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Tauchsieder

Der amerikanische Albtraum

Wer tüchtig arbeitet, wird belohnt – das war die Abmachung zwischen den westlichen Wohlstandsdemokratien und ihren Bürgern. Seit wann gilt der Sozialvertrag nicht mehr? Und wer hat ihn gebrochen? Ein neues Buch liefert eine ebenso niederschmetternde wie beeindruckende Kapitalismuskritik.

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Ruinen in Detroit. Quelle: dpa

Als Barack Obama Ende 2008 den Amerikanern ein wenig Hoffnung schenkte, hatte George Packer sie gerade verloren. Packer, so hat er es vergangene Woche der Süddeutschen Zeitung erzählt, war wenige Wochen zuvor im Irak gewesen und stand unter dem Eindruck, "dass Amerika die großen Dinge nicht mehr gelingen".

Er dachte an die dicken, wohlstandssatten Zivilsoldaten, die in der umzäunten Parallelwelt des Militär-Camps Hamburger verzehrten. Er sah, wie die Investmentbanker von Lehman Brothers buchstäblich ihre Kartons packten. Und er fragte sich, warum "wir einfach nicht mehr so gut sind, wie wir mal waren". Warum die Autoindustrie vom Staat gerettet werden musste. Weshalb so viele Amerikaner sich verschuldet hatten. Wo mit der industriellen Basis die arbeitende Mittelklasse geblieben war. Woher die Armut der Billigjobs im Dienstleistungssektor gekommen sei.

George Packer fragte sich, warum die Kirchen, die Gewerkschaften und die Zeitungen den Zerfall der amerikanischen Gesellschaft nicht aufgehalten haben, warum die Eliten in Washington, New York und im Silicon Valley ihren eigenen Prosperitätslegenden auf den Leim gegangen sind, wie es Banken und Kreditinstitute gelingen konnte, im Weißen Haus und im Kongress die Gesetze zu schreiben, warum die "Main Street" an die Wall Street gefallen war. Es war der Moment, an dem George Packer beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.

Die größten Infrastruktur-Mängel in den USA

Beeindruckende Kapitalismuskritik

Das Ergebnis seiner Gedanken und Recherchen heißt "The Unwinding" ("Die Abwicklung") - eine niederschmetternd beeindruckende Kapitalismuskritik und Gesellschaftsgeschichte, die sich in ausführlichen biografischen Porträts und Miniaturen über die vergangenen 35 Jahre erstreckt.

Darin erzählt Packer beispielhaft von der schleichenden Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in den USA. Wobei der Autor, in Amerika weithin bekannt für seine journalistischen Arbeiten für "The New Yorker", den Titel seines Buches mit Bedacht gewählt hat: "Die Abwicklung" heißt nicht "The Decay" , ist also das Gegenteil einer typischen Dekadenz- und Verfallsgeschichte europäischer Provenienz.

Packer kommt ganz ohne raunende Untertöne aus, die sich vom Ressentiment gegen das Neue nähren, ganz ohne dräuendes Pathos, das sich unter Aufbietung hochkultureller Bildungspartikel schwarznostalgisch gegen die Moderne wendet. Stattdessen ist  "Die Abwicklung", die am 24. Juli in deutscher Übersetzung erscheint, ein Musterbeispiel erzählender Mikrosoziologie.

Packer versteht sich als Seismograph, der das Prinzip der Nicht-Anteilnahme durch die konsequente Ausschaltung seines Reporter-Ichs auf die Spitze treibt. Der kein Buch voller Sätze geschrieben hat, die man laufend markieren und zitieren möchte, sondern ein Buch der Situationen, Stimmungen und (Lebens-)Lagen, die sich fast unmerklich ändern.

Schleichende Veränderungen

Es ist die perfekte formale Entsprechung zu Packers inhaltlichem Befund: Er kann keinen Schuldigen ausmachen und "die Abwicklung" der USA nicht personifizieren. Er weiß, dass die gesellschaftlichen Veränderungen sich schleichend, allmählich, fast unbemerkt vollzogen haben; und dass die Logik des Kapitals das menschliche Miteinander systemisch, abstrakt, anonym, beinah ungreifbar zersetzt. Deshalb arbeitet er mit laufend wechselnden Perspektiven und Biografieausschnitten, um das Mosaikhafte, Mannigfaltige, Disparate zu einem schlüssigen Bild zusammenzufügen.

Im Ergebnis heißt das: Man kann dieses Buch nur ganz lesen oder gar nicht. Wer es aber gelesen hat, der wird es nicht nur förmlich verschlungen haben, sondern der weiß hernach auch unendlich viel (mehr) über Amerika, den Kapitalismus und die verhängnisvolle Macht des Geldes. Der ist nicht besser ausgerüstet mit Verdikten und Phrasen für die nächste Kapitalismus-Diskussion beim Abendessen – aber den Verdikten und Phrasen der Bastardliberalen und Marktapologeten ein für alle Mal entwachsen.

Echtes Gesellschaftsepos

Es besteht kein Zweifel, dass George Packer sich die legendäre USA-Trilogie von John dos Passos (1930 - 1936) zum fiktionalen Vorbild für sein non-fiktionales Gesellschaftsepos genommen hat. Dazu muss man wissen, dass Dos Passos vom intellektuellen Amerika als Olympier der Literatur-Moderne verehrt wird. Gäbe es einen Mount Rushmore für US-Schriftsteller, fände man ihn neben Hemingway, Fitzgerald und Faulkner in Stein gemeißelt.

Packer gliedert sein Buch, wie dos Passos, in leicht konsumierbare Kapitel, stellt sie unter die Überschrift von Jahreszahlen, leitet sie mit Nachrichtenschnipseln ein und verstreut leicht verdauliche Teile seiner biografischen Erzählungen über die gesamte Buchstrecke. Drei Charaktere stehen im Zentrum der sich kunstvoll langsam verdichtenden "großen Erzählung".

Tammy Thomas, Fließbandarbeiterin in einer Autofabrik in Youngstown, Ohio. Sie erfährt den Verfall der Industriestadt buchstäblich am eigenen Leib, muss unendlich viele Einbußen, Niederlagen, Enttäuschungen und Rückschläge verkraften. Schließlich überrascht sie sich selbst mit ihrer unendlichen Energie, ihrem unstillbaren Verlangen nach einem erfüllten, sozialen Leben der Anerkennung und der Rettung ihrer "neighbourhood".

Dean Price, der Sohn eines Farmers, der sich als junger Mann von Ronald Reagan begeistern lässt. Dann will er auf eigenen Unternehmer-Füßen stehen, eröffnet ein paar Fast-Food-Restaurants, versucht es später mit Bio-Diesel, wird ein Held der Erneuerbaren-Energien-Bewegung, meldet später Insolvenz an und verliert sich in apokalyptischen Visionen des Post-Oil-Peak-Zeitalters verliert.

Schließlich Jeff Connaughton, ein junger Wall-Street-Banker mit viel Leidenschaft für Politik, viel Sachkenntnis und Gestaltungswillen. Er macht Karriere an der Seite des hoffnungsfrohen Senators und späteren Vizepräsidenten Joe Biden, indem er sich von den Machtzynismen in Washington zunehmend ausnüchtern lässt, sie akzeptierend bekämpft - und bekämpfend akzeptiert.

Typische Amerikaner

Es gehört zu den großen Stärken von Packers Buch, dass sich seine Figuren nicht einordnen lassen, in kein Schema passen: Sie sind als Republikaner oder Demokraten, als Schwarze oder Weiße nicht mehr kenntlich gemacht als nötig. Sie sind weder Sympathieträger noch Bösewichte. Am ehesten sind sie allesamt - für uns Europäer - wohl als typische "Amerikaner" identifizierbar, ausgestattet mit einem gründlichen Misstrauen in den Staat und seine Hilfsangebote - und mit einem Optimismus, der jedes Hinfallen als großartige Chance begreift, aufzustehen, sich den Staub vom Ärmel zu klopfen und von Neuem loszulaufen.

Packer lässt keinen Zweifel daran, dass er diesen Optimismus (einerseits) als mentale Ressource begreift, die er (andererseits) gnadenlos ausgebeutet und restlos erschöpft sieht. Dazu bettet Packer die Lebensgeschichte seiner drei Protagonisten in rund zwanzig weitere Erzählungen ein.

Zwei längere handeln von Personen, die vom Zusammenbruch des Immobilienmarktes in Florida betroffen sind und von Peter Thiel, der im Silicon Valley als Unternehmer mit PayPal und als Venture-Kapitalist mit Facebook sein Vermögen macht, um als rastloser Weltverbesserer libertären Träumen staatenloser Inselgemeinden nachzuhängen, weil er Demokratien dem Kapitalismus für abträglich hält. 

Die übrigen fügt Packer wie perfekt passende Mosaiksteine ins Gesamtbild ein: Porträts von (auch in Deutschland geläufigen) Politikern, Stars, Celebritities wie Ex-Außenminister Colin Powell und Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich, das Medienereignis Oprah Winfrey oder die Schriftsteller-Legende Raymond Carver. 

Musikalisch gesprochen, handelt es sich bei diesen Kurz-Porträts um die leitmotivischen Variationen des Hauptthemas: Hier hält der Erzählstrom inne, dort verdichtet sich das biografische Material zur Aussage, da wird die Nachrichtengeschichte konkret. Die Deindustrialisation, das Verschwinden der Gewerkschaften, der Verfall der Innenstädte, die politischen Machtwechsel, das Platzen der Dotcom-Blase, die Finanzkrise, der Zusammenbruch des Immobilienmarktes.

Mehr noch: Hier wird das Beispiel zum Hauch einer Theorie. Newt Gingrich zum Beispiel, der eine ganz neue Tonlage in die Politik gebracht hat. Der vom "korrupten Sozialstaat" sprach und vom "totalen Krieg" gegen die Bürokratie. Der Bill Clinton einen "Feind der normalen Amerikaner" nannte und jede Diskussionen radikal entsachlichte. Der für Emotionen und Gesinnungen, nicht für Argumente und Vernunftgründe gewählt und bei strittigen Fragen  als "Sieger" vom Platz gehen wollte.

Religiöser Optimismus

Oder Oprah Winfrey, die den "You-can-do-it"-Optimismus in ihren TV-Shows so lange zur Religion erhob, bis er sich zuletzt gegen seine Träger wendete. Die ihren Zuschauern so penetrant Eigenverantwortung und Selbstertüchtigung und Steh-Auf-Qualitäten predigte, dass jeder entlassene Ford-Arbeitnehmer zuletzt dankbar sein musste, fürs halbe Geld BigMacs verkaufen zu dürfen: "Wenn Oprah in dieser Gesellschaft Erfolg haben kann", so Oprah über Oprah und damit über alle Amerikaner: "They no longer have any excuse." 

In der Nachkriegszeit entstand der Sozialvertrag. Er lautete: Wer tüchtig arbeitet, wird belohnt. Wer fleißig etwas leistet, steigt auf. George Packer führt mit seinen Streiflichtern höchst eindrucksvoll vor Augen, dass dieser Vertrag nicht von globalen Zwängen aufgelöst wurde. Sondern dass die Vertragskündigung von einigen (klar identifizierbaren) Personen autorisiert, von anderen eher unabsichtlich in die Wege geleitet wurde.

Folge von Partikularinteressen

Astronomische Managergehälter und die Ausweitung des Niedriglohnsektors sind für Packer jedenfalls keine unveränderlichen Begleiterscheinungen des technischen Fortschritts und globalen Wettbewerbs. Sie sind keine anonymen, systemischen, zwangsläufigen Folgen von Produktivitätssteigerungen und international konkurrierenden Arbeitsmärkten. Sondern die Folge von höchst willentlich durchgesetzten Partikularinteressen (des Washington-Wall-Street-Komplexes) - und eines Elitendiskurses, der so zynisch oder dumm war, gegen soziale Zerfallserscheinungen das Mentalitätsregime des empowerment rhetorisch aufzurüsten.

Anders gesagt: "Der amerikanische Traum" ist in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht von Zuwanderern, Antriebsarmen und Leistungsunwilligen zerstört worden, sondern von denen, die sich zur Durchsetzung ihrer macht- und geldkonzentrierenden Ziele besonders gern und lautstark auf ihn berufen.

Niedrigsteuern für Reiche haben das gesellschaftliche Band zerrissen. Die Zurüstung eines Heeres von Niedriglöhnern hat der Arbeit ihren Wert und den Arbeitern ihre Würde geraubt. Und die rhetorisch von Jahr zu Jahr zunehmend verlogene, daher von Republikanern und Tea-Party-Ideologen zunehmend schärfer gestellte Ideologie des Staatshasses und der trickle-down-economy hat die Grundlagen und Institutionen einer funktionalen Markt-Wirtschaft zerstört.

Erbärmliche Rhetorik

Die Ertüchtigungsrhetorik des "amerikanischen Traumes" aber ist im Schatten dieser Entwicklungen zu einer erbärmlichen Regierungstechnik verarmt, schlimmer noch: zur verinnerlichten Zwangsvorstellung der Verlierer: "Sie verachten ihre eigene Abhängigkeit", sagt George Packer im SZ-Interview. Im "land of opportunity" werden nicht Investmentbanker und Wal-Mart-Milliardäre dafür verachtet, reich zu sein. Vielmehr werden die Armen beschuldigt, arm zu sein.

Es ist das bedrückende Ergebnis und (vorläufige) Ende einer materiellen und mentalen Selbstverarmung, die George Packer an Sam Walton exemplifiziert, dem 1992 verstorbenen Gründer und Leiter der Supermarktkette Wal-Mart. "Buy low, sell cheap, high volume, fast turn". Treffender und knapper lässt sich vielleicht nicht ausdrücken, was in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 35 Jahren schief gelaufen ist: die Totalisierung einer lukrativen Geschäfts- zur billigen Gesellschaftsphilosophie.

"Over the years, America had become more like Wal-Mart. It had gotten cheap. Prices were lower, and wages were lower. There were fewer union factory jobs, and more part-time jobs as store greeters. The small towns where Mr. Sam had seen his opportunity were getting poorer, which meant that consumers there depended more and more on everyday low prices, and made every last purchase at Wal-Mart, and maybe had to work there, too."

Klingt vertraut? Eben drum gönne ich dem Buch von George Packer auch möglichst viele Leser in Deutschland.

Sicher, auf den meisten der 500 Seiten setzt der Journalist ein vitales Interesse für innenpolitische Ereignisse und amerikanische Prominente voraus. Manche Passagen sind sogar ausgesprochen voraussetzungsreich angelegt. Auch die Biografien selbst dürften für manchen etwas zu raumgreifend angelegt sein. Schließlich sollte man sich außerdem hüten, die amerikanische "Abwicklung" des Sozialvertrags mit der in Kontinentaleuropa zu vergleichen - es gibt viel Gemeinsames, aber auch viel Trennendes.

Konjunktur



Schleichendes Gift

Dennoch: Als Musterbeispiel einer journalistisch-narrativen Soziologie, die das schleichend einsickernde Gift von internalisierten Mentalitäten protokolliert, mit denen Menschen sich gegen ihre eigenen Interessen wenden und "ihre" Gesellschaften als Ganzes dehumanisieren, ist das Buch ein Ereignis. Nicht zuletzt, weil George Packer (nur aus Sicht von uns Europäern?) gar nicht der unbeteiligt beobachtende Chronist ist, als der er uns fast das ganze Buch lang erscheint.

Denn wo bleibt die Wut des Autors? Wo seine Empörung? Fast scheint es zuweilen, als ginge Packer am Ende den gleichen "Think-positive"-Formeln von Napoleon Hill auf den Leim, die er so trefflich als Verhöhnung seiner Protagonisten beschrieben hatte.

Oder haben wir diese Passagen nur gewissermaßen falsch, mit einem "europäischen" Hirn gelesen? Nein, das nicht. Es ist nur so, dass (ein Amerikaner wie?) George Packer keine Opfer kennt. Er will mit seinem Buch Geschichten erzählen, mehr noch: die jüngste Geschichte der USA. Das ist alles. Das ist sehr viel. Und wem das nicht genügt - selbst schuld.

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