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Überblick EZB stellt vorentscheidende Weiche für den digitalen Euro

Quelle: imago images

Die Europäische Zentralbank hat sich positiv zu einer Zukunft mit digitalem Euro geäußert. Kryptowährungen wie Ether und Bitcoin will sie ein eigenes Zahlungsmittel entgegensetzen. Die wichtigsten Antworten zu einer generalstabsmäßigen Idee.

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Zentralbanken rund um den Globus tüfteln an digitalem Zentralbankgeld. Die europäische Notenbank EZB hat an diesem Mittwoch angekündigt, die nächste Projektphase für die Einführung eines digitalen Euros einzuleiten. Dieser wäre eine Antwort auf den Aufstieg privatwirtschaftlicher Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether. Im Gegensatz zu diesen würde ein Digital-Euro von der EZB herausgegeben und kontrolliert.

Es sei an der Zeit „einen Gang höher zu schalten und das Projekt des digitalen Euro zu starten“, erklärte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Ob der digitale Euro wirklich kommt, entscheidet sich nach der nun anstehenden Projektphase. Falls ja, dürften danach aber noch weitere Jahre vergehen. Die wichtigsten Antworten im Überblick:

Was genau ist ein digitaler Euro?

Im Prinzip kann man sich digitales Zentralbankgeld wie immaterielles Bargeld vorstellen: Speichermedien wie Geldkarten oder Mobiltelefone übernähmen die Funktion einer Geldbörse. Bürger könnten sogar Guthaben direkt auf Konten bei der Notenbank halten. EZB und nationale Zentralbanken haben eine Reihe grundlegender Anforderungen für einen digitalen Euro festgelegt. Demnach soll er leicht zugänglich, robust, sicher und effizient sein. Außerdem muss die Privatsphäre gewahrt und geltendes Recht eingehalten werden. Sich an diesen Eckpfeilern zu orientieren, verspricht die EZB. Bei der Entwicklung eines digitalen Euro würde darauf geachtet werden, dass er mit den Lösungen von Anbietern privater Zahlungsdienste kompatibel ist. Dies würde die Bereitstellung von gesamteuropäischen Lösungen und zusätzlichen Dienstleistungen für Verbraucher erleichtern. Wie auch der reguläre Euro würde der digitale von der EZB reguliert.

Wie würde die Bezahlung mit dem digitalen Euro funktionieren?

Der digitale Euro wäre in möglichst allen Zahlungssituationen verwendbar, etwa bargeldlos an der Supermarktkasse oder beim Onlineshopping. Damit die Zahlungsweise nicht Menschen mit Smartphone und Internetverbindung vorbehalten bleibt, könnte sie auch offline verwendet werden, vergleichbar mit einer EC-Karte. Die EZB beteuert, es gehe ihr nicht darum, das Bargeld abzuschaffen. Die neue Währung sei quasi digitales Bargeld.



Gibt es Unterschiede zu normalem Geld?

Guthaben auf Bankkonten seien etwas „fundamental anderes“ als Digitalgeld, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Die von der EZB und den nationalen Notenbanken ausgegebenen Euro-Scheine sind das einzige gesetzliche Zahlungsmittel in der Währungsunion. Und an dieser Stelle wird es etwas kompliziert. Der EZB kann das Geld nie ausgehen, weil sie das alleinige Recht hat, es herauszugeben. Insofern ist Zentralbankgeld sicher, es ist das eigentliche Geld. Dagegen handelt es sich bei Bankguthaben von Otto Normalverbraucher um Geschäftsbankengeld. Bankkunden können verlangen, sich ihre Guthaben komplett in bar, also in Form von Zentralbankgeld, auszahlen zu lassen. Darauf basiert die Glaubwürdigkeit des Geschäftsbankengeldes.

Guthaben auf Konten bei Banken und Sparkassen, auch Buchgeld genannt, stellen eine Verbindlichkeit der Bank gegenüber dem Kontoinhaber dar. Im Gegensatz hierzu, erklärt Krämer weiter, wäre der digitale Euro Zentralbankgeld und damit eine Verbindlichkeit der ausgebenden Notenbank. Ein digitaler Euro könnte es Privatleuten also erlauben, Geld direkt bei der Zentralbank zu hinterlegen. Diese Möglichkeit steht normalerweise nur gewerblichen Kreditgebern wie Banken, Regierungen und anderen Zentralbanken offen. Wenn nun viele Menschen diese Option wählen würden, würde das den Finanzierungsmix der Banken verändern, weil sie dann weniger Kundenguthaben für ihre Geschäfte zur Verfügung hätten.

Es könnte aber sein, dass auch der digitale Euro über die Geschäftsbanken an die Kunden emittiert wird. In dem Fall hätte der Bürger eine Brieftasche oder einen Tresor in digitaler Form bei einer Bank, die als Verrechnungsstelle fungieren und die notwendige technologische Front-End-Infrastruktur anbieten würde, zum Beispiel eine App.

Wann könnte die Währung eingeführt werden?

Die EZB legt in den kommenden zwei Jahren die Details fest. Danach dürfte sich eine rund dreijährige Testphase anschließen. Beim Design ginge es vor allem darum, die Eigenschaften von Bargeld (Anonymität, Sicherheit, Offline-Zahlungsfähigkeit) in den digitalen Raum zu übertragen. Nach Einschätzung von EZB-Direktor Fabio Panetta wird es eine digitale europäische Währung nicht vor 2026 geben. „Das wäre das früheste Datum“, sagte Panetta der japanischen Zeitung „Nikkei“.



Wie sicher wäre ein digitaler Euro?

Laut einer EZB-Umfrage unter 8000 EU-Bürgern, darunter fast die Hälfte aus Deutschland, ist den Menschen die Anonymität des Zahlungsmittels mit Abstand am wichtigsten, gefolgt von der Sicherheit. Zentralbanker beteuern, dass Sicherheit und Stabilität bei der technischen Konzeption eine herausragende Rolle spielen würden.

Wie steht die Politik zu dem Thema?

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion fordert die rasche Einführung, um im Wettbewerb mit China und privatwirtschaftlichen Initiativen wie dem maßgeblich von Facebook getragenen Projekt Diem nicht noch weiter zurückzufallen. Die EZB-Pläne dürften nicht durch „langwierige Prozesse und Verfahren“ verzögert werden, zitiert das „Handelsblatt“ aus einem Positionspapier der Digitalpolitiker von CDU und CSU. Auch SPD und Grüne befürworten die Initiative der EZB. Die FDP legt sich in ihrem Wahlprogramm nicht konkret fest.

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Gibt es Kritik an dem Vorhaben?

Kritiker fürchten, die Kontrolle der EZB über das Geld und die Überwachung der Bürger werde zu groß. Viele halten den Datenschutz für gefährdet, weil sich Transaktionen mit digitalen Euro anders als diejenigen mit Bargeld aufzeichnen und kontrollieren lassen. Volkswirt Krämer weist in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche darauf hin, dass der digitale Euro die Macht der staatlichen Zentralbank stärke und somit den disziplinierenden Einfluss des Marktes auf Staaten, Unternehmen und Banken beschneide. Zudem sehen einige Experten die Gefahr, dass in Krisenzeiten Bankkunden ihre Ersparnisse fluchtartig von kommerziellen Banken abziehen und damit Notlagen verstärken könnten.

Mehr zum Thema: Während El Salvador den Bitcoin zum offiziellen Zahlungsmittel macht, will China die stromfressenden Kryptominer loswerden. Konkurrenten auf anderen Kontinenten profitieren – Anleger womöglich auch.

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