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Stanford-Ökonom Cochrane „Die EZB könnte eine nahezu perfekte Institution sein“

John H. Cochrane ist Senior Fellow der Hoover Institution an der Universität von Stanford. In seinem Blog nennt er sich selbst „The Grumpy Economist“.

John Cochrane outet sich überraschend als Fan der Europäischen Zentralbank. Im Interview erklärt der Stanford-Ökonom, was ihn dennoch enttäuscht und wie die EZB zu retten wäre.

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Als Vertreter einer eher konservativen Ökonomenkaste steht John Cochrane nicht gerade im Verdacht, einer lockeren Geldpolitik das Wort zu reden. Umso erstaunlicher, wie Cochrane sich über die Europäische Zentralbank äußert: „Ich bin ein großer Fan der EZB“, rief der aus Stanford angereiste Makroökonom jüngst der versammelten Menge aus Praktikern, Analysten und Beobachtern der Notenbank bei der Fachkonferenz „ECB and its Watchers“ in Frankfurt zu. Am Rande der ECB-Watchers-Konferenz erklärte Cochrane der WirtschaftsWoche, wie er vom Anhänger zum Kritiker der EZB wurde – und wie sie zu retten ist:

Herr Cochrane, wie passt Ihre Aussage, Sie seien „Fan“, zu Ihrer Kritik an der EZB-Politik?
John Cochrane: Die EZB ist vom Grundsatz her eine nahezu perfekte Institution. Ihre Notenbanker waren ursprünglich mit einer einzigen, wunderschönen Aufgabe betraut: Sorgt für Preisstabilität. Punkt.

Was ist schiefgelaufen?
Zentralbanken sind wie ein Zweijähriger mit einem Hammer in der Hand: Für ihn sieht alles aus wie ein Nagel. In einer Demokratie sollten Zentralbanken dagegen oft sagen: Wow, das ist ein großes Problem, aber es ist nicht unser Problem. Tut uns leid, als unabhängige, regelbasierte Behörde können wir das nicht tun.

Haben Sie ein Beispiel?
Es sollte eine unumstößliche Regel sein, dass eine Notenbank keinen Staat vor der Pleite rettet. Dann bräuchte man auch keine Defizitgrenzen festzulegen. Diese Frage wurde aber mit der Einführung des Euro nicht eindeutig geklärt. Stattdessen häuften Banken Staatsanleihen der Euroländer an, in dem Glauben, diese seien frei von Risiko. Als Griechenland seine Schulden nicht mehr bedienen konnte, konnte man, anders als im Falle Argentiniens Anfang des Jahrtausends, nicht mehr einfach sagen, sorry, als Investoren tragt ihr das Ausfallrisiko. Eine große Zahl an Banken wäre untergegangen.

In die Zeit der Rettungspakete fiel Mario Draghis wichtigster Satz: Die EZB werde alles in ihrem Mandat Stehende tun, um den Euro zu retten.
Es war das Versprechen, alles zu tun, das die Märkte beruhigte. Aber um das nicht irgendwann tatsächlich wahrmachen zu müssen, verband Draghi damit zwei Botschaften an die Regierungen. Erstens, es kann nicht ewig so weitergehen. Zweitens, wir geben euch Zeit für strukturelle Reformen. Nichts davon ist bislang passiert.

Kommt nun mit Italien ein viel größeres Problem auf die Eurozone zu?
Es ist die gleiche Situation. Das Brennholz liegt da, es braucht nur noch ein Streichholz.

Hat die EZB mit dem Anleihekaufprogramm ihr Mandat überschritten?
Das ist letztlich eine rechtliche Frage, über die Gerichte entscheiden müssen. Jedenfalls muss das geklärt sein, bevor die nächste Krise ausbricht.

Die EZB klammert sich an ihr Inflationsziel von nahe, aber unter zwei Prozent, und erreicht es trotz Nullzinsen einfach nicht. Ist es an der Zeit, neu zu definieren, was Preisstabilität bedeutet?
Nach meiner Auffassung sollte das Preisniveau konstant sein, nicht das Inflationsziel. Es sollte doch zu denken geben, dass sämtliche Modelle und Daten dem historischen Glauben zuwiderlaufen, dass die Inflation schon steigen wird, wenn die Zinsen sinken.

Nicht die einzige scheinbare Gewissheit. Auch die höheren Löhne schlagen nicht auf die Preise durch. Braucht es, wie Draghi betont, bloß Geduld, bis die EZB-Politik wirkt?
Notenbanker scheinen anzunehmen, es gehe immer um die Nachfrage. Wenn die Löhne steigen, die Preise aber nicht, ist das im Ergebnis ein reales Lohnwachstum. Man könnte auch sagen: Angestellte haben einen guten Deal gemacht. Mehr können wir uns doch gar nicht wünschen, worum sorgen wir uns also? Wir sollten eine Champagnerflasche öffnen und sagen: Gut gemacht!

Sprich: Die Geldpolitik hat gar nicht die richtigen Antworten parat.
Zentralbanken hinterfragen nicht genug, ob das Problem auf der Nachfrage- oder Angebotsseite liegt. Strukturelle Reformen heißt: den Arbeitsmarkt reparieren, die Industrie wettbewerbsfähig machen, die Produktivität erhöhen. Das ist alles nicht Aufgabe der EZB.

Die amerikanische Federal Reserve hat ein doppeltes Mandat, Preisstabilität und Vollbeschäftigung. Sollte man das Mandat der EZB erweitern?
Ich ziehe das reine Inflationsmandat vor mit einem einzigen Instrument, der Kontrolle des Zinssatzes für kurzfristige Anleihen. Die eigentliche Gefahr ist die stetig wachsende Liste impliziter Mandate. Nehmen Sie nur das Wort Finanzstabilität. Dahinter steckt heute offenbar die Annahme, dass niemand mehr Geld verlieren darf, Aktienkurse und Hauspreise niemals fallen dürfen. Dieses Mandat ist besonders gefährlich, weil es so vage ist.

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