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Tauchsieder

Schulden sind keine Verpflichtung mehr

Anno 1600 dramatisiert William Shakespeare ein Grundgesetz der Marktgesellschaft: Schulden sind eine Verpflichtung, eine Bürde. Seit den Geldschöpfungsorgien der Zentralbanken ist es damit vorbei.

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Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Shylock ist ein Ekel, keine Frage, und ja: William Shakespeare (1564–1616) räumt seinem Tugendensemble im „Kaufmann von Venedig“ viel Platz ein, um die „schurkische Seele“ des Zinsjuden anzuklagen. Gleich zu Beginn stellt er Shylocks „wölfisches, blutrünstiges“ Wesen aus, von Geld besessen und Habgier getrieben. Aber Shakespeare wäre nicht Shakespeare, wenn Shylock bloß empty from any dram of mercy wäre, ein Mann von eindimensionaler Bösartigkeit, der Antonio 3.000 Dukaten verleiht und ihm ein Pfund Fleisch aus den Rippen zu schneiden droht, sollte er das Geld nicht binnen drei Monaten zurückzahlen. Nein, Shylock ist zugleich ein Verstoßener, der auf Rache sinnt für all die Erniedrigungen, die er als buckliger Geldverleiher auf dem Rialto erleidet, ein Outlaw, der nur das Vorurteil der Charakterlosigkeit bestätigt, das von der scheinmoralisch „guten“ Gesellschaft Venedigs gegen ihn erhoben wird.

Der Text ist ein - leicht veränderter und stark gekürzter - Auszug aus einem Essay für den Sammelband

Von Schuld zu sprechen ist im „Kaufmann“ schier unmöglich. Nicht nur, weil Shakespeare sie keiner seiner Figuren unzweideutig zuweist. Sondern vor allem, weil er die kulturelle Basisinnovation der heraufdämmernden Marktgesellschaft auf die dramatische Spitze treibt: die Umformatierung von persönlicher Schuld in finanzielle Schulden. Eine Verbindlichkeit ist im Kapitalismus keine zwischenmenschliche Ehrensache mehr, sondern juristisch obligatorisch. Sie lässt sich nicht mehr vormodern, wie von Antonio, mit Lauterkeit verrechnen, sondern wird mit Geld aus der Welt geschafft. Shakespeare spürt, dass am Ende des 16. Jahrhunderts nicht mehr Gottes Wort und Königs Wille zählen. Sein Shylock personifiziert eine Ordnung, in der das Geld zum Maß aller Dinge aufsteigt, weil es selbst das schlechthin Unverfügbare (Antonios Leib und Leben) auf seinen verbindlichen Nenner zu bringen versteht. Shylocks Geld erklärt das (falsche) Edle und Wahre der Herrschaftsmoral zur baren Ware. Es richtet eine Welt ein, in der ein Vertrag mehr zählt als Reputation – und im Zweifelsfall Recht vor Gnade ergeht.

Für das Verständnis von modernen Staatsschuldenkrisen ist der Ökonom William Shakespeare daher ein besserer Ausgangspunkt als der Ökonom Adam Smith. Im Unterschied zur wirtschaftswissenschaftlichen Klassik, die das Geld knapp 200 Jahre später zum Zahlungsmittel freisinniger Marktteilnehmer verharmlosen wird, versteht er Geld als Schuldurkunde. Dahinter steht der aristotelische Gedanke, dass die Zahlung von Geld den direkten Austausch von Gütern gewissermaßen unterbricht – und dass das Geld eine Schuld speichert, die erst dann beglichen ist, wenn der Empfänger einer Zahlung seinerseits eine Zahlung leistet: Das Geld ist für einen späteren Austausch gleichsam Bürge. Was mit seiner rechtlichen Natur gemeint ist, wird sofort klar, wenn das Geld selbst, wie bei Shylock, zu einer Ware wird: Der Empfänger ist zu ihrer Rückgabe verpflichtet und hat für ihre Nutzung eine Leihgebühr – den Preis des Geldes: den Zins – zu zahlen. Shylock hält die Erhebung einer solchen Gebühr für die selbstverständlichste Sache der Welt, ja: Es geht ihm gleich zweimal darum, Antonio als fool that lent out money gratis eine ökonomische Lehre zu erteilen.

Das englische Wort bond spielt dabei eine entscheidende Rolle. Anders als im heutigen Zentralbank-Deutsch, in dem es einen Kredit bezeichnet, der Schuldner zu nichts verpflichtet, weil dieser Kredit aus dem Nichts geschaffen, niemals zurückgezahlt und ad infinitum gestückelt und verbrieft, kurz: „refinanziert“ wird, ist ein bond für Shakespeare unbedingt verbindlich. Mehr noch: Der bloße Anspruch auf Rückzahlung bietet dem Geldhändler Shylock mehr Sicherheit als dem Kaufmann Antonio der Besitz realer Waren. Für Shylock mögen Antonios Schiffe auf den Weltmeeren mit lauter Reichtümern beladen sein – eine Sicherheit für sein Geld, eine Garantie auf Rückzahlung gar, gewähren sie ihm nicht. Schiffe sind „nur Bretter“, so Shylock, den peril of waters, winds, and rocks ausgeliefert. Für ihn ist materieller Besitz etwas, das sich jederzeit in Luft auflösen kann – und das Immaterielle eines Kredits etwas, womit man unbedingt zu rechnen hat.

In Luft aufgelöst

Selbst Antonio, der sich wohlhabend wähnt und in den nächsten Wochen den return of thrice three times the value of his bond erwartet, erkennt den vertraglichen Charakter der Geldleihe ausdrücklich an – gerade weil ihm im Umgang mit dem verhassten Shylock an einer distanzierten Geschäftsbeziehung gelegen ist: Mit einem wie Shylock will Antonio sich nicht persönlich verbunden wissen. His bond meint daher nicht nur einen Vertrag, aus dem für Shylock ein Anspruch resultiert und für Antonio eine Verpflichtung, sondern auch, dass eine vertraglich geregelte Geldleihe dem Schuldner die Chance bietet, in den Genuss finanzieller Mittel zu gelangen, ohne dabei auf den Austausch von (Mit-)Menschlichkeiten angewiesen zu sein. Die Moral des Geldes, so lautet Shakespeares ökonomisches Grundgesetz, besteht paradoxerweise darin, dass es unmoralisch ist, indem es Schuldner und Gläubiger auf die Einhaltung dessen verpflichtet, was es seiner Substanz nach ist: ein horizontaler Gesellschaftsvertrag, auf dessen Gültigkeit sich Gläubiger und Schuldner Zahlung für Zahlung verständigen.

Diese Staaten stecken am tiefsten in den Miesen
Japan – 245 Prozent des BruttoinlandsproduktsDer Inselstaat ist Rekordhalter unter den Industriestaaten. Dennoch kann sich Japan ohne Probleme am Kapitalmarkt refinanzieren. Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen liegt unter einem Prozent. Japan hat eine völlig andere Schuldenstruktur als etwa Griechenland. Der Staat verschuldet sich bei seinen eigenen Bürgern, nicht bei internationalen Investoren. Nur rund fünf Prozent der Schuldtitel gehören Ausländern. Bei den entscheidenden 95 Prozent hilft der Staat allerdings kräftig nach. Er zwingt die staatlichen Pensionsfonds mit strengen Investitionsrichtlinien, der Regierung Kredit zu geben. Sie investieren im Schnitt 55 Prozent ihres Vermögens in heimische Staatsanleihen. Quelle: dpa
Griechenland – 182 Prozent des BIPIm Gegensatz zu Schulden-Spitzenreiter Japan ist die Hohe Schuldenlast für Griechenland fatal und das Land auf Hilfskredite der Euro-Partnerländer angewiesen. Bei den Rettungspaketen für Griechenland wird vor allem um diese Schuldenquote gerungen, die bis 2020 auf 120 Prozent gedrückt werden soll. Erst bei diesem Wert kann sich ein Land nach gängiger Meinung der Ökonomen wieder selbst an den Kapitalmärkten langfristig refinanzieren. Wegen der schrumpfenden griechischen Wirtschaft dürfte die Schuldenquote Griechenlands zunächst aber weiter steigen. Quelle: dpa
St. Kitts and Nevis – 139 Prozent des BIPGriechische Verhältnisse in Karibik: Die kleine Inselföderation hat ihre Schulden in erster Linie durch das unrentable Wirtschaften der staatlichen Zuckerproduzenten aufgetürmt. Anders als Griechenland vermag es der 50.000-Einwohner-Staat aber nicht, auf den internationalen Finanzmärkten für Unruhe zu sorgen. Dazu ist sie zu bedeutungslos. Auch die gesamte Währungsunion hat der Staat, der zum britischen Commonwealth gehört, nicht in tiefgreifende Probleme gestürzt. Zusammen mit den anderen Antilleninseln Anguilla, Antigua und Barbuda, Dominica, Grenada, Montserrat, St. Lucia sowie St. Vincent und die Grenadinen bildet sie eine Währungsunion. Seit 1965 nutzen diese Staaten gemeinsam den Ostkaribischen Dollar. (im Bild: Ein Autofahrer füllt an einer Zapfsäule in der Hauptstadt Basseterre seinen Tank auf) Quelle: REUTERS
Jamaika – 140 Prozent des BIPTraumhafte Strände, traumatische Staatsverschuldung: Der Karibikstaat ging noch vor Island bankrott – fast unbemerkt von der internationalen Aufmerksamkeit. Mit Beginn der Finanzkrise brach der Tourismus ein, ebenso flossen weniger Überweisungen von Exil-Jamaikanern, was die Rezession auf der Insel verstärkte. Die Staatsverschuldung wuchs sprunghaft von 126 Prozent (2008) auf 143 Prozent (2010). Hinzu kommen hohe Kriminalität, Schutzgelderpressung und Drogenhandel. Mit Unterstützung des Internationalen Währungsfonds ging der Im Fall der Reggae- und Rastainsel in einen geordneten Konkurs. 2012 hat Jamaika seine Schuldenlast um drei Prozent gesenkt. Quelle: dpa/dpaweb
Libanon – 135 Prozent des BIPDie extrem hohe Staatsverschuldung ist eines der Schlüsselprobleme im Libanon. Für Zinszahlungen müssen mehr als 40 Prozent der gesamten Staatseinnahmen ausgegeben werden. Die Dollarisierung der Spareinlagen ist trotz des politischen Stillstands und der Weltwirtschaftskrise zurückgegangen. Die Finanzierung der Staatsverschuldung wird im Grunde dadurch gesichert, dass im Ausland lebende Libanesen und langfristig orientierte Investoren aus den Golfstaaten Vertrauen in das libanesische Bankensystem haben´ Quelle: AP
Italien – 128 Prozent des BIPItaliens Schuldenberg wächst in der Rezession weiter und weiter. Planungspapiere der Regierung belegten, dass die Verschuldung des Staates 2013 vermutlich sogar ein neues Rekordniveau von 130,4 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. Schon im Mai lag die Schuldenlast Italiens bei mehr als zwei Billionen Euro. Bislang erwartete die Regierung einen Rückgang der Schuldenstandsquote. Quelle: dpa
Eritrea – 128 Prozent des BIPDie gesamte Volkswirtschaft des afrikanischen Landes müsste 1,28 Jahre arbeiten und die Erlöse vollständig an die Gläubiger des Staats abgeben, um die Staatsschuld zu tilgen (plus Zinsen, die dann weiterarbeiten). Dabei gehört das Land zu den ärmsten der Erde. Zwar erwartet Eritrea für 2013 mit ein reales Wirtschaftswachstum von acht Prozent – und damit mehr als drei Mal so viel wie 2012 – allerdings sieht es für die Wirtschaft der abgeschotteten Quasi-Diktatur jenseits der ordentlich anlaufenden Kupfer- und die Goldförderung düster aus. Schätzungsweise zwei Drittel der Bevölkerung sind auf Lebensmittelhilfen der Regierung angewiesen und müssen dennoch Hunger leiden. Die internationale Abschottung führt zudem zu hoher Inflation, Devisenknappheit und öffentlicher Verschuldung. (im Bild: Zwei eritreische Kinder spielen hinter Wasserkanistern in Dadu, 120 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Asmara) Quelle: AP

Hinzu kommt, dass Geld traditionell auch als ein vertikaler Gesellschaftsvertrag zwischen dem Staat und seinen Bürgern in Umlauf ist. Um das zu verstehen, reicht ein Blick auf alte Münzen. Der Kopf des Souveräns auf der einen Seite verleiht der Zahl auf der anderen Seite Autorität und Geltung – und umgekehrt: Die Gültigkeit der Zahl auf der einen Seite räumt dem Souverän auf der anderen Seite Kredit und Anerkennung ein. Nicht umsonst leiten sich vom römischen Solidus der Spätantike nicht nur „Sold“ und „Soldat“ ab, sondern auch „solide“ und „solidarisch“. Das Metallgeld der damaligen Zeit trägt seinen Wert in sich – und tat es symbolisch bis in die Siebzigerjahre hinein, bis zur Aufgabe des Goldstandards. Die Regenten brachten mit dem geprägten Edelmetall Autorität und Glaubwürdigkeit in Umlauf. Solange sie für den Gehalt der Münze, also buchstäblich für die Festigkeit der Währung bürgten, verdienten sie das Vertrauen ihres Volkes.

Mit diesem Vertrauen, jeder weiß es, ist es heute gründlich vorbei. Mit der Erfindung des Papiergeldes wird der doppelte bond-Charakter des Geldes als horizontaler und vertikaler Gesellschaftsvertrag kurzfristig verstärkt – und langfristig in Luft aufgelöst. Der 26. Februar 1797 ist für die Geschichte der kapitalistischen Moderne daher mindestens so folgenreich wie der 14. Juli 1789. Die Bank of England wird damals von der Verpflichtung befreit, Banknoten in Münzgeld zu wechseln – und eine Deckung des umlaufenden Papiergelds zu garantieren. Die Reserven sind nach dem Krieg gegen Frankreich erschöpft; einem Barvermögen von 1,27 Millionen Pfund steht ein Notenumlauf von 8,64 Millionen Pfund gegenüber – die Bank ist zahlungsunfähig. Statt jedoch Konkurs anzumelden, weil sie die (potenziellen) Forderungen ihrer Gläubiger nicht (mehr alle zugleich) bedienen kann, ruft die Bank kurzerhand ein Konversionsverbot für Banknoten aus. Und siehe da: In den nächsten Tagen und Wochen zeigt sich, dass der pure Glaube an das neue Schein-Geld Berge versetzen kann. Die faktische Insolvenz bleibt folgenlos. Die Banknoten zirkulieren munter weiter – im bloßen Vertrauen darauf, dass das Papiergeld bis zum erhofften Widerruf der bank-restriction seinen Wert behält und die Bank zwischenzeitlich genügend Kapital aufbaut, um die Notenausgabe künftig wieder decken zu können.

Der Kern der britischen Geldrevolution besteht nicht in der Entmaterialisierung des Geldes, sondern in seiner künstlichen „Verlängerung“ als Vorschuss, in seiner „Verdopplung“ als Bargeld und Obligation. Die neue Banknote ist Geld und Anti-Geld zugleich. Bisher war Papiergeld als Zahlungsmittel ja überhaupt nicht in Umlauf. Als Wechsel entsprach es einem Schuldschein der Bank auf den Inhaber – und das Vertrauen in die neuen „Noten“, die zunächst bei Goldschmieden, später bei Banken eingelöst wurden, beruhte darauf, dass sie durch Kurantmünzen abgesichert waren (und dass der Souverän für ihre Annahmepflicht bürgte). Mit der Kassation der Einlöseverpflichtung ändert sich der Charakter des Geldes fundamental: Als Bargeld stellt es eine Balance dar, die es als Obligation negiert. Das neue Geld ist als valides Zahlungsmittel im Umlauf und als Schuld zugleich.

Das moderne Papiergeld

Zu den problematischen Folgen dieser monetären Umformatierung gehört, dass sich Schuld und Schulden nicht mehr eindeutig zurückverfolgen lassen – und dass sich Zahlungsketten fiktionalisieren. Bereits Adam Smith wusste von Schuldnern zu erzählen, die ihre Außenstände durch immer neue Kredite bezahlten – was bei Fälligkeit und Präsentation der Wechsel zwangsläufig zu einer Serie von Bankrotten führen musste – irgendwann. Denn einerseits sind die Zahlungen „völlig fiktiv“ so Smith, weil „der Strom, den die umlaufenden Wechsel aus den Tresoren der Banken fließen ließen, niemals durch einen anderen ersetzt [wurde], der tatsächlich wieder dorthin zurücklief“. Andererseits gilt: „Selbst wenn alle zahlungsunfähig werden…, was durchaus wahrscheinlich ist, wäre es reiner Zufall, falls sie es innerhalb kurzer Zeit würden.“ Hellsichtig erkennt Smith, dass sich mit dem neuen Papiergeld eine Pumpwirtschaft und mit der Pumpwirtschaft eine Mentalität der Sorglosigkeit ausbreitet: „Das Haus ist zwar baufällig und wird nicht mehr lange stehen, sagt sich ein müder Reisender, aber es wäre schierer Zufall, wenn es gerade heute Nacht einstürzte; ich will es daher wagen, darin zu übernachten.“

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Das moderne Papiergeld: Money and Claim

Damit hat Smith das Erfolgsgeheimnis des Papiergeldes vorweggenommen. Es liegt in der offiziellen Verzeitlichung der Einlösepflicht – in dem frechen Versprechen, eine Kompensation der umlaufenden Schulden nicht etwa anzustreben, sondern auszuschließen. Wenn Papiergeld money and claim ist, ein monetärer Verschnitt seiner Geld- und Krediteigenschaften, ein zur Einheit aus Bonität und Zahlungsunfähigkeit verdichteter Widerspruch, dann muss der Emittent seine unendliche Zirkulation versprechen. Eine Kompensation der umlaufenden Schulden ist explizit unerwünscht, denn die Stabilität des Geldumlaufs besteht nur noch darin, dass jeder auf den anderen verwiesen ist, weil er weiß, dass das, was er (nicht) besitzt, immer auch von allen anderen (nicht) besessen wird. Der kontrollierte Bankrott wird dadurch gleichsam mitlaufend zur Institution der neuen Scheinwirtschaft, die aufgeschobene Insolvenz zu ihrer Grundlage – und die systematische Verschuldung zu ihrem Credo.

Das Geld und seine vielen Sprösslinge...

Keiner hat das früher und besser verstanden als Benjamin Franklin (1706–1790), das amerikanische Universalgenie. Für ihn ist Geld kein bond, der Geschäftsbeziehungen regelt, sondern bound for the future, immer unterwegs, um sich zu vervielfältigen. Geld, so Franklin, will im Kapitalismus angelegt sein und investiert werden, es will „arbeiten“ und sich vermehren; es ist eingesetzt oder nicht, verwendet oder verschwendet, nie das, was es ist, sondern immer sein mögliches Mehr: Produkt, Potenz und Projekt seiner selbst, zugleich Modus, Motor und Ziel des kapitalistischen Wirtschaftens. „Geld kann Geld erzeugen, und die Sprösslinge können noch mehr erzeugen und so fort“, schreibt Franklin. Ein Kapitalist hat es daher immer mit mobilisiertem Geld zu tun, mit seiner Anreicherung und seiner Wiederaufbereitung – mit der Folge, dass kapitalistisches Geld nicht nur laufend mehr Geld und Güter produziert, sondern gleichsam mitlaufend den Sachzwang, sich und die Güter im Dauermodus der Vermehrung bearbeiten, also immer mehr Geld und Güter produzieren zu müssen...

Geld verbindet zu nichts mehr

Joseph Schumpeter hat die Marktharmonielehre und das Gleichgewichtsdenken der klassischen Nationalökonomie – Adam Smiths „unsichtbare Hand“ – daher schon vor mehr als 100 Jahren auf den Müllhaufen der Theoriegeschichte geworfen. Für Schumpeter war Kapitalismus ein dynamischer, unabschließbarer Prozess, der uns in eine Art dauernde Zukunft expediert, eine evolutionäre Entwicklung ohne Endpunkt, ein Fortschritt ohne Ziel. Er war von der unerschöpflichen Energie der „kapitalistischen Maschine“ überzeugt, vom „ewigen Sturm“ des wirtschaftlichen Wandels, von einer Welt, in der ständig was Neues wird und wächst und wuchert. Das Geld war für Schumpeter – neben dem Erfindergeist der Unternehmer – der Treibstoff dieses wirtschaftlichen Wandels – und natürlich hatte Schumpeter nichts dagegen, diesen Wandel mit leistungsfördernden Additiven zu versehen. Aber wie ließ sich der Prozess der „kreativen Zerstörung“ beschleunigen? Nun – ganz einfach dadurch, dass man ihn nicht mit akkumuliertem Vermögen (Kapital) befeuert wie in den frühen Tagen der Industriellen Revolution, sondern mit geschöpften Versprechen (Krediten). Kapitalismus, so Schumpeter, ist Kreditismus. Neue Firmen schaffen neue Werte mit neuem Geld – die nachindustrielle Revolution besteht darin, dass sie das Morgen immer schon heute mit Geld erreicht, das sie der Zukunft entlehnt. Der Unternehmer schafft Produkte, der Bankier produziert Kaufkraft, so ist die Arbeitsteilung – und beide zusammen schaffen Dynamik, Instabilität, fortschreitende Umwälzung, dauernde Innovation.

Das sind die heiß erwarteten Wirtschaftsbücher
Welche Wirtschaftsbücher erweitern 2013 unseren Horizont? Es folgt ein erster Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn die Titel kommen in zwei Schwüngen auf den Markt, von Mitte Februar bis Mitte April und im Herbst rund um Frankfurter Buchmesse im Oktober. Was in der zweiten Jahreshälfte passiert, ist nur bedingt absehbar, zudem gibt es Jahr für Jahr Überraschungen ... Quelle: dpa
... so gewann den Deutschen Wirtschafsbuchpreis 2012 ein bis dahin hierzulande weitgehend unbekannter Autor. Tomás Sedlácek überzeugte die Jury mit seinem Werk „Die Ökonomie von Gut und Böse“ (Hanser Verlag)  noch ein wenig mehr als die starke Konkurrenz. 2013 wird Tomás Sedlácek gleich zwei Bücher veröffentlichen … Quelle: Presse
Im Februar erscheint „Bescheidenheit für eine neue Ökonomie“ (Hanser Verlag). In der Tat ganz bescheiden beschränkt sich der Autor hier auf 128 Seiten. Man möchte es beinahe ein „Zwischenbuch“ nennen. Denn im Herbst erscheint dann „Fetisch der Ökonomie“. Im Interview mit dem „Spiegel“ beschreibt Sedlácek den Fetisch als etwas, das einen „einfachen Weg verspricht, unser Verlangen zu befriedigen“, bis das zu groß wird und die Menschen zum Sklaven des Fetisch würden. Das Wirtschaftswachstum sei einer der größten Fetische und Sedlácek geht der Frage nach, warum dieses Wachstum eigentlich sein muss. Quelle: Presse
Die wohl interessanteste Autobiografie erscheint am 12. April im Econ Verlag. Sheryl Sandberg, Jahrgang 1969, hat ihren bisherigen Lebensweg aufgeschrieben. Und da war ja auch schon einiges los:  Nach dem Studium in Harvard arbeitete sie bei der Weltbank und als Stabchefin von Finanzminister Larry Summers unter Bill Clinton. Danach machte sie das Anzeigengeschäft für Google rentabel. Auf einer Party lernte Sandberg 2007 Mark Zuckerberg kennen. Sie hat aus der coolen Klitsche Facebook ein profitables Unternehmen gemacht und ist auch Mitglied des Verwaltungsrates. In ihrer Autobiografie „Lean in“ betont sie, wie Frauen den Weg an die Spitze schaffen können. Quelle: REUTERS
Ein echtes Highlight der ersten Jahreshälfte ist das Buch „Makers“ von Chris Anderson (Hanser Verlag), das Ende Januar erscheint. Der Chefredakteur der renommierten Zeitschrift „Wired“ gilt als einer der Zukunftskenner schlechthin. Anderson geht davon aus, dass das Internet nicht nur die Welt der Kommunikation dramatisch verändert hat, sondern auch die Welt der Dinge. Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen industriellen Revolution. Jeder kann selbst Produkte (Foto: Objekte aus einem 3D-Drucker) designen und fertigen – mit vergleichsweise geringem Aufwand zum Beispiel dank neuartiger 3D-Drucker. Quelle: dpa
Bücher über Innovationen sind ohnehin ein Trend im ersten Halbjahr. Gunter Dueck ist ein wahrer Querdenker, was der Titel seines schon im Januar erscheinenden Buches entspricht: „Das Neue und seine Feinde“ (Campus Verlag). Die Feinde von Innovationen seien ausgerechnet die, die mit Forschungsmilliarden um sich werfen: In Unternehmen herrsche Blockadehaltung, die Wissenschaft sei im „Elfenbeinturm“. Ein wertvoller Ratgeber, der sich und dem Leser das Leben nicht zu einfach macht. Quelle: dpa
Einen weiteren Zukunftstrend beschreiben die drei Autoren Hanno Charisius, Richard Friebe und Sascha Karberg. Sie kümmern sich um „Biohacking. Gentechnik aus der Garage“ (Hanser Verlag). Genforschung ist nämlich nicht mehr nur den Großkonzernen vorbehalten.  Sie gehen der Frage nach, wer hinter dem Hacking der Lebens-Codes steckt und wie die Politik auf sie reagieren sollte. Quelle: dpa

Von welchem Geld also sprechen wir heute, im Kreditismus der Moderne? Offenbar nicht von Shylocks Geld, das verantwortlich bearbeitet, sondern von Geld, das destilliert wird aus der heißen Luft einer Schuldverschreibung. Es ist Geld, mit dem der Staat und die Banken die strahlende Zukunft der Menschheit mitten hinein in die Gegenwart zaubern, um exakt die Progression des Sozialprodukts, der Einkommen und der Geschäftsgewinne herbeizuführen, die zur Begleichung der Schulden einmal erforderlich sein werden. Daran ist zunächst nichts auszusetzen: Kreditgeld ist ein Wachstumsbeschleuniger und Wohlstandsmotor – und solange es einen angemessenen Preis hat, stärkt es nicht nur das vertragliche Band zwischen Gläubiger und Schuldner, sondern kann auch die Prosperität einer Gesellschaft mehren. Im Unterschied zum Kapital, das die Geldquellen der Gegenwart anzapft, lassen Kredite Kaufkraft aus einer imaginierten Zukunft fließen. Mit der Investition von Geld, das sie noch nicht besitzt und erst morgen zurückzahlen wird, begrünt die Menschheit das Hier und Heute – das ist Schumpeters Gedanke.

Konjunktur



Doch sein Kreditismus ist nur so lange fruchtbar, wie die Emission des Geldes gedeckt ist – und Darlehen nicht nur eine verheißungsvolle Zukunft versprechen, sondern auch das Versprechen der Schuldner einschließen, die vergegenwärtigte Zukunft mit der Tilgung der Schuld beizeiten wieder einzuholen. Davon kann keine Rede mehr sein. Seit die Notenbanken den Geschäftsbanken unbegrenzt viel Anti-Geld zur Verfügung stellen und Geschäftsbanken immer weniger Eigenkapital vorhalten müssen, um ihrerseits frisches Anti-Geld zu schöpfen, dreht sich die Schuldenspirale mit beängstigender Zwangsläufigkeit ins Unendliche.

Entsprechend besteht moderne Regierungskunst heute nicht mehr auf der Abtragung von Schulden, sondern auf ihrer permanenten Verzeitlichung, auf der Vermehrung ins Unendliche verlängerbarer Schulden – und auf der zunehmend heiklen Stabilisierung dieses Schuldzusammenhangs. Anders gesagt: Das Geld des modernen Kreditismus ist der exakte Ausdruck dessen, der Staaten und Banken zu nichts mehr verpflichtet. Es symbolisiert keinen Vertrag und entbindet auch keine Kräfte mehr. Stattdessen stottert es nur noch eine Gegenwart ab, die ihre künftigen Potenziale schon verbraucht hat – wenigstens so lange, bis es sich in das auflösen wird, was es seiner Herkunft nach ist: Luft.

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