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Steuereinnahmen im OECD-Vergleich Der Steueranteil wächst – erst recht in Deutschland

OECD: Höherer Steueranteil in Deutschland Quelle: Marcel Stahn

Die entwickelten Staaten beanspruchen rund ein Drittel der Wirtschaftsleistung durch Steuern und Abgaben, Tendenz steigend. In Deutschland wächst der Steueranteil überdurchschnittlich.

Deutschland ist für Steuerzahler kein besonders vorteilhaftes Land. Die Steuereinnahmen des Staates liegen hierzulande konstant über dem Durchschnitt anderer Industrieländer, wie eine aktuelle Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt.

Das Verhältnis von Steuereinnahmen des Staates zum Bruttosozialprodukt lag 2017 in den 34 entwickelten OECD-Ländern zwischen 16,2 Prozent in Mexiko und 46,2 Prozent in Frankreich. Der durchschnittliche Anteil der Steuern am BIP in der OECD ist 2017 von 34,0 auf 34,2 Prozent gestiegen. Seit der Finanzkrise von 2008 steigt er kontinuierlich. Nur 15 OECD-Länder meldeten einen Rückgang des Steueranteils an der Wirtschaftsleistung zwischen 2016 und 2017.

In Deutschland steig der Steueranteil seit dem Jahr 2000 von 36,2 auf 37,5 Prozent im Jahr 2017. Das ist zwar deutlich weniger als im Spitzenreiterland Frankreich (von 43,4 auf 46,2) oder in Italien (von 40,6 auf 42,4), aber viel mehr als in anderen, besonders wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften wie der Schweiz (27,6 auf 28,5), Südkorea (21,5 auf 26,9) und nicht zuletzt den USA (28,2 auf 27,1). Auch innerhalb der EU sind die Unterschiede gewaltig: Das Niedrigsteuerland Irland zweigt weniger als halb so viel von seinem BIP für den Staat ab (22,8 Prozent 2017) als Frankreich. Irland ist auch das radikalste Steuersenkungsland in der EU: Im Jahr 2000 landeten noch 30,8 Prozent der Wirtschaftsleistung beim Staat.

Anteil der Steuern und Abgaben am BIP in Deutschland (blau) und im Schnitt der OECD-Mitgliedsstaaten (schwarz) Quelle: OECD

Fünfzehn Länder melden einen Rückgang des Steueranteils am BIP zwischen 2016 und 2017. Allerdings nur in Ungarn und Island um mehr als einen Prozentpunkt. In Island ist der Effekt durch eine einmalige Stabilitätsabgabe 2016 zu erklären, die den Steueranteil auf über 50 Prozent katapultiert hatte und im Folgejahr nicht mehr anfiel. Nur in Ungarn wurden die Einkommens-, Gewinn- und Verbrauchssteurern deutlich gesenkt. In allen anderen Ländern mit gesunkenem Steueranteil – Chile, Schweden, Dänemark, Italien, Türkei, Slowenien, Österreich, Mexiko, Norwegen, Kanada, Irland, Finnland und Estland – ist dieser durch ein im Vergleich zum BIP-Wachstum schwächer gestiegenes Lohnniveau zu erklären.

Der Rückblick auf Deutschland zeigt, dass die Steuer- und Sozialabgaben-Senkung durch die Agenda-2010-Reformen unter der rot-grünen Koalitionsregierung Gerhard Schröders (SPD) längst wieder aufgezehrt wurden. In den von Massenarbeitslosigkeit und niedrigem BIP-Wachstum geprägten Jahren um die Jahrtausendwende war die damals als bedrückend empfundene Steuer- und Abgabenlast geringer als heute. 2000 landeten 36,2 Prozent der Wirtschaftsleistung beim deutschen Staat. Dann reduzierte sich dieser Anteil nach den Agenda-Reformen deutlich und näherte sich 2005 mit einem Tiefstwert von 33,9 Prozent dem damaligen OECD-Schnitt von 33,4 an. Seither öffnet sich die Schere zwischen deutschem Steueranteil und OECD-Schnitt kontinuierlich wieder.

Die Tendenz der Ausbreitung der Staaten in ihren Volkswirtschaften durch Besteuerung wird besonders deutlich durch einen weiter zurückreichenden Blick: 1965 betrug der durchschnittliche Anteil der Steuern am BIP der OECD-Mitgliedsländer noch erst 24,9 Prozent. Er stieg also in den 52 darauffolgenden Jahren um mehr als neun Prozentpunkte. Gefallen ist allerdings in diesen fünf Jahrzehnten der Anteil der Vermögenssteuern am durchschnittlichen Gesamtsteueraufkommen in den OECD-Ländern, nämlich von 7,9 auf 5,7 Prozent. Ausgerechnet Länder mit eher unterdurchschnittlicher Gesamtbesteuerung liegen hier vorne: 2016 lag der Anteil der Vermögenssteuern am Gesamtsteueraufkommen nur in Australien, Kanada, Island, Israel, Südkorea, Großbritannien und den Vereinigten Staaten bei über zehn Prozent. In Deutschland tragen Vermögenssteuern nur drei Prozent bei.

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