WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Tauchsieder

Schulden sind keine Verpflichtung mehr

Seite 4/4

Geld verbindet zu nichts mehr

Joseph Schumpeter hat die Marktharmonielehre und das Gleichgewichtsdenken der klassischen Nationalökonomie – Adam Smiths „unsichtbare Hand“ – daher schon vor mehr als 100 Jahren auf den Müllhaufen der Theoriegeschichte geworfen. Für Schumpeter war Kapitalismus ein dynamischer, unabschließbarer Prozess, der uns in eine Art dauernde Zukunft expediert, eine evolutionäre Entwicklung ohne Endpunkt, ein Fortschritt ohne Ziel. Er war von der unerschöpflichen Energie der „kapitalistischen Maschine“ überzeugt, vom „ewigen Sturm“ des wirtschaftlichen Wandels, von einer Welt, in der ständig was Neues wird und wächst und wuchert. Das Geld war für Schumpeter – neben dem Erfindergeist der Unternehmer – der Treibstoff dieses wirtschaftlichen Wandels – und natürlich hatte Schumpeter nichts dagegen, diesen Wandel mit leistungsfördernden Additiven zu versehen. Aber wie ließ sich der Prozess der „kreativen Zerstörung“ beschleunigen? Nun – ganz einfach dadurch, dass man ihn nicht mit akkumuliertem Vermögen (Kapital) befeuert wie in den frühen Tagen der Industriellen Revolution, sondern mit geschöpften Versprechen (Krediten). Kapitalismus, so Schumpeter, ist Kreditismus. Neue Firmen schaffen neue Werte mit neuem Geld – die nachindustrielle Revolution besteht darin, dass sie das Morgen immer schon heute mit Geld erreicht, das sie der Zukunft entlehnt. Der Unternehmer schafft Produkte, der Bankier produziert Kaufkraft, so ist die Arbeitsteilung – und beide zusammen schaffen Dynamik, Instabilität, fortschreitende Umwälzung, dauernde Innovation.

Das sind die heiß erwarteten Wirtschaftsbücher
Welche Wirtschaftsbücher erweitern 2013 unseren Horizont? Es folgt ein erster Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn die Titel kommen in zwei Schwüngen auf den Markt, von Mitte Februar bis Mitte April und im Herbst rund um Frankfurter Buchmesse im Oktober. Was in der zweiten Jahreshälfte passiert, ist nur bedingt absehbar, zudem gibt es Jahr für Jahr Überraschungen ... Quelle: dpa
... so gewann den Deutschen Wirtschafsbuchpreis 2012 ein bis dahin hierzulande weitgehend unbekannter Autor. Tomás Sedlácek überzeugte die Jury mit seinem Werk „Die Ökonomie von Gut und Böse“ (Hanser Verlag)  noch ein wenig mehr als die starke Konkurrenz. 2013 wird Tomás Sedlácek gleich zwei Bücher veröffentlichen … Quelle: Presse
Im Februar erscheint „Bescheidenheit für eine neue Ökonomie“ (Hanser Verlag). In der Tat ganz bescheiden beschränkt sich der Autor hier auf 128 Seiten. Man möchte es beinahe ein „Zwischenbuch“ nennen. Denn im Herbst erscheint dann „Fetisch der Ökonomie“. Im Interview mit dem „Spiegel“ beschreibt Sedlácek den Fetisch als etwas, das einen „einfachen Weg verspricht, unser Verlangen zu befriedigen“, bis das zu groß wird und die Menschen zum Sklaven des Fetisch würden. Das Wirtschaftswachstum sei einer der größten Fetische und Sedlácek geht der Frage nach, warum dieses Wachstum eigentlich sein muss. Quelle: Presse
Die wohl interessanteste Autobiografie erscheint am 12. April im Econ Verlag. Sheryl Sandberg, Jahrgang 1969, hat ihren bisherigen Lebensweg aufgeschrieben. Und da war ja auch schon einiges los:  Nach dem Studium in Harvard arbeitete sie bei der Weltbank und als Stabchefin von Finanzminister Larry Summers unter Bill Clinton. Danach machte sie das Anzeigengeschäft für Google rentabel. Auf einer Party lernte Sandberg 2007 Mark Zuckerberg kennen. Sie hat aus der coolen Klitsche Facebook ein profitables Unternehmen gemacht und ist auch Mitglied des Verwaltungsrates. In ihrer Autobiografie „Lean in“ betont sie, wie Frauen den Weg an die Spitze schaffen können. Quelle: REUTERS
Ein echtes Highlight der ersten Jahreshälfte ist das Buch „Makers“ von Chris Anderson (Hanser Verlag), das Ende Januar erscheint. Der Chefredakteur der renommierten Zeitschrift „Wired“ gilt als einer der Zukunftskenner schlechthin. Anderson geht davon aus, dass das Internet nicht nur die Welt der Kommunikation dramatisch verändert hat, sondern auch die Welt der Dinge. Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen industriellen Revolution. Jeder kann selbst Produkte (Foto: Objekte aus einem 3D-Drucker) designen und fertigen – mit vergleichsweise geringem Aufwand zum Beispiel dank neuartiger 3D-Drucker. Quelle: dpa
Bücher über Innovationen sind ohnehin ein Trend im ersten Halbjahr. Gunter Dueck ist ein wahrer Querdenker, was der Titel seines schon im Januar erscheinenden Buches entspricht: „Das Neue und seine Feinde“ (Campus Verlag). Die Feinde von Innovationen seien ausgerechnet die, die mit Forschungsmilliarden um sich werfen: In Unternehmen herrsche Blockadehaltung, die Wissenschaft sei im „Elfenbeinturm“. Ein wertvoller Ratgeber, der sich und dem Leser das Leben nicht zu einfach macht. Quelle: dpa
Einen weiteren Zukunftstrend beschreiben die drei Autoren Hanno Charisius, Richard Friebe und Sascha Karberg. Sie kümmern sich um „Biohacking. Gentechnik aus der Garage“ (Hanser Verlag). Genforschung ist nämlich nicht mehr nur den Großkonzernen vorbehalten.  Sie gehen der Frage nach, wer hinter dem Hacking der Lebens-Codes steckt und wie die Politik auf sie reagieren sollte. Quelle: dpa

Von welchem Geld also sprechen wir heute, im Kreditismus der Moderne? Offenbar nicht von Shylocks Geld, das verantwortlich bearbeitet, sondern von Geld, das destilliert wird aus der heißen Luft einer Schuldverschreibung. Es ist Geld, mit dem der Staat und die Banken die strahlende Zukunft der Menschheit mitten hinein in die Gegenwart zaubern, um exakt die Progression des Sozialprodukts, der Einkommen und der Geschäftsgewinne herbeizuführen, die zur Begleichung der Schulden einmal erforderlich sein werden. Daran ist zunächst nichts auszusetzen: Kreditgeld ist ein Wachstumsbeschleuniger und Wohlstandsmotor – und solange es einen angemessenen Preis hat, stärkt es nicht nur das vertragliche Band zwischen Gläubiger und Schuldner, sondern kann auch die Prosperität einer Gesellschaft mehren. Im Unterschied zum Kapital, das die Geldquellen der Gegenwart anzapft, lassen Kredite Kaufkraft aus einer imaginierten Zukunft fließen. Mit der Investition von Geld, das sie noch nicht besitzt und erst morgen zurückzahlen wird, begrünt die Menschheit das Hier und Heute – das ist Schumpeters Gedanke.

Konjunktur



Doch sein Kreditismus ist nur so lange fruchtbar, wie die Emission des Geldes gedeckt ist – und Darlehen nicht nur eine verheißungsvolle Zukunft versprechen, sondern auch das Versprechen der Schuldner einschließen, die vergegenwärtigte Zukunft mit der Tilgung der Schuld beizeiten wieder einzuholen. Davon kann keine Rede mehr sein. Seit die Notenbanken den Geschäftsbanken unbegrenzt viel Anti-Geld zur Verfügung stellen und Geschäftsbanken immer weniger Eigenkapital vorhalten müssen, um ihrerseits frisches Anti-Geld zu schöpfen, dreht sich die Schuldenspirale mit beängstigender Zwangsläufigkeit ins Unendliche.

Entsprechend besteht moderne Regierungskunst heute nicht mehr auf der Abtragung von Schulden, sondern auf ihrer permanenten Verzeitlichung, auf der Vermehrung ins Unendliche verlängerbarer Schulden – und auf der zunehmend heiklen Stabilisierung dieses Schuldzusammenhangs. Anders gesagt: Das Geld des modernen Kreditismus ist der exakte Ausdruck dessen, der Staaten und Banken zu nichts mehr verpflichtet. Es symbolisiert keinen Vertrag und entbindet auch keine Kräfte mehr. Stattdessen stottert es nur noch eine Gegenwart ab, die ihre künftigen Potenziale schon verbraucht hat – wenigstens so lange, bis es sich in das auflösen wird, was es seiner Herkunft nach ist: Luft.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%