Tauchsieder

Thomas Pikettys strittige Kapitalismus-Formel

Der Ökonom Thomas Piketty hat ein Buch geschrieben, das die Branche elektrisiert und politischen Sprengstoff birgt: Ist das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit, eine Revolution oder nur kalter Kaffee?

Thomas Pikettys Buch wirft die Frage auf, ob Kapitalismus und Demokratie gemeinsam funktionieren können. Quelle: dpa/Montage

Vor sechs Wochen war Thomas Piketty ein französischer Wirtschaftswissenschaftler, der an der Pariser School of Economics und der École des Hautes Études en Sciences Sociales lehrte und im August 2013 ein fast 1000 Seiten dickes Buch mit einem anmaßenden Titel geschrieben hatte: "Le capitale au XXI siècle" - "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Heute ist Thomas Piketty der neue Leitstern der Zunft, der angeblich die Weltformel des Kapitalismus entdeckt hat: "r > g" lautet sie: der return on capital ist größer als das economic growth, zu deutsch: die Einkommen aus Kapital übertreffen das Wirtschaftswachstum - mit der Folge, dass sich die Schere der Ungleichheit zwischen den Vielen, die für kleines Geld arbeiten müssen und den Wenigen, die großes Geld für sich "arbeiten" lassen können, immer weiter öffnet.

In Frankreich verkaufte sich Pikettys Sachbuchschinken ordentlich; die Kritik bescheinigte dem Autor, nicht nur enormen empirischen Aufwand betrieben, sondern den gewaltigen Stoff auch zu einer leicht verständlichen, "großen Erzählung" verarbeitet zu haben. In den Vereinigten Staaten aber war das Vorweg-Echo über Pikettys "Entdeckung" so groß, dass der Verlag sich kurzerhand entschloss, die Veröffentlichung der Übersetzung von April auf Mitte März vorzuziehen. Seither fällt Lob und Preis wie Manna vom Himmel, gerade so, als handle es sich bei Thomas Piketty um ein Kaliber wie Adam Smith, Karl Marx oder Joseph Schumpeter.

Der Grund dafür ist leicht ersichtlich. Piketty wird von der (linksliberalen) Intellektualität wie ein Heilsbringer gefeiert, weil seine Formel das Zeug hat zur politischen Kraftentfaltung. Sie soll helfen, das ("neoliberale") Mentalitätsregime - Deregulierung und Niedrigsteuern - aus den Angeln zu haben, in dessen Bann Amerika seit drei Jahrzehnten stehe, mindestens aber den von Ronald Reagan und Milton Friedman geprägten amerikanischen Volksglauben erschüttern, Kapitalismus, Marktfreiheit und Demokratie verhielten sich komplementär zueinander.

Kapitalismus schadet der Demokratie

Pikettys These dagegen lautet genau andersherum: Der Kapitalismus schädige die Demokratie. Und der "Markt" erzeuge Ungleichheiten, die westliche Gesellschaften geradewegs zurück in eine neofeudale Zukunft führten, genauer: in ein viktorianisches 21. Jahrhundert, in dem die Erben von Manager-Milliardären als Groß(grund)besitzer ihren leistungslosen Reichtum genießen (und permanent ausbauen), während die arbeitende Bevölkerung mit einem kleiner werdenden Kuchen aus Arbeitseinkommen abgespeist wird.

Entsprechend grenzenlos ist der Jubel über Pikettys Buch. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman lobt das "große, mitreißende Nachdenken über die Ungleichheit" und preist Pikettys Werk als "Revolution". Branko Milanovic, einer der führenden Köpfe der Armuts- und Ungleichheitsforschung, ist sich sicher, dass Piketty "das ökonomische Denken verändern" wird. In zahlreichen Zeitschriften und Internet-Blogs ist übereinstimmend vom "wichtigsten Wirtschaftsbuch des Jahres, vielleicht sogar des Jahrzehnts" die Rede. Die Besprechungen in New York Times, New Yorker oder von Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow in New Republic sind von eindrucksvoller Ausführlichkeit und künden von tiefem Respekt.

Ökonomie ist keine mathematisch exakte Wissenschaft

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Sicher, es hat in den vergangenen vier, fünf Wirtschaftskrisen-Jahren einige Bücher gegeben, die publizistisch hohe Wellen geschlagen haben, Nicholas Talebs "Schwarzer Schwan", David Graebers "Schulden", Kahnemanns "Schnelles Denken, Langsames Denken", um nur einige zu nennen, in Deutschland auch Thomas Sedlaceks "Die Ökonomie von Gut und Böse" oder Joseph Vogls "Das Gespenst des Kapitals". Allerdings stellte sich in allen Fällen bereits nach wenigen aufgeregten Debattenwochen eine gewisse Ernüchterung ein: Die Nachfrage nach einer Dechiffrierung des Kapitalismus überstieg offenbar das intellektuelle Angebot der Autoren, die keinesfalls epochemachende Werke geschrieben, allenfalls an hinlänglich bekannte, in den Wirtschaftswissenschaften seit drei, vier Jahrzehnten ganz sicher vernachlässigte Erkenntnisse erinnert hatten.

Das richtige Buch zur richtigen Zeit

Thomas Pikettys Buch ist insofern eine Ausnahme. Es erinnert die ökonomische Zunft nicht von ihren geisteswissenschaftlichen Rändern, sondern von ihrem Zentrum her an ihre vornehmste Aufgabe: sich als historisch informierte moral science zu verstehen und nicht als mathematisch exakte Wissenschaft, die sich seit drei Jahrzehnten eine Welt fühllos-interessegeleiteter Zombies zusammen fantasiert hat, um sie (die Welt und die Menschen) ihren Optimalmodellen anzuverwandeln. Aber hält Pikettys so gründlich recherchiertes Buch wirklich, was sich so viele seiner Rezensenten von ihm versprechen? Wird die Evidenz seiner gewaltigen Zahlenkolonnen den nächsten Debattentrend überstehen? Oder ist die politische Ausbeutung seiner Thesen schon heute größer als ihr wissenschaftlicher Wert?

Fest steht fürs Erste nur, dass Piketty in meinungskonjunktureller Hinsicht das richtige Buch zur richtigen Zeit geschrieben hat. US-Präsident Barack Obama soll es bereits gelesen haben, IWF-Chefin Christine Lagarde und Papst Franziskus. "Ungleichheit" ist (nach einem Jahrzehnt Vorlauf) das politische Stichwort der Stunde. Und ja: Das Thema "Ungleichheit" könnte die politische Kultur der nächsten Jahrzehnte tatsächlich so nachhaltig prägen wie Milton Friedmans Formel von der "wirtschaftlichen Freiheit" die vergangenen drei Jahrzehnte geprägt hat oder John Maynard Keynes Mantra von der "nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik" die 1930er und 1970er Jahre.

Die Kernthese von Pikettys aufwändig hergeleiteter Analyse ist, wie gesagt, so schlicht wie ergreifend: Im Kapitalismus gilt das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit, weil die Rendite aus Kapital und Vermögen größer ist als das Wirtschaftswachstum (r>g). Aber dieser Satz, so Piketty gilt nicht nur "für die gesamte Menschheitsgeschichte". Sondern er gilt umso mehr, wenn das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft besonders schwach sind, so wie in den entwickelten Industrieländern. In einer Gesellschaft mit großen Familien und vielen Erben, argumentiert Piketty, könnte sich das Kapital in der Hand weniger nicht so leicht konzentrieren wie in Gesellschaften mit vielen Ein-Kind-Familien. Und in Volkswirtschaften, die stark wachsen, so Piketty weiter, würden Erbschaften bei der Evaluierung von Vermögen insgesamt weniger ins Gewicht fallen als in Volkswirtschaften, die weitgehend saturiert seien.

Wirtschaftswachstum kann die Ungleichheit nicht aufheben

Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Anders gesagt: Die natürliche Tendenz zur Ungleichheit nimmt in den USA und Europa derzeit besonders dramatische Züge an. Damit sagt Piketty nicht, dass der arbeitende Teil der Bevölkerung grundsätzlich von Wohlstandszuwächsen abgeschnitten ist. Die Versprechen von Ludwig Erhard ("Wohlstand für alle") und John F. Kennedy ("A rising tide lifts all boats") müssten sich nicht unbedingt und jederzeit als hohl und leer erweisen. Aber Piketty sagt, dass der Abstand zwischen den Vermögenden und Arbeitenden prinzipiell uneinholbar ist - und dass er sich nach Lage der Dinge in den nächsten Jahrzehnten stark vergrößern wird.

Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerungen, mehr Bildung und Innovationskraft - das alles, so Piketty, könne das Gefälle zwischen den Vermögenden und Arbeitenden verringern. Das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit außer Kraft setzen aber könne kein Wirtschaftswachstum der Welt.

Piketty hat die Fakten auf seiner Seite. Er wertet seit mehr als zehn Jahren historische Steuerlisten aus, füttert seine Rechner mit Wirtschaftsdaten aus 20 Ländern und hat die Fachwelt, unterstützt von renommierten Kollegen wie Anthony Atkinson (Oxford) und Emmanuel Saez (Berkeley), regelmäßig über die Fortschritte seiner Forschungen unterrichtet. Dabei ist der gesellschaftliche Ertrag seiner Bemühungen den fachlichen Ergebnissen zuweilen vorausgeeilt: Dass wir seit einigen Jahren nicht mehr über das reichste Zehntel oder Hundertstel unserer Gesellschaften spekulieren müssen, sondern auf der Basis von immer genaueren Zahlen vorurteilsfrei über die Konzentration von Vermögen zu urteilen vermögen, dass das Neidargument damit passé ist und das Ressentiment aus der politischen Diskussion über die Ungleichheit zunehmend verschwunden ist, ist in sehr weiten Teilen Piketty, Saez und Atkinson zu verdanken.

Pikettys Ergebnis nun: Die Wachstumsraten in den USA, England und Frankreich, auf die sich seine Arbeit konzentriert, aber auch in Deutschland, Japan, Kanada und Australien, liegen seit dem 18. Jahrhundert im historischen Mittel von 0,5 bis ein Prozent. Die Rendite auf Grund und Boden, Maschinen, Immobilien und Aktien hingegen liegt bei durchschnittlich vier bis fünf Prozent. Piketty folgert beispielhaft: Wenn r = 1 ist und g = 5, dann braucht der Kapitalist nur ein Fünftel zu sparen, um sein Vermögen im Gleichschritt mit dem des Angestellten wachsen zu lassen. Der Rest dient ihm zur Verschwendung oder zum Vermögensaufbau: Die Reichen werden immer reicher und die Habenichtse auf Abstand gehalten.

Es sei denn, Krisen, Kriege und Nachholprozesse setzen das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit vorübergehend außer Kraft. Piketty weist nach, dass der zweite Weltkrieg immense Vermögenswerte vernichtet hat und zeigt, wie sich in der Phase des Wiederaufbaus, während der Wirtschaft und Bevölkerung stark wuchsen, vor allem in Frankreich und Deutschland "nivellierte Mittelstandsgesellschaften" (Helmut Schelsky) herausbilden konnten. Aber eben nur vorübergehend. Und genau hierin liegt die provozierende Brisanz von Pikettys Buch: Er hält die "soziale Marktwirtschaft" für eine Ausnahme von der kapitalistischen Regel. Und das liberale Dogma von der nivellierenden Kraft des marktwirtschaftlich organisierten Wettbewerbs für leeres Geschwätz. Fakt sei, dass wir am Beginn des 21. Jahrhunderts die Rückkehr zur Belle Epoque des 19. Jahrhunderts erleben, so Piketty - eine Zeit, in der sich zunehmend viel Vermögen in der Hand einer kleine Schicht von Menschen konzentriert, die sich ihren Reichtum nicht erarbeitet, sondern die ihn erbt und verwaltet.

Kapitalismus bedeutet Ungleichheit

Das sind die heiß erwarteten Wirtschaftsbücher
Welche Wirtschaftsbücher erweitern 2013 unseren Horizont? Es folgt ein erster Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn die Titel kommen in zwei Schwüngen auf den Markt, von Mitte Februar bis Mitte April und im Herbst rund um Frankfurter Buchmesse im Oktober. Was in der zweiten Jahreshälfte passiert, ist nur bedingt absehbar, zudem gibt es Jahr für Jahr Überraschungen ... Quelle: dpa
... so gewann den Deutschen Wirtschafsbuchpreis 2012 ein bis dahin hierzulande weitgehend unbekannter Autor. Tomás Sedlácek überzeugte die Jury mit seinem Werk „Die Ökonomie von Gut und Böse“ (Hanser Verlag)  noch ein wenig mehr als die starke Konkurrenz. 2013 wird Tomás Sedlácek gleich zwei Bücher veröffentlichen … Quelle: Presse
Im Februar erscheint „Bescheidenheit für eine neue Ökonomie“ (Hanser Verlag). In der Tat ganz bescheiden beschränkt sich der Autor hier auf 128 Seiten. Man möchte es beinahe ein „Zwischenbuch“ nennen. Denn im Herbst erscheint dann „Fetisch der Ökonomie“. Im Interview mit dem „Spiegel“ beschreibt Sedlácek den Fetisch als etwas, das einen „einfachen Weg verspricht, unser Verlangen zu befriedigen“, bis das zu groß wird und die Menschen zum Sklaven des Fetisch würden. Das Wirtschaftswachstum sei einer der größten Fetische und Sedlácek geht der Frage nach, warum dieses Wachstum eigentlich sein muss. Quelle: Presse
Die wohl interessanteste Autobiografie erscheint am 12. April im Econ Verlag. Sheryl Sandberg, Jahrgang 1969, hat ihren bisherigen Lebensweg aufgeschrieben. Und da war ja auch schon einiges los:  Nach dem Studium in Harvard arbeitete sie bei der Weltbank und als Stabchefin von Finanzminister Larry Summers unter Bill Clinton. Danach machte sie das Anzeigengeschäft für Google rentabel. Auf einer Party lernte Sandberg 2007 Mark Zuckerberg kennen. Sie hat aus der coolen Klitsche Facebook ein profitables Unternehmen gemacht und ist auch Mitglied des Verwaltungsrates. In ihrer Autobiografie „Lean in“ betont sie, wie Frauen den Weg an die Spitze schaffen können. Quelle: REUTERS
Ein echtes Highlight der ersten Jahreshälfte ist das Buch „Makers“ von Chris Anderson (Hanser Verlag), das Ende Januar erscheint. Der Chefredakteur der renommierten Zeitschrift „Wired“ gilt als einer der Zukunftskenner schlechthin. Anderson geht davon aus, dass das Internet nicht nur die Welt der Kommunikation dramatisch verändert hat, sondern auch die Welt der Dinge. Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen industriellen Revolution. Jeder kann selbst Produkte (Foto: Objekte aus einem 3D-Drucker) designen und fertigen – mit vergleichsweise geringem Aufwand zum Beispiel dank neuartiger 3D-Drucker. Quelle: dpa
Bücher über Innovationen sind ohnehin ein Trend im ersten Halbjahr. Gunter Dueck ist ein wahrer Querdenker, was der Titel seines schon im Januar erscheinenden Buches entspricht: „Das Neue und seine Feinde“ (Campus Verlag). Die Feinde von Innovationen seien ausgerechnet die, die mit Forschungsmilliarden um sich werfen: In Unternehmen herrsche Blockadehaltung, die Wissenschaft sei im „Elfenbeinturm“. Ein wertvoller Ratgeber, der sich und dem Leser das Leben nicht zu einfach macht. Quelle: dpa
Einen weiteren Zukunftstrend beschreiben die drei Autoren Hanno Charisius, Richard Friebe und Sascha Karberg. Sie kümmern sich um „Biohacking. Gentechnik aus der Garage“ (Hanser Verlag). Genforschung ist nämlich nicht mehr nur den Großkonzernen vorbehalten.  Sie gehen der Frage nach, wer hinter dem Hacking der Lebens-Codes steckt und wie die Politik auf sie reagieren sollte. Quelle: dpa

Der einzige Unterschied sei, dass die Ungleichheit der Einkommen heute eine größere Rolle als damals spiele, so Piketty vor allem mit Blick auf die USA: Die exorbitant steigenden Managergehälter hätten das Ihre dazu beigetragen, dass sich der Trend zur Aristokratisierung des Kapitalismus in den nächsten Jahren verstärke. Bereits heute, rechnet er vor, konzentriert sich 35 Prozent des Vermögens in der Hand des reichsten Prozents der US-Bevölkerung.

Die "obersten" zehn Prozent der Amerikaner halten 70 Prozent des Kapitals, auf die Mittelschicht (40 Prozent) entfallen 25 Prozent - und auf die "untere" Hälfte aller Amerikaner entfallen gerade mal fünf Prozent. Gleichzeitig sind die Gehälter extrem auseinander gedriftet: Während ein Manager 1950 rund zwanzig Mal so viel verdiente wie der durchschnittliche Angestellte eines Betriebs, strich er 2010 bereits 200 Mal so viel ein. Für Piketty besteht deshalb gar kein Zweifel daran, dass sich die Gewichte zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen weiter verschieben werden. Machten Arbeitseinkommen 1970 noch 68 Prozent der Gesamteinkommen aus, so waren es 2010 nur noch 62 Prozent - Tendenz fallend.

Was empfiehlt Piketty? Die progressive Besteuerung großer Vermögen, versteht sich, konkret: Für Nettovermögen zwischen einer Million und fünf Millionen Euro/Dollar soll ein Prozent pro Jahr fällig sein. Bei Vermögen über 100 Millionen schlüge die Piketty-Steuer mit zehn Prozent zu Buche. Natürlich weiß Piketty, dass Kapital, wie man sagt, flüchtig ist, weshalb er eine enge Zusammenarbeit aller Nationen anmahnt und die Globalisierung seiner Steuer empfiehlt. Das aber ist, gemessen am hohen Aufwand seiner Analyse, an der Steilheit seiner These, an der politischen Ausbeutbarkeit seiner Formel und erst recht gemessen an seinem vermessenen Anspruch, einen größeren Klassiker geschrieben zu haben als die Klassiker Thomas Robert Malthus, David Ricardo, Karl Marx und Simon Kuznets, eine beschämend naive, weil unpolitisch-utopische Empfehlung.

Daher eine Anregung zum Schluss, verehrter Herr Piketty: Ihr Werk gewänne, wenn Sie unzählige Wiederholungen strichen, ihre Analyse auf knapp 200 Seiten verdichteten und auf politische Schlussfolgerungen verzichteten. Auch würde Ihnen ein wenig mehr Bescheidenheit gut zu Gesicht stehen. Denn erstens sind Ihre Erkenntnisse nicht revolutionär, sondern sie bestätigen bloß die Volksgewissheit, dass der Teufel auf den größten Haufen scheißt. Zweitens haben die Theoretiker vor ihnen zwar weniger statistisches Material zur Verfügung stehen gehabt, dafür aber die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus heraus präpariert und nicht nur seine Ergebnisse notiert.

Drittens haben diese Theoretiker dabei längst herausgefunden, dass dem Kapitalismus keine innere Sozialpflichtigkeit innewohnt und keine Umverteilungsziele kennt, dass ihm die Bearbeitung von Ungleichheit überhaupt gar kein Anliegen ist.

In Arbeit
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Hinter diese Erträge, mit Verlaub, fallen sie zurück, wenn Sie meinen, sich das Nachdenken über die Ungleichheit ersparen zu können und nur statistisch beglaubigen, was bereits Literaten wie Honoré de Balzac und Émile Zola im 19. Jahrhundert geläufig war: Ein Studium aufnehmen, eine Karriere als Arzt oder Jurist anstreben, eine bürgerliche Laufbahn einschlagen - das alles ist mit viel Anstrengung verbunden. Warum also nicht einfach eine reiche Dame heiraten, die von den Erträgen ihrer Ländereien oder Bergwerke lebt und jährlich so viel Rente einstreicht wie drei Ärzte und Juristen zusammen?

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