Tauchsieder

Vergesst die Nationalökonomie!

Karl Polanyi hat vor 70 Jahren die Zunft der Volkswirte beschämt. Jetzt sind neue, alte Aufsätze erschienen. Begegnung mit einem Denker, der einem den Atem raubt.

Wo Deutschlands beste Volkswirte forschen
1. Uni MannheimDie neuen Sieger sind die alten. Im Mannheimer Schloss setzt man konsequent auf weltweit wettbewerbsfähige Spitzenforschung. Zudem ist die Fakultät sehr breit aufgestellt: Gleich fünf Forscher haben im Handelsblatt-Ranking zuletzt mehr als fünf Punkte sammeln können. Zu den prominentesten Neuzugängen gehört Antonio Ciccone, der etwa erforscht, ob Bürgerkriege eher ausbrechen, wenn die Wirtschaftslage schlecht ist. Auch Clemens Fuest, der seit März das Forschungsinsitut ZEW leitet, hat eine Professur an der Uni übernommen. Und die Familienökonomin Michèle Tertilt wurde jüngst vom Verein für Socialpolitik mit dem renommierten Gossen-Preis ausgezeichnet. Quelle: dpa
2. Uni BonnNur knapp müssen sich die Bonner Ökonomen den Mannheimern geschlagen geben. War der Standort am Rhein – dem auch Deutschlands einziger Ökonomienobelpreisträger Reinhard Selten angehört – früher als Hort der theoretischen Modellforschung bekannt, so setzt man inzwischen auf Empirie. Forschungsstärkster Volkswirt ist der Experimentalökonom Armin Falk, der in seinen Projekten die Grenzen zwischen Ökonomie und Psychologie oder Medizin überschreitet. So beobachtet Falk etwa, wie Herzfrequenz oder Hirnströme auf ökonomische Belohnung reagieren. Quelle: dpa
3. LMU MünchenDie Münchener Ökonomen leisten sich einen großen Luxus: eine eigene volkswirtschaftliche Fakultät, die sie sich nicht mit Juristen oder Betriebswirten teilen. Wie 2011 belegen die Münchener um Dekan Martin Kocher auch dieses Mal den dritten Platz. Trotz der Größe der Fakultät – zu der auch die acht Professoren des Ifo-Instituts beitragen – versuchen die LMUler sich auf bestimmte Bereiche zu spezialisieren: so etwa auf die internationale Ökonomie, die Experimentalforschung und die Gesundheitsökonomie. Quelle: dpa
4. Uni ZürichIm Jahr 2010 standen die Forscher der Züricher Uni noch ganz vorn im Handelsblatt-Ranking. Seither sind sie auf Platz vier zurückgefallen – allerdings haben sie inzwischen auch weniger Professoren. Stark ist Zürich vor allem in der Mikroökonomie: Der Experimentalökonom Ernst Fehr etwa, der immer wieder für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt wird, zeigt, wie das menschliche Handeln im ständigen Zwiespalt zwischen dem Streben nach Eigennutz und dem nach Fairness steht. Mit Hilfe einer Großspende der USB entstehen in Zürich bald wieder neue Professuren. Quelle: dpa Picture-Alliance
5. ETH ZürichEs ist verwunderlich, dass eine Hochschule, die eigentlich Ingenieure und keine Ökonomen ausbildet, forschungsstarke Volkswirte anlockt. Doch der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist das gelungen: An keiner anderen Fakultät veröffentlicht ein Professor im Schnitt so viele Artikel wie hier. Und so haben die Züricher gleich zwei Vertreter unter den Top 5 des Einzelrankings. Zum einen Peter Egger, der zum Beispiel untersucht, wie multinationale Firmen sinnvoll besteuert werden können. Zum anderen der Theoretiker Hans Gersbach, der die Mechanismen der Demokratie modelliert und Ideen zur Bankenregulierung entwickelt. Quelle: dpa
6. Uni KölnDie traditionsreiche Kölner Volkswirtschaftslehre hat sich zuletzt komplett verjüngt. War die Fakultät früher bekannt für einen ordnungspolitischen, praxisbezogenen Ansatz, so geben heute die Grundlagenforscher den Ton an. International bekannt sind vor allem die Kölner Mikroökonomen. Doch auch in der Makroökonomie konnte die Fakultät zuletzt renommierte Forscher gewinnen. Am meisten publiziert derzeit der Vertragstheoretiker Patrick Schmitz, der unter anderem untersucht, wie Arbeitsanreize ausgestaltet sein müssen, damit Angestellte und Arbeitgeber wirklich an einem Strang ziehen. Quelle: dpa
7. Uni FrankfurtZurückgefallen im Ranking sind in diesem Jahr die Frankfurter Ökonomen: Nach Rang 4 im Jahr 2010 landeten sie nur noch auf Platz 7. Doch mit Roman Inderst - der unter anderem über Wettbewerbstheorie und Bankenregulierung forscht - hat die Fakultät den mit Abstand forschungsstärksten Ökonomen im deutschsprachigen Raum an Bord. Auch holten die Frankfurter im vergangenen Jahr mit Mirko Wiederholt einen jungen Makroökonomen aus den USA zurück, der die neokeynesianischen Modelle ganzer Volkswirtschaften weiterentwickelt. Quelle: dpa
8. Uni LausanneDie Universität Lausanne bildet zusammen mit der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) das größte Bildungszentrum der Schweiz. Die Vorlesungen finden hier vor allem auf Französisch statt. Rafael Lalive ist der stärkste Forscher dieser Uni. Derzeit konzentriert er sich unter anderem auf die Felder Labor Economics und Social Economics. Quelle: dpa
8. Uni WienDie Uni der österreichischen Hauptstadt büßt im Vergleich zum letzten Ranking einen Platz ein. Mit insgesamt 92.500 Studenten ist sie die größte in der Alpenrepublik. Der forschungsstärkste Professor ist Jean-Robert Tyran. Seit 2010 besitzt der 46-Jährige eine Professur Finanzwissenschaft an der Wiener Universität. Seine Forschungsschwerpunkte sind vor allem die experimentelle Ökonomik und der Zusammenhang von Ökonomie und Psychologie. Quelle: dpa Picture-Alliance
10. HU BerlinDie Berliner Eliteuniversität kann sich im Vergleich zum Ranking von 2011 um sechs Plätze verbessern. Vor allem die Forschungsarbeit von Marcel Fratzscher schlägt sich hier nieder. Der gebürtige Bonner ist seit 2013 Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Uni. Der Ökonom war auch bereits für die Weltbank tätig. Seit 2011 arbeitet er auch für die Europäische Zentralbank in Frankfurt. Quelle: dpa
10. Uni St. GallenEbenfalls auf dem geteilten zehnten Platz liegt die Universität St. Gallen. Damit rangiert die Uni einen Platz schlechter als im letzten Ranking. In der Schweiz zählt sie eher zu den kleineren Unis – dennoch beherbergt sie die größte wirtschaftswissenschaftliche Fakultät im deutschsprachigen Raum. Der derzeit größte Forscher der Uni ist Michael Lechner. Bereits seit 1998 ist er Ökonometrie-Professor in St. Gallen. Quelle: dpa
10. Uni KielEbenfalls auf Platz zehn liegt die Universität aus Kiel. Damit bleiben die Kieler unverändert im Vergleich zum Ranking aus dem Jahr 2011. Holger Görg ist dort der fleißigste Forscher. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Außenwirtschaft. Holger Görg zählt zu den führenden, bekanntesten und veröffentlichungsstärksten internationalen Ökonomen. Quelle: dpa
11. Uni GöttingenDie Uni Göttingen kann einen satten Sprung von elf Plätzen im Vergleich zum Ranking 2011 verzeichnen. Die größte Universität in Niedersachsen wird durch die Exzellenzinitiative gefördert. Allerdings gehören traditionell eher die Naturwissenschaften zu ihren Stärken. Bei den VWL-Professoren der Uni tut sich besonders Holger Strulik hervor. Der Professor beschäftigt sich unter anderem mit der Wachstums- und Entwicklungstheorie und der Gesundheitsökonomik. Quelle: dpa
14. Uni HeidelbergEinen Platz gut macht die Uni Heidelberg. Stärkster Forscher ist Axel Dreher. Er ist Professor für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik und Herausgeber des Review of International Organizations. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Entwicklungsökonomie, Globalisierung und der Politischen Ökonomie. Quelle: dpa Picture-Alliance
15. Uni HamburgDie Uni Hamburg kann sich im aktuellen Ranking um vier Plätze verbessern. Hamburgs fleißigster Forscher ist Andreas Lange. Seine Forschung umfasst theoretische, experimentelle und angewandte Arbeiten zu Public Economics und umwelt- sowie verhaltensökonomischen Fragestellungen. Quelle: dpa Picture-Alliance
16. WU WienDie WU (Wirtschaftsuniversität Wien) ist die größte Wirtschaftshochschule in Österreich. Erst zu Beginn des Studienjahres 2013 / 2014 bezog sie ihren neuen Campus am Rande des Praters. Forschungsstärkster Professor ist hier Harald Badinger. Er forscht unter anderem auf den Feldern Angewandte Ökonometrie und Internationale Makroökonomik. Quelle: Handelsblatt Online
16. Uni BernEbenfalls auf dem 16. Platz befindet sich die Uni Bern. Damit verschlechtert sich die Universität um vier Plätze. Vor allem die zentrale Lage der Uni im Land und die hohe Lebensqualität der Stadt zieht viele Studenten an. Harris Dellas ist der fleißigste Forscher. Seine Interessen sind Geldpolitik und Internationale Makroökonomie. Quelle: dpa Picture-Alliance
16. Uni InnsbruckAuch der 16. Platz wird von drei Unis eingenommen. Die Uni Innsbruck platziert sich ebenfalls hier. Der fleißigste Forscher hier ist Matthias Sutter. Er forscht auf den Feldern der Experimentelle Wirtschaftsforschung und der Spieltheorie. Quelle: dpa
19. Uni BaselDie Uni Basel verbessert sich um zwei Plätze. Stärkster VWL-Professor an der ältesten Uni der Schweiz ist Gabriele Camera. Er ist Professor für Makroökonomie. Mittlerweile ist er allerdings an der Chapman University in den USA tätig. Quelle: AP
20. Uni Erlangen-NürnbergDie Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ist mit über 35.000 Studenten die zweitgrößte unter den Universitäten Bayerns. Sie beherbergt die einzige forschungsstärkste Professorin unter den Top 20 des Rankings. Regina T. Riphahn. Ihrer Schwerpunkte sind vor allem die Applied Microeconometrics und die empirischen Wirtschaftswissenschaften. Seit 2008 ist sie auch Mitglied des Wissenschaftsrates. Quelle: dpa Picture-Alliance

Es ist dieser eine ungeheuerliche Satz, der sich sofort ins Gedächtnis gräbt, den man nie mehr los wird, der einem schier den Atem raubt, auch noch nach Jahren, beim Wiederlesen, bei der zweiten und dritten Lektüre - und dieser Satz geht so: "Wenn wir den deutschen Faschismus verstehen wollen, müssen wir uns dem England (David) Ricardos zuwenden." Karl Polanyi (1886 - 1964) hat ihn geschrieben, der ungarisch-österreichische Wirtschaftsjournalist, englisch-amerikanische Professor für Politische Ökonomie und kanadische Kulturanthropologe. Nachzulesen ist er in Polanyis Hauptwerk The Great Transformation, am Ende des ersten Teiles, in dem der Autor einen Blick voraus wirft auf das, was folgen wird, auf den 250 Seiten langen Beweis seiner mächtig verstörenden These: Die Ursprünge des Weltzusammenbruchs 1929/45 lagen im "religiösen Eifer des Wirtschaftsliberalismus zur Errichtung eines selbstregulierenden Marktsystems".

Fast alles, was klassisch denkenden Ökonomen bis auf den heutigen Tag anbeten, hat Polanyi damals als "economistic prejudice" angezweifelt und als verdorbene Frucht eines "kruden Utilitarismus" gemaßregelt: Die Vorstellung von einem harmonischen Markt, auf dem Individuen ihren Spezialinteressen frönen und damit dem Gemeinwohl dienen, Montesquieus Doux-Commerce-These von einem pazifizierenden Welthandel, das Paradigma einer kühl berechnenden Vernunft ("homo oeconomicus") - und vor allem: die nicht auszurottende Phrase, dass das Markt- und Wettbewerbsdenken eine natürliche Eigenschaft des Menschen, eine zeit- und kulturen-übergreifende, anthropologische Konstante - und kein kulturelles Produkt der Moderne - sei.

Kein Wunder also, dass Polanyi bis heute keinen Einfluss auf die überwältigende Mehrheit der neoklassischen Ökonomen hat - und dass er sich unter Soziologen seit Ausbruch der Finanzkrise (wieder) umso größerer Beliebtheit erfreut. Das ist gleich doppelt schade, weil es sich bei Polanyi um einen wundervollen Autor handelt, der weder Ignoranz noch übertriebene Inanspruchnahme verdient hat. Mehr noch: The Great Transformation ist geradezu das Paradebeispiel für ein Buch, das einerseits zur Pflichtlektüre für alle angehenden Volkswirtschaftler erhoben werden sollte - und das sich andererseits überhaupt nicht eignet als Zitatenschatz von passionierten Kapitalismuskritikern mit erkennbar gegenwartspolitischen Absichten.

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