WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Tauchsieder

Thomas Pikettys strittige Kapitalismus-Formel

Seite 3/4

Wirtschaftswachstum kann die Ungleichheit nicht aufheben

Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Anders gesagt: Die natürliche Tendenz zur Ungleichheit nimmt in den USA und Europa derzeit besonders dramatische Züge an. Damit sagt Piketty nicht, dass der arbeitende Teil der Bevölkerung grundsätzlich von Wohlstandszuwächsen abgeschnitten ist. Die Versprechen von Ludwig Erhard ("Wohlstand für alle") und John F. Kennedy ("A rising tide lifts all boats") müssten sich nicht unbedingt und jederzeit als hohl und leer erweisen. Aber Piketty sagt, dass der Abstand zwischen den Vermögenden und Arbeitenden prinzipiell uneinholbar ist - und dass er sich nach Lage der Dinge in den nächsten Jahrzehnten stark vergrößern wird.

Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerungen, mehr Bildung und Innovationskraft - das alles, so Piketty, könne das Gefälle zwischen den Vermögenden und Arbeitenden verringern. Das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit außer Kraft setzen aber könne kein Wirtschaftswachstum der Welt.

Piketty hat die Fakten auf seiner Seite. Er wertet seit mehr als zehn Jahren historische Steuerlisten aus, füttert seine Rechner mit Wirtschaftsdaten aus 20 Ländern und hat die Fachwelt, unterstützt von renommierten Kollegen wie Anthony Atkinson (Oxford) und Emmanuel Saez (Berkeley), regelmäßig über die Fortschritte seiner Forschungen unterrichtet. Dabei ist der gesellschaftliche Ertrag seiner Bemühungen den fachlichen Ergebnissen zuweilen vorausgeeilt: Dass wir seit einigen Jahren nicht mehr über das reichste Zehntel oder Hundertstel unserer Gesellschaften spekulieren müssen, sondern auf der Basis von immer genaueren Zahlen vorurteilsfrei über die Konzentration von Vermögen zu urteilen vermögen, dass das Neidargument damit passé ist und das Ressentiment aus der politischen Diskussion über die Ungleichheit zunehmend verschwunden ist, ist in sehr weiten Teilen Piketty, Saez und Atkinson zu verdanken.

Pikettys Ergebnis nun: Die Wachstumsraten in den USA, England und Frankreich, auf die sich seine Arbeit konzentriert, aber auch in Deutschland, Japan, Kanada und Australien, liegen seit dem 18. Jahrhundert im historischen Mittel von 0,5 bis ein Prozent. Die Rendite auf Grund und Boden, Maschinen, Immobilien und Aktien hingegen liegt bei durchschnittlich vier bis fünf Prozent. Piketty folgert beispielhaft: Wenn r = 1 ist und g = 5, dann braucht der Kapitalist nur ein Fünftel zu sparen, um sein Vermögen im Gleichschritt mit dem des Angestellten wachsen zu lassen. Der Rest dient ihm zur Verschwendung oder zum Vermögensaufbau: Die Reichen werden immer reicher und die Habenichtse auf Abstand gehalten.

Es sei denn, Krisen, Kriege und Nachholprozesse setzen das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit vorübergehend außer Kraft. Piketty weist nach, dass der zweite Weltkrieg immense Vermögenswerte vernichtet hat und zeigt, wie sich in der Phase des Wiederaufbaus, während der Wirtschaft und Bevölkerung stark wuchsen, vor allem in Frankreich und Deutschland "nivellierte Mittelstandsgesellschaften" (Helmut Schelsky) herausbilden konnten. Aber eben nur vorübergehend. Und genau hierin liegt die provozierende Brisanz von Pikettys Buch: Er hält die "soziale Marktwirtschaft" für eine Ausnahme von der kapitalistischen Regel. Und das liberale Dogma von der nivellierenden Kraft des marktwirtschaftlich organisierten Wettbewerbs für leeres Geschwätz. Fakt sei, dass wir am Beginn des 21. Jahrhunderts die Rückkehr zur Belle Epoque des 19. Jahrhunderts erleben, so Piketty - eine Zeit, in der sich zunehmend viel Vermögen in der Hand einer kleine Schicht von Menschen konzentriert, die sich ihren Reichtum nicht erarbeitet, sondern die ihn erbt und verwaltet.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%