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Verkehrte (Finanz)welt
Quelle: dpa

Drei Szenarien: So könnte die Geldpolitik unter Lagarde aussehen

Das Arsenal der EZB scheint nach Jahren des Nullzinses nahezu erschöpft. Wie also soll die neue Chefin Lagarde Geldpolitik betreiben? Unser Autor hält drei Szenarien für möglich.

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Mario Draghi, der amtierende Präsident der Europäischen Zentralbank EZB, übergibt seinen Posten Ende Oktober mit einer gemischten Bilanz seiner Amtszeit: Zu den großen Verdiensten der EZB gehörte in dieser Zeit zweifellos der Erhalt der Eurozone unter teilweise schwierigsten Bedingungen. Auf der anderen Seite wird Draghi von vielen die Alleinschuld an den vorherrschenden Nullzinsen gegeben, die unter anderem eine zunehmende Altersarmut deutscher Rentner verursacht haben sollen.

Ganz unemotional aber muss festgestellt werden, dass die EZB trotz jahrelanger ultra-expansiver Geldpolitik ihr eigentliches Ziel nicht erreicht hat: Die Inflation auf ein Niveau von zwei Prozent zu heben. Stattdessen fiel die Preissteigerungsrate in der Eurozone zuletzt sogar unter ein Prozent und auch die am Kapitalmarkt messbaren Inflationserwartungen der Marktteilnehmer sinken immer weiter ab. Die EZB scheint die Hoheit über die Inflationsentwicklung verloren zu haben.

Am Ende der geldpolitischen Möglichkeiten?

Dennoch hat Draghi auf seiner letzten Pressekonferenz noch einmal verdeutlicht, dass das Inflationsziel nicht infrage steht. Vielmehr hat er die „Forward Guidance“, also die langfristige Perspektive der Geldpolitik, noch einmal ganz klar an der Erreichung der 2-Prozent-Marke ausgerichtet. Vorher ist nicht mit Leitzinssteigerungen zu rechnen.

Fraglich ist dabei nur, welche Möglichkeiten der EZB noch bleiben. Immerhin liegt das für Notenbanken wichtigste Instrument zur Steuerung der volkswirtschaftlichen Dynamik, der Leitzins, schon seit Jahren bei null Prozent. Weiteres Senkungspotenzial ist nicht vorhanden, meinen viele.

Zudem werden ungewollte Nebenwirkungen der Nullzinspolitik immer offensichtlicher und erhöhen den politischen und gesellschaftlichen Druck auf die Notenbank. Doch die EZB kann derzeit gar nicht anders, als weiter expansiv zu bleiben. Die Geldpolitik war in den letzten Jahren eine der maßgeblichsten Impulsgeber und Stabilisatoren für die globale Konjunktur und die internationalen Kapitalmärkte. Ein Umschwenken auf eine restriktivere Politik hätte wohl unmittelbar heftigere Turbulenzen an den Börsen zur Folge und würde das Risiko eines globalen Konjunkturabschwunges weiter verschärfen.

Drei mögliche Optionen

Zugleich ist ein „Weiter so“ für die EZB unter der Führung ihrer künftigen Präsidentin Christine Lagarde keine gute Option, denn der gesellschaftliche Rückhalt schwindet. Vielmehr ist anzunehmen, dass nach alternativen Wegen gesucht wird, um das Inflationsziel doch noch und möglichst schnell zu erreichen.

Option 1: Deep Negative Rates

Eine Variante könnte das nochmalige Absenken der Leitzinsen in den (deutlich) negativen Bereich sein. Eine Ausarbeitung des Internationalen Währungsfonds vom April 2019 kommt zu dem Schluss, dass so und bei Beachtung einiger Nebenbedingungen eine Ankurbelung der wirtschaftlichen Aktivität und damit eine Steigerung der Inflationsrate möglich wären. Allerdings müssten die Negativzinsen dann von den Banken in größerem Ausmaß an private Anleger durchgereicht werden, um die angespannte Ertragslage vieler europäischer Finanzinstitute nicht weiter zu verschlechtern. Das könnte wiederum Sparer zu größeren Bargeldabhebungen veranlassen. Die Bargeldhaltung müsste also eingeschränkt oder zumindest unattraktiver gemacht werden.

Option 2: Helikoptergeld

Politisch und gesellschaftlich einfacher umzusetzende Maßnahmen wären verschiedene Varianten des oft zitierten „Helikoptergeldes“. Ursprünglich geprägt wurde der Begriff Ende der 1960er Jahre vom US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman. In einem Gedankenexperiment stellte er die These auf, dass die direkte Ausgabe von Zentralbankgeld an alle Bewohner einer geschlossenen Volkswirtschaft einen unmittelbaren Anstieg der Preise für die zur Verfügung stehenden Güter – also eine höhere Inflation – zur Folge hätte.

Spätestens mit dem Beginn der Staats- und Unternehmensanleihekäufe der EZB hat ein direkter Kapitaltransfer an einzelne Wirtschaftssubjekte de facto bereits stattgefunden. Die aktuell angedachten Konzepte gehen jedoch darüber hinaus: So könnte die Notenbank Kredite oder nicht zurückzuzahlende Übertragungen direkt an Regierungen, Unternehmen und Privatpersonen geben.

Der Notenbank die Unabhängigkeit entziehen

Option 3: Staatlich gelenkte Notenbanken

Vorrangig in den USA wird zuletzt häufiger die Modern Monetary Theory (MMT) diskutiert. Diese sieht vor, der Notenbank ihre Unabhängigkeit zu entziehen und die Geldpolitik unter die Direktive der Regierungen zu stellen. Dem Ansatz liegt die Annahme zugrunde, dass die Inflation heutzutage keine nennenswerte Rolle mehr spielt. Entsprechend könnte sich die Regierung ohne preissteigerungsbedingte negative Effekte jederzeit und in unbegrenztem Ausmaß der Notenpresse bedienen, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Und sollten doch einmal inflationäre Tendenzen entstehen, würde der Staat durch die Ausgabe von Anleihen oder durch Steuererhöhungen entgegenwirken. In Teilen der demokratischen Partei in den USA wird das Konzept ernsthaft diskutiert. Eine tatsächliche Umsetzung scheint allerdings derzeit kaum vorstellbar.

Die beiden letzten Varianten würden, selbst wenn sie nicht unmittelbar das Leitzinsniveau weiter absenken, einen geldpolitischen Stimulus erzeugen und damit grundsätzlich ähnlich einer Zinssenkung wirken. Allerdings wären sie nicht davon abhängig, dass Banken die geldpolitischen Impulse weitergeben – was zuletzt nur unzureichend funktioniert hat. Zudem dürften im Vergleich zu nochmaligen Zinssenkungen weit weniger gesellschaftliche und politische Spannungen und somit weniger Widerstand gegen eine Umsetzung entstehen.

Christine Lagarde könnte für die Implementierung neuer geldpolitischer Methoden genau die richtige Frau zur rechten Zeit sein. Oftmals wurde als Nachteil ihrer Nominierung genannt, dass sie selbst keine ausreichende geldpolitische Expertise mitbringe. Diese ist jedoch im Kreise ihrer künftigen Berater und im gesamten Apparat der Zentralbank zweifellos zur Genüge vorhanden. Gefragt sind vielmehr ein hohes Verantwortungsbewusstsein, Tatendrang, politisches Verhandlungsgeschick und ein gewandtes Kommunikationsverhalten um die absehbare engere Koordination zwischen Geld- und Fiskalpolitik in die Tat umzusetzen. Dadurch könnte auch das allgemeine Ansehen der EZB und der gesamten Eurozone in der Bevölkerung wieder gestärkt werden.

Möglicherweise ist dies sogar der einzige Weg aus der aktuellen Einbahnstraße der EZB-Geldpolitik und zur Verhinderung eines „Weiter so“ mit unkalkulierbaren Folgen.

Quellen:

„Enabling Deep Negative Rates to Fight Recessions: A Guide“, IMF-Working-Paper 19/84, April 2019
“Unconventional Policy and the effective lower bound“, BIS Working Papers, No. 804, August 2019
„Dealing with the Next Downturn – Unprecedented Policy Coordination“ in BlackRock Macro- and Market Perspectives, August 2019

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