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US-Starökonom John Taylor "Saat für neue Blasen"

Der US-Starökonom John Taylor über die wahre Ursache der Finanzkrise und die geldpolitische Exit-Strategie der amerikanischen Notenbank.

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Ökonom John Taylor löste das Geheimnis hinter dem Leitzins

WirtschaftsWoche: Professor Taylor, die Notenbanken wollen die geldpolitischen Stimuli zurückfahren, wenn die Wirtschaft wieder nachhaltig wächst. Ist das schon der Fall?

Taylor: Ja, die Erholung ist nachhaltig. In den USA hat die private Nachfrage, vor allem die Investitionstätigkeit, die Wirtschaft aus der Rezession gezogen.

Das Vertrauen der Menschen in die Zentralbanken hat aber durch die massive Liquiditätsausweitung gelitten...

...was verständlich ist. Die unkonventionellen Maßnahmen der Notenbanken in der Krise, etwa der Ankauf von Staatsanleihen, haben Inflationsängste geweckt. Die Notenbanker müssen daher nach der Krise wieder zu einer stabilitätsorientierten und regelgebundenen Geldpolitik zurückkehren, wie wir sie in den Achtziger- und Neunzigerjahren hatten.

Vor allem die US-Notenbank Fed hat in der Krise eng mit der Regierung zusammengearbeitet. Wie unabhängig ist die Fed überhaupt noch?

Durch den Erwerb von Staatsanleihen, hypothekenbesicherten Wertpapieren und die Hilfen für Finanzinstitute wie AIG oder Bear Stearns hat die Fed ihre Unabhängigkeit aufs Spiel gesetzt. Die Fed kann das verlorene Vertrauen nur zurückgewinnen, wenn sie sich von diesen Engagements trennt, sobald die wirtschaftliche Lage es erlaubt.

Kritiker werfen der Fed vor, ein verlängerter Arm der Wall Street zu sein.

Was die geldpolitischen Entscheidungen betrifft, sehe ich keinen nennenswerten Einfluss der Banken. Größer ist die Gefahr dagegen bei den Regulierungsfragen. Hier muss die Öffentlichkeit genau hinschauen, wie bestimmte Regeln zustande kommen und wer Einfluss darauf nimmt.

Die Politiker glauben, mit strengeren Regeln für den Finanzsektor künftige Finanzkrisen zu verhindern. Zu Recht?

Das ist ein Irrglaube. Schauen Sie sich die Hedgefonds an. Die sind kaum reguliert, trotzdem sind sie nicht in die Krise verwickelt. Das spricht gegen mehr Regulierung.

Wollen Sie damit sagen, Regulierung ist überflüssig?

Keineswegs. Es gibt viele Bereiche, in denen Regulierung sinnvoll ist, etwa bei den Eigenkapitalvorschriften für Banken. Zudem wäre es hilfreich, wenn die Aufsichtsbehörden ihren Kontrollpflichten in Zukunft besser nachkämen als bisher. Doch wir sollten nicht glauben, durch mehr Regulierung könne man Finanzkrisen wie diese vermeiden. Deren Ursache liegt ganz woanders.

Wo denn?

Die Fed hat die Zinsen nach dem New-Economy-Crash Anfang des Jahrzehnts viel zu lange viel zu niedrig gehalten. Damit hat sie die Grundlage für die Spekulationsblasen und die Finanzkrise gelegt.

Dann ist die derzeitige Nullzinspolitik also auch falsch?

Gegenwärtig ist der Leitzins von null Prozent angemessen. Doch wenn sich die Wirtschaft im Verlauf des Jahres deutlich erholt, muss die Fed die Zinsen anheben. Reagiert sie zu spät, ist dies die Saat für neue Spekulationsblasen.

Was ist denn rechtzeitig?

Das hängt davon ab, wie sich die Konjunktur entwickelt. Derzeit spricht alles dafür, dass die Fed die Leitzinsen im zweiten Quartal erhöhen sollte. Es wäre ein Fehler, bis Ende des Jahres zu warten.

Kann die Fed die Zinsen überhaupt erhöhen, solange noch so viel Zentralbankgeld im Bankensystem zirkuliert?

Die Fed muss zunächst die Liquidität aus dem Bankensektor absaugen. Das Beste wäre, wenn sie dazu die angekauften Wertpapiere wieder verkauft und ihre Bilanzsumme zurückfährt. Die Gefahr, dadurch die Kurse unter Druck zu setzen und die Renditen in die Höhe zu treiben, ist gering, wenn die Fed die Papiere schrittweise verkauft.

Die Fed denkt eher daran, den Banken verzinsliche Termineinlagen für das Zentralbankgeld anzubieten, damit dieses nicht in die Wirtschaft abfließt.

Ich halte das für keine gute Idee. Die Zentralbank beeinträchtigt damit die Funktionsfähigkeit des Interbankenmarktes. Warum sollten sich Banken gegenseitig Geld ausleihen, wenn sie es sicher bei der Fed parken können? Außerdem: Mit Zinsen für Termineinlagen subventioniert die Fed die Banken.

Müssen die Zentralbanken wieder stärker auf die Kredit- und Geldmengen achten, um Spekulationsblasen zu verhindern?

Die Steuerung der Geldmenge hat sich in der Vergangenheit als unpraktikabel erwiesen. Den Zentralbanken bleibt daher nichts anderes übrig, als die Zinsen zu steuern. Dafür gibt es Regeln, etwa die von mir entwickelte Taylor-Regel, an die sich die Zentralbanken halten sollten. Allerdings dürfen sie die Geldmenge nie völlig aus den Augen verlieren.

Sollten Notenbanken in Zukunft Spekulationsblasen platzen lassen, bevor diese zu groß werden?

Das wäre eine gefährliche Strategie. Die Zentralbanken sollten lieber alles tun, damit Spekulationsblasen gar nicht erst entstehen. Das bedeutet, sie dürfen ihre Zinsen in Zukunft nicht mehr zu lange so niedrig halten. Das ist die zentrale Lehre aus der Krise.

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