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Tauchsieder

Schulden sind keine Verpflichtung mehr

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In Luft aufgelöst

Selbst Antonio, der sich wohlhabend wähnt und in den nächsten Wochen den return of thrice three times the value of his bond erwartet, erkennt den vertraglichen Charakter der Geldleihe ausdrücklich an – gerade weil ihm im Umgang mit dem verhassten Shylock an einer distanzierten Geschäftsbeziehung gelegen ist: Mit einem wie Shylock will Antonio sich nicht persönlich verbunden wissen. His bond meint daher nicht nur einen Vertrag, aus dem für Shylock ein Anspruch resultiert und für Antonio eine Verpflichtung, sondern auch, dass eine vertraglich geregelte Geldleihe dem Schuldner die Chance bietet, in den Genuss finanzieller Mittel zu gelangen, ohne dabei auf den Austausch von (Mit-)Menschlichkeiten angewiesen zu sein. Die Moral des Geldes, so lautet Shakespeares ökonomisches Grundgesetz, besteht paradoxerweise darin, dass es unmoralisch ist, indem es Schuldner und Gläubiger auf die Einhaltung dessen verpflichtet, was es seiner Substanz nach ist: ein horizontaler Gesellschaftsvertrag, auf dessen Gültigkeit sich Gläubiger und Schuldner Zahlung für Zahlung verständigen.

Diese Staaten stecken am tiefsten in den Miesen
Japan – 245 Prozent des BruttoinlandsproduktsDer Inselstaat ist Rekordhalter unter den Industriestaaten. Dennoch kann sich Japan ohne Probleme am Kapitalmarkt refinanzieren. Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen liegt unter einem Prozent. Japan hat eine völlig andere Schuldenstruktur als etwa Griechenland. Der Staat verschuldet sich bei seinen eigenen Bürgern, nicht bei internationalen Investoren. Nur rund fünf Prozent der Schuldtitel gehören Ausländern. Bei den entscheidenden 95 Prozent hilft der Staat allerdings kräftig nach. Er zwingt die staatlichen Pensionsfonds mit strengen Investitionsrichtlinien, der Regierung Kredit zu geben. Sie investieren im Schnitt 55 Prozent ihres Vermögens in heimische Staatsanleihen. Quelle: dpa
Griechenland – 182 Prozent des BIPIm Gegensatz zu Schulden-Spitzenreiter Japan ist die Hohe Schuldenlast für Griechenland fatal und das Land auf Hilfskredite der Euro-Partnerländer angewiesen. Bei den Rettungspaketen für Griechenland wird vor allem um diese Schuldenquote gerungen, die bis 2020 auf 120 Prozent gedrückt werden soll. Erst bei diesem Wert kann sich ein Land nach gängiger Meinung der Ökonomen wieder selbst an den Kapitalmärkten langfristig refinanzieren. Wegen der schrumpfenden griechischen Wirtschaft dürfte die Schuldenquote Griechenlands zunächst aber weiter steigen. Quelle: dpa
St. Kitts and Nevis – 139 Prozent des BIPGriechische Verhältnisse in Karibik: Die kleine Inselföderation hat ihre Schulden in erster Linie durch das unrentable Wirtschaften der staatlichen Zuckerproduzenten aufgetürmt. Anders als Griechenland vermag es der 50.000-Einwohner-Staat aber nicht, auf den internationalen Finanzmärkten für Unruhe zu sorgen. Dazu ist sie zu bedeutungslos. Auch die gesamte Währungsunion hat der Staat, der zum britischen Commonwealth gehört, nicht in tiefgreifende Probleme gestürzt. Zusammen mit den anderen Antilleninseln Anguilla, Antigua und Barbuda, Dominica, Grenada, Montserrat, St. Lucia sowie St. Vincent und die Grenadinen bildet sie eine Währungsunion. Seit 1965 nutzen diese Staaten gemeinsam den Ostkaribischen Dollar. (im Bild: Ein Autofahrer füllt an einer Zapfsäule in der Hauptstadt Basseterre seinen Tank auf) Quelle: REUTERS
Jamaika – 140 Prozent des BIPTraumhafte Strände, traumatische Staatsverschuldung: Der Karibikstaat ging noch vor Island bankrott – fast unbemerkt von der internationalen Aufmerksamkeit. Mit Beginn der Finanzkrise brach der Tourismus ein, ebenso flossen weniger Überweisungen von Exil-Jamaikanern, was die Rezession auf der Insel verstärkte. Die Staatsverschuldung wuchs sprunghaft von 126 Prozent (2008) auf 143 Prozent (2010). Hinzu kommen hohe Kriminalität, Schutzgelderpressung und Drogenhandel. Mit Unterstützung des Internationalen Währungsfonds ging der Im Fall der Reggae- und Rastainsel in einen geordneten Konkurs. 2012 hat Jamaika seine Schuldenlast um drei Prozent gesenkt. Quelle: dpa/dpaweb
Libanon – 135 Prozent des BIPDie extrem hohe Staatsverschuldung ist eines der Schlüsselprobleme im Libanon. Für Zinszahlungen müssen mehr als 40 Prozent der gesamten Staatseinnahmen ausgegeben werden. Die Dollarisierung der Spareinlagen ist trotz des politischen Stillstands und der Weltwirtschaftskrise zurückgegangen. Die Finanzierung der Staatsverschuldung wird im Grunde dadurch gesichert, dass im Ausland lebende Libanesen und langfristig orientierte Investoren aus den Golfstaaten Vertrauen in das libanesische Bankensystem haben´ Quelle: AP
Italien – 128 Prozent des BIPItaliens Schuldenberg wächst in der Rezession weiter und weiter. Planungspapiere der Regierung belegten, dass die Verschuldung des Staates 2013 vermutlich sogar ein neues Rekordniveau von 130,4 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. Schon im Mai lag die Schuldenlast Italiens bei mehr als zwei Billionen Euro. Bislang erwartete die Regierung einen Rückgang der Schuldenstandsquote. Quelle: dpa
Eritrea – 128 Prozent des BIPDie gesamte Volkswirtschaft des afrikanischen Landes müsste 1,28 Jahre arbeiten und die Erlöse vollständig an die Gläubiger des Staats abgeben, um die Staatsschuld zu tilgen (plus Zinsen, die dann weiterarbeiten). Dabei gehört das Land zu den ärmsten der Erde. Zwar erwartet Eritrea für 2013 mit ein reales Wirtschaftswachstum von acht Prozent – und damit mehr als drei Mal so viel wie 2012 – allerdings sieht es für die Wirtschaft der abgeschotteten Quasi-Diktatur jenseits der ordentlich anlaufenden Kupfer- und die Goldförderung düster aus. Schätzungsweise zwei Drittel der Bevölkerung sind auf Lebensmittelhilfen der Regierung angewiesen und müssen dennoch Hunger leiden. Die internationale Abschottung führt zudem zu hoher Inflation, Devisenknappheit und öffentlicher Verschuldung. (im Bild: Zwei eritreische Kinder spielen hinter Wasserkanistern in Dadu, 120 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Asmara) Quelle: AP

Hinzu kommt, dass Geld traditionell auch als ein vertikaler Gesellschaftsvertrag zwischen dem Staat und seinen Bürgern in Umlauf ist. Um das zu verstehen, reicht ein Blick auf alte Münzen. Der Kopf des Souveräns auf der einen Seite verleiht der Zahl auf der anderen Seite Autorität und Geltung – und umgekehrt: Die Gültigkeit der Zahl auf der einen Seite räumt dem Souverän auf der anderen Seite Kredit und Anerkennung ein. Nicht umsonst leiten sich vom römischen Solidus der Spätantike nicht nur „Sold“ und „Soldat“ ab, sondern auch „solide“ und „solidarisch“. Das Metallgeld der damaligen Zeit trägt seinen Wert in sich – und tat es symbolisch bis in die Siebzigerjahre hinein, bis zur Aufgabe des Goldstandards. Die Regenten brachten mit dem geprägten Edelmetall Autorität und Glaubwürdigkeit in Umlauf. Solange sie für den Gehalt der Münze, also buchstäblich für die Festigkeit der Währung bürgten, verdienten sie das Vertrauen ihres Volkes.

Mit diesem Vertrauen, jeder weiß es, ist es heute gründlich vorbei. Mit der Erfindung des Papiergeldes wird der doppelte bond-Charakter des Geldes als horizontaler und vertikaler Gesellschaftsvertrag kurzfristig verstärkt – und langfristig in Luft aufgelöst. Der 26. Februar 1797 ist für die Geschichte der kapitalistischen Moderne daher mindestens so folgenreich wie der 14. Juli 1789. Die Bank of England wird damals von der Verpflichtung befreit, Banknoten in Münzgeld zu wechseln – und eine Deckung des umlaufenden Papiergelds zu garantieren. Die Reserven sind nach dem Krieg gegen Frankreich erschöpft; einem Barvermögen von 1,27 Millionen Pfund steht ein Notenumlauf von 8,64 Millionen Pfund gegenüber – die Bank ist zahlungsunfähig. Statt jedoch Konkurs anzumelden, weil sie die (potenziellen) Forderungen ihrer Gläubiger nicht (mehr alle zugleich) bedienen kann, ruft die Bank kurzerhand ein Konversionsverbot für Banknoten aus. Und siehe da: In den nächsten Tagen und Wochen zeigt sich, dass der pure Glaube an das neue Schein-Geld Berge versetzen kann. Die faktische Insolvenz bleibt folgenlos. Die Banknoten zirkulieren munter weiter – im bloßen Vertrauen darauf, dass das Papiergeld bis zum erhofften Widerruf der bank-restriction seinen Wert behält und die Bank zwischenzeitlich genügend Kapital aufbaut, um die Notenausgabe künftig wieder decken zu können.

Der Kern der britischen Geldrevolution besteht nicht in der Entmaterialisierung des Geldes, sondern in seiner künstlichen „Verlängerung“ als Vorschuss, in seiner „Verdopplung“ als Bargeld und Obligation. Die neue Banknote ist Geld und Anti-Geld zugleich. Bisher war Papiergeld als Zahlungsmittel ja überhaupt nicht in Umlauf. Als Wechsel entsprach es einem Schuldschein der Bank auf den Inhaber – und das Vertrauen in die neuen „Noten“, die zunächst bei Goldschmieden, später bei Banken eingelöst wurden, beruhte darauf, dass sie durch Kurantmünzen abgesichert waren (und dass der Souverän für ihre Annahmepflicht bürgte). Mit der Kassation der Einlöseverpflichtung ändert sich der Charakter des Geldes fundamental: Als Bargeld stellt es eine Balance dar, die es als Obligation negiert. Das neue Geld ist als valides Zahlungsmittel im Umlauf und als Schuld zugleich.

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