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US-Wahlkampf „Auch Joe Biden steht für Protektionismus“

Biden hat nicht so ein starres Freund-Feind-Denken. Doch gegenüber Trump werden sich allenfalls der Stil und die Tonlage ändern, vermutet Christoph Balz. Quelle: REUTERS

Wie geht es der US-Wirtschaft? Was kommt auf die Unternehmen zu, wenn der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden im November ins Weiße Haus einziehen sollte? Nicht nur Gutes, sagt USA-Experte Christoph Balz.

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Christoph Balz ist Volkswirt und USA-Analyst bei der Commerzbank in Frankfurt.

WirtschaftsWoche: Herr Balz, wie geht es Amerikas Wirtschaft drei Monate vor den Präsidentschaftswahlen?
Christoph Balz: Der konjunkturelle Tiefpunkt war Ende April, seitdem geht es bergauf. In den vergangenen Wochen hat der Aufschwung allerdings an Dynamik verloren, vor allem wegen der stark steigenden Neuinfektionen. Die Lage am Arbeitsmarkt verbessert sich zwar. Doch von den 22 Millionen verlorengegangenen Jobs ist erst knapp die Hälfte wieder neu aufgebaut worden. Überraschend gut läuft es in der Autoindustrie, hier ist die Nachfrage zuletzt deutlich gestiegen. Manche Produktionsstätten in den USA haben daher sogar ihre Werksferien gestrichen.

Wann wird die US-Wirtschaft wieder das Vorkrisenniveau erreichen?
Nach unserer Prognose erst Anfang 2022. Im laufenden Jahr dürfte die Wirtschaftsleistung um 4,5 Prozent schrumpfen – und 2021 dann wieder um vier Prozent zulegen.

Hilft der schwächelnde Dollar der US-Konjunktur?
Tendenziell ja. Allerdings spielt die außenwirtschaftliche Verflechtung in den USA nicht eine so große Rolle wie etwa in Deutschland.

Wichtigster Konjunkturtreiber in den USA ist traditionell der Konsum. Wie stark hat Corona die Kauflust der Amerikaner infiziert?
Da erleben wir ein interessantes Phänomen. Normalerweise sinken in einer Rezession die Einkommen, weil viele Arbeitnehmer ihren Job verlieren oder weniger Stunden arbeiten. Diesmal ist es umgekehrt. Die Einkommen in den USA sind im zweiten Quartal deutlich gestiegen, weil der Staat zusätzliche Transfers gezahlt hat. Es gab für jeden Haushalt eine Einmalzahlung, die wöchentliche Arbeitslosenhilfe wurde um 600 Dollar aufgestockt. Diese Gelder haben die Verluste an Arbeitseinkommen überkompensiert. Weil viele Geschäfte geschlossen hatten und die Leute das Geld nicht ausgeben konnten, ging die Sparquote steil nach oben. Das bedeutet: Es gibt einen Rückstau beim Konsum. Richtig ist allerdings auch, dass der Staat sein Füllhorn nicht in dieser Weise weiter ausschütten kann. Der Staat kann unmöglich auf Dauer alle krisenbedingten Einkommensverluste ausgleichen.

Joe Biden führt derzeit in allen Umfragen. Wäre sein Wahlsieg gut oder schlecht für die Wirtschaft?
Kommt drauf an.

Was meinen Sie damit?
Einerseits würde ein Ende der erratischen Politik Donald Trumps mehr Stabilität und Vertrauen schaffen. Andererseits steht Biden für höhere Steuern und mehr Umverteilung. Es gehört zu seinen Plänen, einen Teil der Steuersenkungen von Trump zurückzunehmen. Das würde die Konjunktur bremsen. Viele Unternehmen wäre daher über einen Wahlsieg Bidens nicht glücklich, selbst wenn sie Trump nicht mögen. Fairerweise muss man sagen, dass Biden die Unternehmensteuer, die Trump von 35 auf 21 Prozent gesenkt hat, nicht auf den alten Wert erhöhen will, sondern nur auf 28 Prozent. Und ich bin nicht sicher, ob er das durchzieht, wenn die Konjunktur nicht in Gang kommt.

Was ist in der Handelspolitik von Biden zu erwarten? Wird er den aggressiv nationalistischen Kurs von Trump beenden?
Biden hat nicht so ein starres Freund-Feind-Denken. Doch gegenüber Trump werden sich allenfalls der Stil und die Tonlage ändern. Auch Biden steht für einen protektionistischen Kurs. Er verfolgt wie Trump eine „Buy-American-Agenda“ und will mit einem 400-Milliarden-Dollar-Programm heimische Produkte kaufen lassen. Auch was das Verhältnis zu China angeht, sind sich Republikaner und Demokraten weitgehend einig. Anders als Trump würde Biden allerdings versuchen, mit den Europäern eine gemeinsame Linie gegenüber China zu entwickeln. Das hat Trump nie interessiert.



Trump hat mehrfach mit dem Austritt aus der Welthandelsorganisation WTO gedroht. Was macht Biden?
Biden lehnt den Multilateralismus nicht prinzipiell ab. Ich glaube, im Falle seiner Wahl wäre ein WTO-Austritt der USA vom Tisch – nicht aber die Forderungen nach einer Reform der WTO.

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