Kernbranchen Automobilindustrie und Maschinenbau sorgen zahlreiche Zulieferungsbetriebe in der Umgebung für Jobs. Die Arbeitskosten für Unternehmen sind sehr gering (29.458 Euro je Arbeitnehmer, Rang 2). Die Mehrheit der Arbeitgeber lobt zudem die Kostendisziplin der Stadtverwaltung (50,6 Prozent, Rang 6). Quelle: dpa
Rang 4, Osnabrück: Die Arbeitgeber in Osnabrück loben die Kostenbelastung für Unternehmen vor Ort. 61,5 Prozent der Arbeitgeber halten die Kosten für Ver- und Entsorgung sowie die Grund- und Gewerbesteuer für zufriedenstellend, Rang 2. Die Arbeitskosten liegen im oberen Mittelfeld (34.053 Euro je Beschäftigter, Rang 14), ebenso die Zustimmung der Unternehmen zu der Arbeitsweise der Stadtverwaltung (Anteil der Positivantworten: 41,6 Prozent, Rang 14). Quelle: PR Stadt Osnabrück

Großstadt als letzter Ausweg
Vor allem aber ist die Stadt das Zentrum des wirtschaftlich erfolgreichsten Bundeslandes. In Bayern naht die Vollbeschäftigung, einige Mittelstädte wie Eichstätt oder Erding haben sie bereits erreicht. Dadurch fehlt München der Druck durch das, was Ökonomen die „letzte Wanderungsoption“ nennen. Denn Großstädte müssen oft schlucken, was auf dem Land schief geht. Sind dort die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erschöpft, ist der Gang in die Großstadt das letzte Mittel. Dort stranden dann all jene, deren Qualifikationen nicht für den Arbeitsmarkt genügen. „Im Gegensatz zu anderen Städten haben die Verantwortlichen hier früh begriffen, dass sie durch Zusammenarbeit mehr erreichen können“, sagt IW-Experte Bahrke. Ob das Zentrum der Biotechnologie in Martinsried oder der Business Park am Flughafengelände bei Freising – rund um München gibt es eine Reihe von kleineren Orten, die dafür sorgen, dass sich die finanziellen Profite des Münchener Humankapitals nicht auf das Stadtgebiet selbst beschränken.

Dabei profitiert München von dem, was in Bayern in den Jahrzehnten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg passierte. Während die Industriezentren im Westen sich darauf beschränkten, auf die billige Verfügbarkeit von Kohle zu vertrauen und die Schwerindustrie zu stützen, sah sich Bayern mit einem doppelten Problem konfrontiert. Zum einen traf die Flüchtlingswelle der Vertriebenen fast ausschließlich Bayern, zum anderen war das Land so gering industrialisiert wie kein anderes.

Grund des Erfolgs

Ein Blick auf die

Doch bald wurden genau diese Probleme zu Erfolgsfaktoren. Denn als im wirtschaftswundernden Westen Deutschlands Land und Arbeitskräfte knapp wurden, gab es in Bayern noch beides im Überfluss. 1957 lag das BIP-Wachstums Bayern über Bundesdurchschnitt, daran sollte sich über Jahrzehnte nichts mehr ändern. Zudem preisen Wirtschaftshistoriker die Strukturpolitik dieser Zeit: Anders als im Westen steuerte man in Bayern die Entwicklung so, dass eine ganze Reihe von autarken Mittelzentren entstehen konnten. Weder zu klein, um von einem Arbeitgeber abzuhängen, noch zu verdichtet, um sich gegenseitig das Wasser abzugraben. Als im vergangenen Jahr auch Städte zwischen 60.000 und 150. 000 Einwohnern in das Ranking einbezogen wurden, belegten Städte wie Erlangen, Ingolstadt, Rosenheim, Kempten oder Landshut Spitzenplätze.

Die gerade stattfindenden Veränderungen hingegen zeigen sich beispielhaft in Kassel und exemplarisch an Thomas Landgraf, 40 Jahre alt, Unternehmer. Landgraf ist ein schlaksiger Typ, steckt in übergroßer Kleidung und trägt die Haare lang. Er hat gerade sein zweites Unternehmen gegründet, das Softwares Micromata brachte es auf gut 70 Mitarbeiter, als er im Sommer ausstieg. Jetzt setzt er eine Idee des Kasseler Fraunhofer-Instituts um, der Informationsdienst Enercast berechnet auf Basis von Wetterdaten den Ertrag erneuerbarer Energieträger im Voraus, minutengenau. Einer wie Landgraf könnte in Berlin sitzen und aus einer umgebauten Fabrikhalle davon erzählen, wie er das nächste Google vorbereitet. Stattdessen ist sein Büro im ersten Stock eines frisch verputzten Reihenhauses im Kasseler Westen, Latte Macchiato gibt’s beim Rewe eine Etage weiter unten. Er sagt: „Es gab für mich nie einen Grund, Kassel zu verlassen.“

Hier lebt es sich am besten
Rang 10, Rostock: Die Ostseestadt mit ihren knapp mehr als 200.000 Einwohnern liegt in Sachen Kleinkinder-Betreuung ganz vorne: 54,9 Prozent der Unter-Dreijährigen besuchen eine Kindertagesstätte, Rang 1 im Städteranking 2011. An der Ostsee gibt es zudem zahlreiche Möglichkeiten, sich zu erholen – Rostock landet im Ranking der lebenswertesten Städte Deutschlands auf Rang 10. Quelle: Fotolia
Rang 9, Oldenburg: Als einzige norddeutsche Stadt schafft es Oldenburg in die Top 10. Sie kann bei ihren Bürgern u.a. mit einer guten Verkehrsinfrastruktur punkten. So ist die Innenstadt von einem Autobahnring umgeben, an dem die A28 sowie die A29 angeschlossen sind. Seit Mitte 2010 ist die Stadt zudem an das Netz der S-Bahn Bremen angebunden. 77,5 Prozent der Bürger sind mit der Infrastruktur in Oldenburg zufrieden. Quelle: Fotolia
Rang 8, Bonn: Die ehemalige Hauptstadt besitzt mit dem Freizeitpark Rheinaue einen 160 Hektar großen Landschaftspark. Daneben gibt es mehrere kleine Parkanlagen und Erholungsmöglichkeiten. Bonn ist an die Autobahnen 59, 555, 562 und 565 angeschlossen und liegt nur rund 15 Kilometer vom Flughafen Köln/ Bonn entfernt. Quelle: dapd
Rang 7, Halle (Saale): Die gut 230.000 Einwohner der sachsen-anhaltinischen Stadt können auf ein breites Kita-Angebot zurückgreifen. 49,8 Prozent der Kleinkinder besuchen eine Kindertagesstätte. Die Betreuungsquote der Unter-Dreijährigen ist damit nur in zwei deutschen Großstädten höher. Auch deshalb ist Halle an der Saale die Stadt mit der siebtgrößten Lebensqualität. Quelle: dpa
Rang 6, München: Der Sieger des Gesamtrankings punktet auch in Sachen Lebensqualität. Ein Großteil der Münchner ist mit der Verkehrsinfrastruktur zufrieden (83,8 Prozent, Rang 7), eine Mehrheit der Bürger in der Landeshauptstadt auch mit der Ausstattung von Schulen und Berufsschulen (54,2 Prozent, Rang 7). Quelle: dpa
Rang 5, Magdeburg: Knapp 90 Kilometer und nur zwei Plätze im Ranking auseinander liegen Magdeburg und Halle (Saale). Beide Städte ähneln sich: Sie liegen in Sachsen-Anhalt, haben jeweils gut 230.000 Einwohner – und können eine gute Infrastruktur aufweisen. Magdeburg punktet vor allem in Sachen Kinderbetreuung. 52,9 Prozent der Unter-Dreijährigen gehen in die Kita. Damit liegt Magdeburg im Deutschlandvergleich auf Rang 2, knapp hinter Rostock. Quelle: dpa
Rang 4, Karlsruhe: In der drittgrößten Stadt Baden-Württembergs leben knapp unter 300.000 Menschen. Auch wenn die Stadt in Sachen Kinderbetreuung nur leicht überdurchschnittlich ist (Rang 17), punktet Karlsruhe in Sachen Lebensqualität. Großes Plus: Ein Großteil der Bürger lobt die Bildungsinfrastruktur. 71,6 Prozent sind mit der Ausstattung der Schulen und Berufsschulen vor Ort zufrieden, nirgendwo ist die Quote der Positivantworten höher. Quelle: dpa

Vertrauen auf alte Stärken
Denn Kassel hat, was einigen ähnlich großen Städten, vor allem denen im Ruhrgebiet, fehlt: Universität und ICE-Bahnhof. Wie kaum anderswo zeigt sich in Kassel der enge Zusammenhang zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum. Erst 1970 wird die Universität gegründet, Bürgermeister Hilgen nennt es „das wichtigste Ereignis seit dem Krieg“.

Wie wahr das ist, zeigt sich schon wenige Jahre später. Um Werner Kleinkauf, der als einer der ersten davon überzeugt ist, dass die Zukunft der Energie den dezentralen erneuerbaren Quellen gehört und bei dem auch Thomas Landgraf studiert, sammelt sich in den Achtzigerjahren eine Schar von höchst talentierten Nachwuchsforschern. Drei von ihnen gründen 1981 SMA Solar, heute Weltmarktführer in der Herstellung von Wechselrichtern, dem Herzstück jeder Solaranlage. Viele andere machen es wie Landgraf, kleinere Produktions- und Dienstleistungsunternehmen rund um erneuerbare Energie entstehen. Allein SMA hat in den vergangenen fünf Jahren mehrere Tausend Stellen am Standort Niestetal bei Kassel geschaffen, gerade hat eine Studie ergeben, dass aus den Ausgründungen der Universität in Kassel insgesamt mehr als 15.000 Arbeitsplätze hervorgegangen sind.

Dennoch lautet die wichtigste Erkenntnis aus dem Erfolg Kassels nicht, sich allein auf die Segnungen der Kopfökonomie zu verlassen. Es ist die Kombination aus dem Vertrauen auf alte Stärken und der Offenheit für Neues. Denn die Vorwürfe, die sich die gesamte deutsche Wirtschaft jahrelang gefallen lassen musste, trafen auf Kassel stets in besonderem Maße zu. Zu viel alte Industrie, zu wenig Dienstleistungen, kaum Innovationen, das Ende naht.

Der Osten liegt vorne

Den Anschluss verloren: Auch nach drei Jahrzehnten steckt das Ruhrgebiet im Strukturwandel fest. Die vielen Städte behindern sich gegenseitig bei ihrer Entwicklung. Quelle: dpa

Die wichtigsten Unternehmen in Kassel kommen nach wie vor aus den Bereichen Fahrzeugbau und Maschinenbau, wie man in Kassel sagt, wenn man den Waffenhersteller Krauss Maffei Wegmann meint. Im benachbarten Baunatal hat Volkswagen sein mit 15.000 Angestellten größtes Werk außerhalb Wolfsburgs. Bombardier baut in Kassel Loks und Züge, Zulieferer tun ihr übriges. Hinter den großen Namen verbarg sich jahrelang vor allem ein hoher Anteil gering Qualifizierter Arbeitskräfte, die nach den diversen Entlassungswellen der Neunzigerjahre kaum neue Jobs fanden. 2005 überschritt die Arbeitslosigkeit in Kassel die Marke von 20 Prozent. Doch statt wie im Ruhrgebiet den Wandel zur Kreativwirtschaft auszurufen, war man in Kassel auch in schwierigen Phasen davon überzeugt, dass was Zukunft haben soll, nur den alten Stärken entspringen kann. „Zur Identität Kassels gehört seine Industrie“, sagt Verwaltungschef Hilgen für den das auch persönlich zutrifft: Sein Sohn arbeitet im VW-Werk Baunatal, wo der Konzern inzwischen die Entwicklung von Elektromotoren angesiedelt hat.

Neben Kassel kommen die größten Aufsteiger im Städtetest aus den ostdeutschen Bundesländern. Das liegt vor allem daran, dass die Erholung auf dem Arbeitsmarkt in den relevanten Jahren 2005 bis 2010 hier deutlicher ausfiel als im Westen. Viele Ökonomen vermuteten lange einen einfachen Zusammenhang: Die ostdeutschen Arbeitsplätze seien weniger exportabhängig, der Abschwung nach der Lehman-Pleite traf sie daher weniger hart. Doch offenbar steckt mehr dahinter: Auch im Boom der vergangenen zwei Jahre übertrifft der Aufschwung im Osten den im Westen.

Demografischer Wandel
Das spiegelt sich inzwischen sogar in der demografischen Entwicklung, der härtesten Währung der regionalen Wirtschaftsentwicklung, wieder. Hatten die Oststädte hier noch vor zehn Jahren die letzten Plätze abonniert, findet sich heute keine einzige von Ihnen mehr unter den zehn Städten mit der schlechtesten Wanderungsbilanz. Magdeburg, Erfurt, Dresden und Leipzig durften in den vergangenen fünf Jahren sogar mehr Neubürger begrüßen als Einwohner die Stadt verließen. „Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass in vielen ostdeutschen Städte nicht nur die Preise gut sind, sondern es inzwischen auch reichlich Jobs für hoch Qualifizierte gibt“, sagt IW-Experte Michael Bahrke. Unter den zehn Städten mit dem höchsten Anteil von Hochschulabsolventen an den Erwerbstätigen finden sich mit Leipzig, Dresden und Chemnitz bereits drei ostdeutsche.

Von einem solchen Imagewandel kann man im Ruhrgebiet nur träumen. Auch drei Jahrzehnte nach dem Beginn des Zechensterbens steckt die Region im Strukturwandel fest. Der Begriff ist dabei längst zum Euphemismus für das anhaltende Ausdünnen der Region geworden, die so ihre vielen Zentren austrocknet. Das entscheidende Problem ist wohl zu offensichtlich, um es anzugehen: Es gibt zu viele städtische Strukturen für immer weniger Menschen.

Vor den ersten Kohlefunden lagen zwischen Ruhr und Emscher viele Felder und ein Dutzend verschlafene Ortschaften entlang des historischen Handelsstrangs Hellweg. Vielleicht führt der Weg eines Tages dahin zurück. Doch bis aus dem Flickenteppich der namenlosen Großstädte eine Perlenkette funktionstüchtiger Mittelstädte geworden ist, bleibt ein langer und schmerzhafter Weg.

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