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US-Ökonom Alan Blinder "Der Preis der Krise"

Der Princeton-Ökonom und Ex-Regierungsberater Alan Blinder fordert neue Konjunkturprogramme und kritisiert die lockere Geldpolitik der Fed.

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Alan Blinder Quelle: Katherine Lambert für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Professor Blinder, die amerikanische Wirtschaft kommt nicht in Schwung. Ist ihr langfristiger Wachstumstrend gesunken?

Blinder: Um den langfristigen Wachstumstrend mache ich mir keine Sorgen. Dank das kräftigen Produktivitätswachstums liegt er bei mehr als drei Prozent. Was mir Kummer bereitet, ist die Tatsache, dass das tatsächliche Wachstum weit hinter den langfristigen Trend zurück gefallen ist und wir unsere Wachstumsmöglichkeiten nicht ausschöpfen.

Der von Ihnen erwähnte Produktivitätszuwachs beruht zum großen Teil auf Entlassungen. Dämpft die hohe Arbeitslosigkeit das Trendwachstum?

Für die Berechnung des Trendwachstums kommt es auf das Erwerbspersonenpotenzial an. Dieses nimmt in den USA um etwa ein Prozent pro Jahr zu. Gemeinsam mit dem Produktivitätswachstum von etwas mehr als zwei Prozent ergibt sich ein Wachstumspotenzial von über drei Prozent.

Wegen der zunehmenden Langzeitarbeitslosigkeit besteht aber die Gefahr, dass immer mehr Arbeitslose aus dem Erwerbspersonenpotenzial heraus fallen, weil ihre Chance, einen neuen Job zu ergattern, von Tag zu Tag sinkt.

Das ist in der Tat ein Problem. Aber ich bin nicht allzu pessimistisch. Nehmen Sie die Bauindustrie. Ein Teil der entlassenen Arbeitskräfte wird dort neue Jobs finden, sobald sich der Bau erholt. Andere werden Jobs im verarbeitenden Gewerbe oder im Handwerkbereich finden, weil ihre Qualifikationen dort zumindest zum Teil übertragbar sind.

Das setzt voraus, dass die Arbeitskräfte dorthin gehen, wo die Jobs sind. Wegen der Immobilienkrise können viele ihre Häuser aber nicht verkaufen, das reduziert ihre Mobilität.

Meine Untersuchungen zeigen, dass die Immobilienkrise die regionale Mobilität nur geringfügig gesenkt hat.

Nach den Kreditexzessen der vergangenen Jahre müssen die Amerikaner den Gürtel nun enger schnallen. Ist das konsumgetriebene Wachstumsmodell der USA am Ende?

In den vergangenen Jahren ist der Konsum schneller gewachsen als die Einkommen. Das war nicht nachhaltig. Zu diesem Wirtschaftsmodell können wir nicht zurück kehren. Aber das heißt nicht, dass der Konsum als Konjunkturstütze ausfällt. Es reicht, wenn er so stark steigt wie die Einkommen. Dann kurbelt er die Konjunktur zwar nicht an, aber er bremst sie auch nicht.

Der schwache Dollar hat Sorgen vor einem Abwertungswettlauf ausgelöst. Wie berechtigt sind die Ängste?

Ich halte die Gefahr eines Abwertungswettlaufs für begrenzt. Außer China, einigen seiner Nachbarländern und Japan manipuliert kein Land seine Währung. Auch die USA nicht. Wir intervenieren nicht am Devisenmarkt, es sind die Marktkräfte, die den Dollar nach unten ziehen. Das ist kein Abwertungswettlauf und auch kein Währungskrieg.

Und was ist mit den Handelsbarrieren und Kapitalverkehrskontrollen, die wieder en vogue sind?

Das ist in der Tat eine Gefahr. Wenn es den Ländern schlecht geht, nimmt die Neigung zu, ausländische Konkurrenten dafür verantwortlich zu machen. Gemessen an dem Gefahrenpotenzial hat sich der Protektionismus weltweit aber in Grenzen gehalten.

Wird der Dollar seine Talfahrt fortsetzen?

Das hängt in erster Linie davon ab, welches Ausmaß und welche Form die von der US-Notenbank avisierten Wertpapierkäufe annehmen. Die Märkte rechnen mit einem Volumen von rund einer Billion Dollar. Das ist in den Renditen und dem Dollarkurs eingepreist. Geht die Fed deutlich darüber hinaus, dürften die Kapitalmarktzinsen und der Dollar weiter nach unten gehen.

Ökonomen streiten, ob die Fed in großem Stil oder lieber schrittweise Anleihen ankaufen sollte.

Ich erwarte, dass die Fed sich für ein schrittweises Vorgehen entscheidet. Das scheint mir vernünftig. Sie kann dann flexibel auf geänderte Rahmenbedingungen reagieren. Sie sollte den Märkten klar machen, dass sie die Anleihekäufe bei schlechtem Konjunkturverlauf ausweiten, bei gutem dagegen reduzieren wird.

Die Zinsen befinden sich bereits auf Rekordtiefs. Bringen noch niedrigere Zinsen überhaupt etwas für die Konjunktur?

Selbst wenn es der Fed gelänge, durch die Anleihekäufe die Zinsen um 25 Basispunkte zu senke, hätte das kaum Wirkungen auf den privaten Konsum. Denn viele Bürger haben noch mit ihren alten Schulden zu kämpfen. Was die Investitionen betrifft, so muss damit gerechnet werden, dass sich der Renditerückgang bei Staatsanleihen nur teilweise in niedrigere Finanzierungskosten für Unternehmen übersetzt. Zudem scheitern die meisten Investitionen derzeit an den schlechten Absatzaussichten, nicht an zu hohen Zinsen.

Also sollte die Fed die Finger von den Anleihekäufen lassen?

Ich würde ihr empfehlen, die Anleihekäufe um weitere Maßnahmen zu ergänzen. So sollte die Fed die Zinsen für Überschussreserven der Banken bei der Zentralbank auf Null oder unter Null Prozent senken. Letzteres würde wie eine Strafsteuer wirken und die Banken veranlassen, ihre Überschussreserven für die Vergabe von Krediten zu verwenden...

...oder für den Kauf von Finanzaktiva, was neue Spekulationsblasen zur Folge hätte.

Ich habe keine große Angst vor Spekulationsblasen, mit Ausnahme des Bondmarktes. Dort sind wir in der Tat dabei, eine neue Blase aufzupumpen. Auf Sicht der nächsten drei bis fünf Jahre werden die Zinsen wieder steigen, das heißt, die Blase platzt. Das weiß die Fed. Aber es ist der Preise dafür, dass wir wieder aus der Krise kommen.

Präsident Barack Obama und die Republikaner streiten über neue kreditfinanzierte Konjunkturprogramme. Wer hat Recht?

Ich halte kreditfinanzierte Stimulierungsmaßnahmen für den richtigen Weg. Anders als die Geldpolitik, die ihr Pulver zum größten Teil verschossen hat, verfügt die Fiskalpolitik noch über Handlungsspielraum. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem weiteren Paket kommt, ist angesichts der politischen Gefechtslage aber gering.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Bürger wegen der steigenden Staatsschulden ihren Konsum zurück fahren?

Das ist nicht völlig auszuschließen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass das eher die Ausnahme ist. In der Regel wirkt eine expansive Finanzpolitik auch tatsächlich stimulierend auf die Konjunktur. Um das Risiko konträrer Effekte möglichst gering zu halten, sollte die Regierung das kreditfinanzierte Konjunkturprogramm mit der Verpflichtung verknüpfen, den Staatshaushalt in zwei oder drei Jahren zu sanieren. Mit diesem Rezept hatte die Regierung von Bill Clinton Erfolg gehabt.

Die Bürger werden das Konsolidierungsversprechen nur abnehmen, wenn es glaubwürdig ist...

...weshalb die Regierung gut beraten ist, den künftigen Konsolidierungskurs schon heute durch ein entsprechendes Gesetz verbindlich abzusichern.

Manche Ökonomen sehen in mehr Inflation ein probates Mittel zum Schuldenabbau.

Eine ganz schlechte Idee. Die Zentralbanken würden ihre Glaubwürdigkeit verlieren, die Inflationserwartungen kräftig steigen und die Kapitalmärkte höhere Inflationsprämien verlangen. Spätestens wenn die Regierung ihre Altschulden durch neue Kredite ablösen muss, bekäme sie die Zeche in Form höherer Zinsen präsentiert.

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