Steigende Preise Inflation zwingt Argentinier zum Tauschhandel

Die enorme Teuerungsrate in Argentinien macht für viele selbst Lebensmittel unerschwinglich. Was ihnen bleibt, ist, Kleidung oder Spielzeug gegen Zucker, Öl und Mehl einzutauschen.

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Argentinien belegt den höchsten Rang in der weltweiten Inflationsliste. Aufgrund der enormen Preissteigerungen für Lebensmittel, treffen sich regelmäßig dutzende Frauen um Kleidung, Spielzeug und Küchenutensilien gegen Lebensnotwendiges einzutauschen. Quelle: AP

Um mehr als zwei Drittel, ganze 71 Prozent, sind die Verbraucherpreise in Argentinien über das Jahr hinweg gestiegen. Die Zahlen, die die Statistikbehörde Indec dieser Tage verbreitete, belegen erneut den Spitzenplatz, den das südamerikanische Land in der weltweiten Inflationsliste einnimmt.

In Villa Fiorito am Rande von Buenos Aires zeigt sich augenfällig, was das bedeutet. Jeden Nachmittag von Montag bis Samstag kommen hier Frauen zusammen, die hoffen, Dinge, die sie entbehren können, gegen Lebensnotwendiges eintauschen zu können. Auf einem Platz in dem Geburtsort von Fußballlegende Diego Maradona legen sie ihre Decken aus und breiten sorgsam die Ware aus, die sie mitgebracht haben: Kleidung, Spielzeug, Küchenutensilien. Dafür hätten sie gern Essen für die Kinder.

Dutzende Frauen sind es jeden Tag, die so versuchen, mit ihren Familien über die Runden zu kommen. Arbeit und ein regelmäßiges Einkommen haben sie nicht, um die immens steigenden Lebensmittelkosten zumindest etwas aufzufangen.

Besonders stark ist die Teuerung bei Lebensmitteln spürbar. Das lässt die Armutsrate im Land weiter deutlich steigen. Schon jetzt sind rund 40 Prozent der 47 Millionen Argentinierinnen und Argentinier von Armut betroffen.

„Das Geld reicht einfach nicht“, sagt Soledad Bustos. Die 31-Jährige kommt jeden Nachmittag auf den Tauschmarkt von Villa Fiorito, während ihre Schwester auf eines ihrer Kinder aufpasst und ein anderes in der Schule ist. Im Angebot hat sie Jeans, Lederstiefel, Turnschuhe und Shirts - aus dem eigenen Kleiderschrank oder billig gebraucht erworben. Ihr Tauschwunsch? Milchpulver. Das lässt sich so nicht mehr kriegen.

„Ein Leben von der Hand in den Mund“

Auch für anderes Notwendige gilt bei der alleinerziehenden Mutter: „Ich schaffe es nicht bis zum Ende des Monats.“ Als Arbeitslose erhalte sie monatlich umgerechnet rund 250 Euro vom Staat, das ist nicht genug, um sich und die Kleinen durchzubringen. „Neben dem Essen muss ich auch noch Sachen für die Schule und Medikamente kaufen“, sagt Bustos. „Ich habe keine andere Wahl, als hierherzukommen.“

Schon nach dem folgenschweren Wirtschaftskollaps von 2001 hatten sich Tauschmärkte in Argentinien ausgebreitet. Jetzt sind sie wieder hochaktuell. „Es ist ein Leben von der Hand in den Mund“, erklärt María Inés Pereyra, die Koordinatorin des Marktes in Villa Fiorito. „Alles was sie heute bekommen, stellen sie direkt auf den Esstisch“, sagt sie über die Händlerinnen.

>> Lesen Sie hier: Hat die Inflationihren Höhepunkt erreicht? Wie Experten die Lage in den USA und Europa einschätzen

Aus Sicherheitsgründen dürfen hier nur Frauen handeln, viele der Tauschhändel werden zudem schon vorab über Facebook oder WhatsApp vereinbart. Vorgaben für die Höhe der Auspreisung gibt es nicht, aber Pereyra hat dennoch eine obere Latte von 300 Pesos pro Kleidungsstück gelegt. Das sind umgerechnet knapp zwei Euro. Ein paar Turnschuhe kann so gegen ein Päckchen Zucker, Öl, Mehl und Tee getauscht werden.

Keine Besserung in Sicht

Entspannung deutet sich nicht an. Vielmehr sieht es so aus, als ob die nächsten Monate noch schlimmer werden. Analysten sagen für dieses Jahr eine Inflation von über 90 Prozent voraus und warnen, dass sie auch im dreistelligen Bereich liegen könnte, wenn die Regierung von Alberto Fernández der Teuerung nicht gegensteuert.

Die macht für die noch einmal beschleunigte Inflation von 7,4 Prozent im Juli eine Währungskrise verantwortlich, ausgelöst durch Spekulationen, „die für Unsicherheit sorgen und zu einer Abwertung führen“ sollten. So äußerte sich zumindest Regierungssprecherin Gabriela Cerruti in der vergangenen Woche.

Für den August erwarten Analysten einen ähnlichen weiteren Preisanstieg wie im Juli. In Villa Fiorito trifft das Frauen wie Soledad Bustos schwer. Machen können sie wenig. Sie konzentrierten sich allein aufs Überleben, sagt Bustos.

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