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Tauchsieder

Piketty ist nicht widerlegbar

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Wohlstand für alle?

Das alles freilich ändert nichts am unbezweifelbaren Hauptbefund von Thomas Piketty: Die Ungleichheit hat nach einem allgemeinen Aufschwung in der Nachkriegszeit, nach Wirtschaftswunderjahren und Trente Glorieuses, zugenommen - und sie spitzt sich seit den 1990er Jahren, seit der Konjunktur "neoliberaler" Reformen und der steuerrechtlichen Privilegierung des Kapitals, nicht nur dramatisch zu, sondern unterläuft auch konsequent das Versprechen der (Sozialen) Marktwirtschaft, "Wohlstand für alle" (Ludwig Erhard) zu generieren. Es ist unübersehbar, dass die schwach regulierte Konzentration von Kapital, etwa in den Händen von Hedgefonds oder globalen Konzernen, mit einer Machtkonzentration einhergeht, die demokratisch nicht legitimierte, plutokratische Züge trägt und die den Interessen der Allgemeinheit (der Kunden, der Mitarbeiter, der Bürger) mindestens teilweise zuwider läuft. Und es ist gleichzeitig unübersehbar, dass das meritokratische Prinzip, die historische und legitimatorische Basis des bürgerlichen Liberalismus schlechthin, durch die leistungslose Vermehr- und Vererbbarkeit von Vermögen in seinen Grundfesten bedroht ist. Der Markt kennt keine innere Sozialpflichtigkeit und der Teufel, mit Verlaub, scheißt immer auf den dicksten Haufen - man muss schon in seinen Marktliberalismus schon religionsblind verliebt sein, um die Erträge von Pikettys Aufklärungsarbeit als Ketzerei zu verteufeln. (eine Abrechnung mit den Reflexen der "neoliberalen" Kritiker an Piketty gibt es hier:

Bemerkenswerterweise, das muss man den Ökonomen lassen, wird der Angriff auf den Gotteslästerer Piketty weniger aus den Kreisen der Wissenschaftler selbst, als vielmehr von versprengten journalistischen Söldnern geführt, denen es schwer fällt, nach einem 30-jährigen Krieg für die neoliberale "Wahrheit" die ideologischen Waffen zu strecken. Jüngstes Beispiel: Der 26-jährige Matthew Rognlie, talentierter Doktorand am Massachusetts Institute of Technology (MIT), schreibt in einem Blog sechs Absätze auf, in denen er auf Pikettys Thesen kritisch Bezug nimmt, arbeitet sie zu einem Aufsatz aus, renommiert dabei wissenschaftlich zu einem kleinen Nachwuchsstar - und wird dafür ein Jahr später (!) von glaubenskongretionalen Medien zu einem "Nerd" hochgeputscht, der "Pikettys Thesen auseinander" nimmt ("Die Welt"). Das allerdings tut Rognlie gerade nicht, im Gegenteil: Die Pointe seiner nicht übermäßig originellen "Kritik" an Piketty ist, dass sie dessen Generalbefund ergänzend untermauert. Rognlie selbst weiß das übrigens ganz genau; er würdigt Pikettys Buch als zentrale Arbeit zum Thema Ungleichheit und versteht seine Anmerkungen keineswegs als Widerlegung. Macht nichts, denkt man bei der "Welt", stricken wir uns die Schlagzeile halt selbst und schlagen bei der Gelegenheit noch dazu ein paar triumphalistische Rechthaber-Töne gegen Piketty an, der ja schließlich - heiliger Hayek, hilf! - "in bester marxistischer Tradition" eine "Kluft zwischen Kapital und Arbeit" beschwört! Eine solche Kluft darf es in der kapitalismusharmonischen Welt der "Welt" natürlich nicht geben, weil es eine solche Kluft nicht geben darf... - und hätte sie es je gegeben, hätte es ja auch eine Sozialdemokratie geben müssen, die sich seit anderthalb Jahrhundert darum bemüht hätte, die Kluft zwischen Kapital und Arbeit auf kompensatorischem Wege - möglichst gut bezahlter Verkauf der Ware Arbeit ans Kapital - zu verkleinern...

Was die Menschen vom Kapitalismus halten

Was genau aber wirft man Piketty über Rognlie vor? Dass sich nicht etwa zwischen Kapital und Arbeit eine zunehmende Kluft auftue, "sondern zwischen Vermietern und Mietern". Donnerwetter! Darauf muss man erst mal kommen. Aber halt, waren es nicht die Herren Adam Smith und David Ricardo, die Arbeit, Kapital und Boden zu den Produktionsfaktoren zählten? Und gab es schon damals nicht so etwas wie eine Bodenrente, von der einige Grundbesitzer ein recht gut Auskommen hatten? Mal ganz blöd gefragt: Was spricht dagegen, Immobilien heute als eine Art Bodenrente zu verstehen, Mieten als Einkommen aus Kapital - und Häuser als eine Art Diversifikation von Vermögen in jedem gut aufgeräumten Portfolio? Kurzum: Es wird Piketty nicht schwer fallen, seinen Kapitalbegriff zu differenzieren und Rognlie beizupflichten: Fasst man den Begriff der Kapitalrendite auch nur ein klein wenig weiter und begreift sie als Rendite aus Anlagevermögen, ist Rognlies Beitrag keine Entkräftung von Pikettys Buch, sondern seine komplettierende Ratifikation. Hat nicht gerade die Entwicklung der deutschen Immobilienmärkte in den vergangenen fünf Jahren auf eklatante Weise gezeigt, dass sich nicht nur eine Renditekluft zwischen Vermietern und Mietern, sondern auch zwischen dem abschreibungsfähigen Anlagevermögen des Kapitalbesitzers (investiert in Großstadt- und City-Immobilien) und dem kreditfinanzierten Eigenheim des Lohnabhängigen (abgestottert in Vororten mit Werteverfall) auftut.

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