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US-Notenbank drosselt Anleihekäufe Warum die Konjunktur weiter am Tropf der Zentralbank hängt

Die US-Notenbank drosselt ihr Anleihekaufprogramm um zehn Milliarden Dollar. Ein echter Kurswechsel ist das nicht, sondern eine Beruhigungspille für die Märkte kurz vor dem Jahreswechsel. Die expansive Geldpolitik der Fed wird noch bis 2015 weitergehen.

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Wer die Börsen wackeln lässt
Ben Bernanke Quelle: AP
Janet Yellen (Fed-Vizepräsidentin)Yellen gilt als ausgewiesene Arbeitsmarktexpertin und zugleich als Taube. Sie hat zwar ebenfalls ein Auslaufen der Konjunkturhilfen bei einer Besserung der Wirtschaftslage in Aussicht gestellt, macht aber aus ihrer Prioritätensetzung keinen Hehl: Für den FOMC müsse der Abbau der Arbeitslosigkeit im Zentrum stehen, auch wenn die Inflationsrate „zeitweise leicht über zwei Prozent“ liegen sollte. Yellen wird Bernanke in Jackson Hole vertreten. Womöglich wird sie die Bühne nutzen, um den weiteren geldpolitischen Weg der Fed abzustecken. Quelle: REUTERS
William Dudley (links im Bild, New York, FOMC-Vizevorsitzender)Der enge Vertraute Bernankes plädiert dafür, nichts zu überstürzen. Die Fed solle noch „drei bis vier Monate“ warten, bis sie über ein Zurückfahren der Bond-Käufe entscheide. Bis dahin werde sich ein klareres Bild ergeben, wie weit die Konjunkturerholung gediehen sei. Zugleich betont Dudley, das Programm bleibe flexibel. Bei einer Eintrübung der Konjunktur könne das Tempo der Käufe auch wieder steigen. Quelle: dapd
Charles Evans (Chicago Fed)Er gilt als Taube und ist für eine extrem lockere Geldpolitik im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Ein Ende der Bond-Käufe kommt für ihn erst in Frage, wenn der Jobmarkt über den Berg ist. Dazu legt er die Latte hoch: Über mehrere Monate müssten mindestens jeweils mehr als 200.000 neue Stellen geschaffen werden. Im Mai waren es lediglich 175.000. Quelle: REUTERS
Eric Rosengren (Boston Fed)Auch er steht eher im Ruf, eine Taube zu sein. Rosengren schlägt vor, in einigen Monaten eine „moderate Verringerung“ der Bond-Käufe zu prüfen, falls sich der Arbeitsmarkt weiter erholt. Zunächst hatte er dafür einen Schwellenwert von 7,25 Prozent bei der Arbeitslosenquote genannt, der aus seiner Sicht Ende des Jahres erreicht werden könnte. Zuletzt stieg die Quote aber leicht auf 7,6 Prozent. Quelle: REUTERS
Esther George (Kansas City Fed)Sie hält die Geldpolitik für zu locker und plädiert für ein Zurückfahren der Konjunkturhilfen. Sie warnt, ein zu starkes Stimulieren der Wirtschaft werde die Inflation anheizen. Quelle: REUTERS
James Bullard (St. Luis Fed)Der Notenbanker sorgt sich um die Preisstabilität, allerdings nicht wegen möglicher inflationärer Auswirkungen der Geldschwemme, sondern wegen des derzeit zu niedrigen Preisauftriebs. Er möchte die Anleihe-Käufe solange fortsetzen, bis die Inflationsrate wieder auf den Zielwert der Fed von zwei Prozent gestiegen ist. Andernfalls drohe das Inflationsziel an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Im April ging die von der Fed beobachtete Teuerungsrate (PCE) in den USA auf 0,7 Prozent zurück. Quelle: REUTERS


Wie das Kaninchen auf die Schlange blickten in den vergangenen Wochen Börsenhändler, Analysten und Ökonomen nach Washington: Was macht Ben Bernanke? Wann und um wie viel drosselt die amerikanische Zentralbank ihre milliardenschweren Geldspritzen? Fährt sie ihr Anleihekaufprogramm drastisch zurück, dann geht’s abwärts mit der Rallye an der Börse, dann werde der sich langsam erholende US-Konjunktur der Saft abgedreht, so die Befürchtung.

Ende Mai als der Notenbank-Chef Bernanke ankündigte, in naher Zukunft die expansive Geldpolitik zurückfahren zu wollen, reagierten die Börsenmärkte weltweit mit Panik. Bernankes vage Aussage löste vor einem halben Jahr einen Kurssturz an den weltweiten Aktienmärkten aus.

Stoppt die US-Notenbank Fed jetzt die Geldschwemme?

Nun drosselt Bernanke tatsächlich das Anleihekaufprogramm und kauft nur noch Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Wert von monatlich 75 Milliarden Dollar ab Januar 2014. Und was machen die Börsen? Sie jubeln! Wie kann das sein? Die wichtigsten Indizes, der Dow Jones Industrial Average und der S&P 500 schlossen mit neuen Rekordwerten. Der S&P 500 legte um 1,66 Prozent zu und schloss bei 1810,65. Der Dow Jones stieg um 1,85 Prozent auf 16.168.29 Punkte. Sogar der schwächelnde Dollar legte zu. Er stieg auf 104 Yen, das höchste Niveau im Verhältnis zur japanischen Währung seit der Finanzkrise von 2008.

Kein Wunder: Ein Ende der expansiven Geldpolitik der Notenbank ist diese Drosselung nicht. Die Entscheidung zeigt, wie sehr die Finanzmärkte auch zukünftig vom Wohle und Wehe der amerikanischen Notenbank und ihrer Geldpresse abhängen. Auch in 2014 und bis ins Jahr 2015 hinein wird die Fed Monat für Monat Milliarden in die Märkte pumpen. Zehn Milliarden Dollar weniger im Januar und Februar und vielleicht auch noch im März können die Finanzmärkte gut verkraften.

Die Niedrigzinspolitik geht weiter

Janet Yellen - die erste Frau an der Spitze der Fed
Janet Yellen galt als Favoritin für den Posten an der Spitze der US-Notenbank, seitdem der frühere Finanzminister Lawrence Summers Mitte September erklärt hatte, er stehe für das Amt des Fed-Vorsitzenden nicht zur Verfügung. Die 67-jährige Yellen gilt als enge Vertraute Ben Bernankes. Seit 2012 ist sie stellvertretende Vorsitzende der Fed. Quelle: AP
Hinsichtlich der Finanzkrise hat Janet Yellen eine weißere Weste als Summers. „Vielmehr noch hat Yellen frühzeitig die großen Gefahren der Finanzkrise erkannt und mit als erste davor gewarnt“, sagt Fed-Beobachter Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Quelle: AP
Seit den 70er Jahren arbeitete die Ökonomin immer wieder für die Fed in Washington, war später auch Chefin der Notenbank in San Francisco. Zwischendurch beriet sie den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Quelle: REUTERS
Yellen ist eine ausgewiesene Arbeitsmarktexpertin - ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Denn die Fed hat anders als etwa die EZB nicht nur den Auftrag, für stabile Preise zu sorgen, sondern auch für Vollbeschäftigung. Und sie koppelt ihre Zinspolitik an die Arbeitslosenquote, die mit über sieben Prozent zwar langsam fällt, aber noch immer auf einem für amerikanische Verhältnisse hohen Niveau liegt... Quelle: REUTERS
Die Fed versucht, die Lage mit massiven Konjunkturhilfen zu verbessern. Die Maßnahmen - etwa milliardenschwere Anleihe-Käufe - haben aber Nebenwirkungen für die Wirtschaft und sind daher umstritten. Die frühere Berkeley-Professorin Yellen betont, im Zweifelsfall eine höhere Inflation für eine niedrigere Arbeitslosenquote in Kauf zu nehmen. Quelle: AP
Yellen ist in der fast 100-jährigen Geschichte der Zentralbank die erste Frau an der Spitze. Sie steht für eine Fortsetzung der ultra-lockeren Geldpolitik Bernankes. Mit ihr dürfte die Fed Experten zufolge noch länger auf Konjunkturhilfen setzen und eine Zinserhöhung auf die lange Bank schieben. Quelle: dpa
Yellen gilt als konsens-orientiert, loyal und uneitel. Stets hat sie in ihrer langjährigen Laufbahn in der Fed alle Beschlüsse der Führung mitgetragen und sich nicht ins Rampenlicht gedrängt. Quelle: REUTERS

Denn Bernanke betonte zwar, der Plan sei, im nächsten Jahr weiter zu drosseln, aber nur, wenn es die konjunkturelle Lage zulasse. Das bedeutet: Die expansive Geldpolitik der Fed wird mindestens bis 2015 weitergehen. Das freut natürlich die Finanzmärkte, die vor allem von dem billigen Geld der Fed profitieren. Dafür bläht die Fed ihre eigene Bilanz weiter auf. Auf fast vier Billionen Dollar ist die Bilanzsumme der Notenbank schon gestiegen.

Zudem kündigte Bernanke an, den Leitzins weiterhin bei praktisch Null zu belassen, solange, bis die Arbeitslosenquote in den USA auf 6,5 Prozent gesunken sei. Was bedeutet es für eine Wirtschaft, wenn eine Zentralbank die Leitzinsen sechs, sieben Jahre lang auf dem niedrigsten Niveau belässt? Es zeugt jedenfalls nicht davon, dass die Fed tatsächlich sicher ist, dass Amerika schon bald wieder die Lokomotive spielen kann, die die Weltkonjunktur auf Trab bringt.

US-Arbeitsmarkt im Fokus der Fed

Als Grund für die lange erwartete Entscheidung einer Drosselung der Anleihekäufe führte Bernanke vor allem die sich verbessernde Lage auf dem US-Arbeitsmarkt an. Im November war die Arbeitslosenquote in den USA auf 7,0 Prozent gesunken. Endlich, denn sie war fünf Jahre lange trotz der Konjunkturspritzen der Fed über der Sieben-Prozent-Marke verharrt.

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    Für 2014 rechnet Bernanke nur noch mit einer Quote von 6,3 Prozent. Dazu beitragen wird, dass Millionen von Langzeitarbeitslosen in den USA ab nächstes Jahr aus der Statistik fallen werden, weil diese nur noch über einen kürzeren Zeitraum Arbeitslosengeld bekommen werden. Das hübscht die Quote auf, verbessert allerdings nicht die Situation von Millionen von Arbeitslosen in den USA.

    Es war Bernankes letzter großer Auftritt bevor er Ende Januar aus dem Amt scheidet und das Zepter an seine Vize-Chefin Janet Yellen übergibt. Ein Ende der Krisenpolitik hat Bernanke zum Ende des Jahres nicht eingeläutet, er hat die Bremse nur mal kurz vorsichtig angetippt und den Märkten eine Beruhigungspille verpasst. Yellen muss künftig mehr Mut beweisen.

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