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Städteranking 2011 Ausgerechnet Kassel!

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Grund des Erfolgs

Ein Blick auf die

Doch bald wurden genau diese Probleme zu Erfolgsfaktoren. Denn als im wirtschaftswundernden Westen Deutschlands Land und Arbeitskräfte knapp wurden, gab es in Bayern noch beides im Überfluss. 1957 lag das BIP-Wachstums Bayern über Bundesdurchschnitt, daran sollte sich über Jahrzehnte nichts mehr ändern. Zudem preisen Wirtschaftshistoriker die Strukturpolitik dieser Zeit: Anders als im Westen steuerte man in Bayern die Entwicklung so, dass eine ganze Reihe von autarken Mittelzentren entstehen konnten. Weder zu klein, um von einem Arbeitgeber abzuhängen, noch zu verdichtet, um sich gegenseitig das Wasser abzugraben. Als im vergangenen Jahr auch Städte zwischen 60.000 und 150. 000 Einwohnern in das Ranking einbezogen wurden, belegten Städte wie Erlangen, Ingolstadt, Rosenheim, Kempten oder Landshut Spitzenplätze.

Die gerade stattfindenden Veränderungen hingegen zeigen sich beispielhaft in Kassel und exemplarisch an Thomas Landgraf, 40 Jahre alt, Unternehmer. Landgraf ist ein schlaksiger Typ, steckt in übergroßer Kleidung und trägt die Haare lang. Er hat gerade sein zweites Unternehmen gegründet, das Softwares Micromata brachte es auf gut 70 Mitarbeiter, als er im Sommer ausstieg. Jetzt setzt er eine Idee des Kasseler Fraunhofer-Instituts um, der Informationsdienst Enercast berechnet auf Basis von Wetterdaten den Ertrag erneuerbarer Energieträger im Voraus, minutengenau. Einer wie Landgraf könnte in Berlin sitzen und aus einer umgebauten Fabrikhalle davon erzählen, wie er das nächste Google vorbereitet. Stattdessen ist sein Büro im ersten Stock eines frisch verputzten Reihenhauses im Kasseler Westen, Latte Macchiato gibt’s beim Rewe eine Etage weiter unten. Er sagt: „Es gab für mich nie einen Grund, Kassel zu verlassen.“

Hier lebt es sich am besten
Rang 10, Rostock: Die Ostseestadt mit ihren knapp mehr als 200.000 Einwohnern liegt in Sachen Kleinkinder-Betreuung ganz vorne: 54,9 Prozent der Unter-Dreijährigen besuchen eine Kindertagesstätte, Rang 1 im Städteranking 2011. An der Ostsee gibt es zudem zahlreiche Möglichkeiten, sich zu erholen – Rostock landet im Ranking der lebenswertesten Städte Deutschlands auf Rang 10. Quelle: Fotolia
Rang 9, Oldenburg: Als einzige norddeutsche Stadt schafft es Oldenburg in die Top 10. Sie kann bei ihren Bürgern u.a. mit einer guten Verkehrsinfrastruktur punkten. So ist die Innenstadt von einem Autobahnring umgeben, an dem die A28 sowie die A29 angeschlossen sind. Seit Mitte 2010 ist die Stadt zudem an das Netz der S-Bahn Bremen angebunden. 77,5 Prozent der Bürger sind mit der Infrastruktur in Oldenburg zufrieden. Quelle: Fotolia
Rang 8, Bonn: Die ehemalige Hauptstadt besitzt mit dem Freizeitpark Rheinaue einen 160 Hektar großen Landschaftspark. Daneben gibt es mehrere kleine Parkanlagen und Erholungsmöglichkeiten. Bonn ist an die Autobahnen 59, 555, 562 und 565 angeschlossen und liegt nur rund 15 Kilometer vom Flughafen Köln/ Bonn entfernt. Quelle: dapd
Rang 7, Halle (Saale): Die gut 230.000 Einwohner der sachsen-anhaltinischen Stadt können auf ein breites Kita-Angebot zurückgreifen. 49,8 Prozent der Kleinkinder besuchen eine Kindertagesstätte. Die Betreuungsquote der Unter-Dreijährigen ist damit nur in zwei deutschen Großstädten höher. Auch deshalb ist Halle an der Saale die Stadt mit der siebtgrößten Lebensqualität. Quelle: dpa
Rang 6, München: Der Sieger des Gesamtrankings punktet auch in Sachen Lebensqualität. Ein Großteil der Münchner ist mit der Verkehrsinfrastruktur zufrieden (83,8 Prozent, Rang 7), eine Mehrheit der Bürger in der Landeshauptstadt auch mit der Ausstattung von Schulen und Berufsschulen (54,2 Prozent, Rang 7). Quelle: dpa
Rang 5, Magdeburg: Knapp 90 Kilometer und nur zwei Plätze im Ranking auseinander liegen Magdeburg und Halle (Saale). Beide Städte ähneln sich: Sie liegen in Sachsen-Anhalt, haben jeweils gut 230.000 Einwohner – und können eine gute Infrastruktur aufweisen. Magdeburg punktet vor allem in Sachen Kinderbetreuung. 52,9 Prozent der Unter-Dreijährigen gehen in die Kita. Damit liegt Magdeburg im Deutschlandvergleich auf Rang 2, knapp hinter Rostock. Quelle: dpa
Rang 4, Karlsruhe: In der drittgrößten Stadt Baden-Württembergs leben knapp unter 300.000 Menschen. Auch wenn die Stadt in Sachen Kinderbetreuung nur leicht überdurchschnittlich ist (Rang 17), punktet Karlsruhe in Sachen Lebensqualität. Großes Plus: Ein Großteil der Bürger lobt die Bildungsinfrastruktur. 71,6 Prozent sind mit der Ausstattung der Schulen und Berufsschulen vor Ort zufrieden, nirgendwo ist die Quote der Positivantworten höher. Quelle: dpa

Vertrauen auf alte Stärken
Denn Kassel hat, was einigen ähnlich großen Städten, vor allem denen im Ruhrgebiet, fehlt: Universität und ICE-Bahnhof. Wie kaum anderswo zeigt sich in Kassel der enge Zusammenhang zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum. Erst 1970 wird die Universität gegründet, Bürgermeister Hilgen nennt es „das wichtigste Ereignis seit dem Krieg“.

Wie wahr das ist, zeigt sich schon wenige Jahre später. Um Werner Kleinkauf, der als einer der ersten davon überzeugt ist, dass die Zukunft der Energie den dezentralen erneuerbaren Quellen gehört und bei dem auch Thomas Landgraf studiert, sammelt sich in den Achtzigerjahren eine Schar von höchst talentierten Nachwuchsforschern. Drei von ihnen gründen 1981 SMA Solar, heute Weltmarktführer in der Herstellung von Wechselrichtern, dem Herzstück jeder Solaranlage. Viele andere machen es wie Landgraf, kleinere Produktions- und Dienstleistungsunternehmen rund um erneuerbare Energie entstehen. Allein SMA hat in den vergangenen fünf Jahren mehrere Tausend Stellen am Standort Niestetal bei Kassel geschaffen, gerade hat eine Studie ergeben, dass aus den Ausgründungen der Universität in Kassel insgesamt mehr als 15.000 Arbeitsplätze hervorgegangen sind.

Dennoch lautet die wichtigste Erkenntnis aus dem Erfolg Kassels nicht, sich allein auf die Segnungen der Kopfökonomie zu verlassen. Es ist die Kombination aus dem Vertrauen auf alte Stärken und der Offenheit für Neues. Denn die Vorwürfe, die sich die gesamte deutsche Wirtschaft jahrelang gefallen lassen musste, trafen auf Kassel stets in besonderem Maße zu. Zu viel alte Industrie, zu wenig Dienstleistungen, kaum Innovationen, das Ende naht.

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