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Türkei Erdogans monetärer Amoklauf ruiniert die Türkei

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verteidigt noch immer den umstrittenen Kurs der Zentralbank. Mittlerweile liegt die Inflation in dem Land bei 21 Prozent. Quelle: REUTERS

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fährt die Wirtschaft mit seiner wirren Geldpolitik vor die Wand. Kommt er nicht zur Räson, steht das Land mittelfristig vor einem Währungsschnitt. Ein Kommentar.

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Kann man die Wirtschaft eines Landes mit der Notenpresse zugrunde richten? Wer das bisher bezweifelt hat, dem sei ein Blick an den Bosporus empfohlen. Dort lässt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seit Monaten die Notenpresse rotieren als gäbe es kein Morgen. Drei Notenbankchefs innerhalb von zwei Jahren hat er verschlissen, weil diese sich angesichts der aus dem Ruder laufenden Inflation gegen die von Erdogan gewünschten Zinssenkungen gesträubt hatten.

Im November erreichte die amtlich gemessene Teuerungsrate in der Türkei 21,3 Prozent, den höchsten Wert seit drei Jahren. Ökonomen gehen davon aus, dass die tatsächliche Teuerung noch höher liegt. Für nächstes Jahr rechnen sie mit Inflationsraten von rund 30 Prozent. 

Erdogan vertritt die wirre These, die Inflation ließe sich mit Zinssenkungen bekämpfen und stellt damit alle ökonomischen Theorien auf den Kopf. Vermutlich würde er den Zins, der im Islam ohnehin als unmoralisches Instrument der Ausbeutung betrachtet wird, am liebsten ganz abschaffen. Zinsen seien „ein Übel, das die Reichen reicher und die Armen ärmer macht“, behauptet Erdogan.

Inflation trifft die Ärmsten in der Türkei am härtesten

Tatsächlich ist es jedoch die Inflation, mit der Erdogan die Türkei überzieht, die die Armen ärmer macht. Inflation wirkt wie eine regressive Steuer. Sie trifft vor allem die Armen, weil diese einen überproportional hohen Teil ihres Einkommens für den Konsum verwenden und nicht die Mittel haben, um über eine Flucht in die Sachwerte der Zerstörung der Kaufkraft des Geldes zu entgehen. So belief sich die Verteuerung für Lebensmittel, die einen hohen Anteil an den Konsumausgaben der ärmeren Bürger ausmachen, zuletzt auf 27 Prozent.

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    Weil der Leitzins, den die Notenbank auf Druck Erdogans von 19 Prozent im März auf aktuell 15 Prozent gedrückt hat, deutlich unter der Teuerungsrate liegt und Anleger somit real Geld verlieren, hat die türkische Währung in diesem Jahr fast die Hälfte ihres Wertes eingebüßt. Höhere Preise für Importe, die die Inflation weiter beschleunigen, sind die Folge.

    Dennoch glaubt Erdogan mit niedrigeren Zinsen und einer schwachen Währung den „richtigen Plan“ zu haben, um die türkische Wirtschaft zu stärken. Tatsächlich dürfte das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um mehr als zehn Prozent steigen, erwarten Analysten. Das liegt vor allem daran, dass viele Exportunternehmen mit dem Rückenwind der schwachen Lira gute Geschäfte machen. Das Leistungsbilanzdefizit hat sich zuletzt sogar zurückgebildet. 

    Süßes Gift der Lira-Abwertung

    Das Problem ist jedoch, dass eine schwache Währung wie süßes Gift wirkt. Im ersten Moment schmeckt es gut, langfristig aber zerstört es den Organismus und führt zum Exitus. So mindert eine schwache Währung den Druck zu Kostensenkungen, sediert die Exportunternehmen und bremst dringend nötige Maßnahmen zur Rationalisierung und Produktivitätssteigerung aus. Die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erodiert. 

    Betriebe, die für den Inlandsmarkt produzieren, können dank der schwachen Währung, die die Konkurrenz aus dem Ausland verteuert, wie unter dem Schutz eines Importzolls agieren. Ohne den Druck des Wettbewerbs erlahmen auch ihre Anstrengungen zur Steigerung der Produktivität. Das Wachstumspotenzial der Wirtschaft schrumpft. 

    Dazu kommt, dass viele türkische Unternehmen hohe Kredite in Dollar und Euro aufgenommen haben, für deren Tilgung sie nun mehr Lira erwirtschaften müssen. Das dürfte die Anzahl der Insolvenzen steigen lassen. 

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    Noch mag sich Erdogan mächtig fühlen wie einst die Sultane. Gegen die Gesetze der Ökonomik aber kommt er nicht an. Früher oder später steht er vor der Wahl. Entweder er beendet seinen monetären Amoklauf und die Notenbank zieht die geldpolitischen Zügel an, was wohl nur unter Inkaufnahme einer Stabilisierungsrezession möglich ist. Oder die Menschen verlieren endgültig das Vertrauen in die staatlichen Institutionen, fliehen aus der Lira und erzwingen so eine Währungsreform. Ob die dann noch mit Erdogan als Staatspräsidenten stattfinden wird, ist fraglich.

    Mehr zum Thema: Der türkische Präsident hat Turkish Airlines als Machtinstrument entdeckt. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten müssen eine klare Botschaft aussenden: Erdogans Haus-Airline stoppen. 

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