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Tauchsieder

Thomas Pikettys strittige Kapitalismus-Formel

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Ökonomie ist keine mathematisch exakte Wissenschaft

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Sicher, es hat in den vergangenen vier, fünf Wirtschaftskrisen-Jahren einige Bücher gegeben, die publizistisch hohe Wellen geschlagen haben, Nicholas Talebs "Schwarzer Schwan", David Graebers "Schulden", Kahnemanns "Schnelles Denken, Langsames Denken", um nur einige zu nennen, in Deutschland auch Thomas Sedlaceks "Die Ökonomie von Gut und Böse" oder Joseph Vogls "Das Gespenst des Kapitals". Allerdings stellte sich in allen Fällen bereits nach wenigen aufgeregten Debattenwochen eine gewisse Ernüchterung ein: Die Nachfrage nach einer Dechiffrierung des Kapitalismus überstieg offenbar das intellektuelle Angebot der Autoren, die keinesfalls epochemachende Werke geschrieben, allenfalls an hinlänglich bekannte, in den Wirtschaftswissenschaften seit drei, vier Jahrzehnten ganz sicher vernachlässigte Erkenntnisse erinnert hatten.

Das richtige Buch zur richtigen Zeit

Thomas Pikettys Buch ist insofern eine Ausnahme. Es erinnert die ökonomische Zunft nicht von ihren geisteswissenschaftlichen Rändern, sondern von ihrem Zentrum her an ihre vornehmste Aufgabe: sich als historisch informierte moral science zu verstehen und nicht als mathematisch exakte Wissenschaft, die sich seit drei Jahrzehnten eine Welt fühllos-interessegeleiteter Zombies zusammen fantasiert hat, um sie (die Welt und die Menschen) ihren Optimalmodellen anzuverwandeln. Aber hält Pikettys so gründlich recherchiertes Buch wirklich, was sich so viele seiner Rezensenten von ihm versprechen? Wird die Evidenz seiner gewaltigen Zahlenkolonnen den nächsten Debattentrend überstehen? Oder ist die politische Ausbeutung seiner Thesen schon heute größer als ihr wissenschaftlicher Wert?

Fest steht fürs Erste nur, dass Piketty in meinungskonjunktureller Hinsicht das richtige Buch zur richtigen Zeit geschrieben hat. US-Präsident Barack Obama soll es bereits gelesen haben, IWF-Chefin Christine Lagarde und Papst Franziskus. "Ungleichheit" ist (nach einem Jahrzehnt Vorlauf) das politische Stichwort der Stunde. Und ja: Das Thema "Ungleichheit" könnte die politische Kultur der nächsten Jahrzehnte tatsächlich so nachhaltig prägen wie Milton Friedmans Formel von der "wirtschaftlichen Freiheit" die vergangenen drei Jahrzehnte geprägt hat oder John Maynard Keynes Mantra von der "nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik" die 1930er und 1970er Jahre.

Die Kernthese von Pikettys aufwändig hergeleiteter Analyse ist, wie gesagt, so schlicht wie ergreifend: Im Kapitalismus gilt das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit, weil die Rendite aus Kapital und Vermögen größer ist als das Wirtschaftswachstum (r>g). Aber dieser Satz, so Piketty gilt nicht nur "für die gesamte Menschheitsgeschichte". Sondern er gilt umso mehr, wenn das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft besonders schwach sind, so wie in den entwickelten Industrieländern. In einer Gesellschaft mit großen Familien und vielen Erben, argumentiert Piketty, könnte sich das Kapital in der Hand weniger nicht so leicht konzentrieren wie in Gesellschaften mit vielen Ein-Kind-Familien. Und in Volkswirtschaften, die stark wachsen, so Piketty weiter, würden Erbschaften bei der Evaluierung von Vermögen insgesamt weniger ins Gewicht fallen als in Volkswirtschaften, die weitgehend saturiert seien.

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