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Städteranking 2011 Ausgerechnet Kassel!

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Der Osten liegt vorne

Den Anschluss verloren: Auch nach drei Jahrzehnten steckt das Ruhrgebiet im Strukturwandel fest. Die vielen Städte behindern sich gegenseitig bei ihrer Entwicklung. Quelle: dpa

Die wichtigsten Unternehmen in Kassel kommen nach wie vor aus den Bereichen Fahrzeugbau und Maschinenbau, wie man in Kassel sagt, wenn man den Waffenhersteller Krauss Maffei Wegmann meint. Im benachbarten Baunatal hat Volkswagen sein mit 15.000 Angestellten größtes Werk außerhalb Wolfsburgs. Bombardier baut in Kassel Loks und Züge, Zulieferer tun ihr übriges. Hinter den großen Namen verbarg sich jahrelang vor allem ein hoher Anteil gering Qualifizierter Arbeitskräfte, die nach den diversen Entlassungswellen der Neunzigerjahre kaum neue Jobs fanden. 2005 überschritt die Arbeitslosigkeit in Kassel die Marke von 20 Prozent. Doch statt wie im Ruhrgebiet den Wandel zur Kreativwirtschaft auszurufen, war man in Kassel auch in schwierigen Phasen davon überzeugt, dass was Zukunft haben soll, nur den alten Stärken entspringen kann. „Zur Identität Kassels gehört seine Industrie“, sagt Verwaltungschef Hilgen für den das auch persönlich zutrifft: Sein Sohn arbeitet im VW-Werk Baunatal, wo der Konzern inzwischen die Entwicklung von Elektromotoren angesiedelt hat.

Neben Kassel kommen die größten Aufsteiger im Städtetest aus den ostdeutschen Bundesländern. Das liegt vor allem daran, dass die Erholung auf dem Arbeitsmarkt in den relevanten Jahren 2005 bis 2010 hier deutlicher ausfiel als im Westen. Viele Ökonomen vermuteten lange einen einfachen Zusammenhang: Die ostdeutschen Arbeitsplätze seien weniger exportabhängig, der Abschwung nach der Lehman-Pleite traf sie daher weniger hart. Doch offenbar steckt mehr dahinter: Auch im Boom der vergangenen zwei Jahre übertrifft der Aufschwung im Osten den im Westen.

Demografischer Wandel
Das spiegelt sich inzwischen sogar in der demografischen Entwicklung, der härtesten Währung der regionalen Wirtschaftsentwicklung, wieder. Hatten die Oststädte hier noch vor zehn Jahren die letzten Plätze abonniert, findet sich heute keine einzige von Ihnen mehr unter den zehn Städten mit der schlechtesten Wanderungsbilanz. Magdeburg, Erfurt, Dresden und Leipzig durften in den vergangenen fünf Jahren sogar mehr Neubürger begrüßen als Einwohner die Stadt verließen. „Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass in vielen ostdeutschen Städte nicht nur die Preise gut sind, sondern es inzwischen auch reichlich Jobs für hoch Qualifizierte gibt“, sagt IW-Experte Michael Bahrke. Unter den zehn Städten mit dem höchsten Anteil von Hochschulabsolventen an den Erwerbstätigen finden sich mit Leipzig, Dresden und Chemnitz bereits drei ostdeutsche.

Von einem solchen Imagewandel kann man im Ruhrgebiet nur träumen. Auch drei Jahrzehnte nach dem Beginn des Zechensterbens steckt die Region im Strukturwandel fest. Der Begriff ist dabei längst zum Euphemismus für das anhaltende Ausdünnen der Region geworden, die so ihre vielen Zentren austrocknet. Das entscheidende Problem ist wohl zu offensichtlich, um es anzugehen: Es gibt zu viele städtische Strukturen für immer weniger Menschen.

Vor den ersten Kohlefunden lagen zwischen Ruhr und Emscher viele Felder und ein Dutzend verschlafene Ortschaften entlang des historischen Handelsstrangs Hellweg. Vielleicht führt der Weg eines Tages dahin zurück. Doch bis aus dem Flickenteppich der namenlosen Großstädte eine Perlenkette funktionstüchtiger Mittelstädte geworden ist, bleibt ein langer und schmerzhafter Weg.

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