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Verzerrte Preissteigerungen „Die offizielle Inflationsrate ist zu niedrig angesetzt“

Gunther Schnabl ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. Quelle: PR

Die Verbraucher müssten für viele Güter mehr bezahlen, erhielten dafür aber weniger Qualität, sagt der Leipziger Ökonom Gunther Schnabl. Das werde bei der Inflationsmessung nicht ausreichend berücksichtigt. 

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Gunther Schnabl ist Professor für Wirtschaftspolitik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Leipzig, wo er das Institut für Wirtschaftspolitik leitet. Er hat an der Universität Tübingen zu Leistungsbilanzungleichgewichten und Währungsintegration in Ostasien und Europa promoviert und habilitiert. Er war Gastwissenschaftler an der Stanford University.

Herr Schnabl, die Verbraucherpreise in Deutschland sind im September im Vorjahresvergleich  um 4,1 Prozent gestiegen. Doch viele Bürger haben das Gefühl, dass sie für ihr Geld immer weniger Qualität erhalten. 
WirtschaftsWoche: Man muss sich in der Tat fragen, wie akkurat die offiziellen Inflationszahlen die Teuerung wiedergeben. Generell soll der Preisindex die Preisänderungen von Gütern und Diensten unabhängig von Veränderungen der Menge und Qualität messen. Hat ein neuer Mobiltelefontyp eine zusätzliche Funktion – etwa eine bessere Kamera – senken die Statistiker deshalb den Preis ab. Umgekehrt rechnen die Statistiker die Preise hoch, wenn sich die Qualität eines Produktes verschlechtert, etwa wenn die Energieeffizienz eines Kühlschranks abnimmt oder das Navi im Auto plötzlich fehlt. Das Problem ist jedoch, dass Unternehmen Qualitätsverschlechterungen in der Regel nicht kommunizieren, während sie Qualitätsverbesserungen in der Werbung gern herausstellen. 

Das heißt, für die Statistiker ist es schwieriger, Qualitätsverschlechterungen zu erkennen? 
Wie sollen Statistiker erkennen, dass der neue Jahrgang eines Weins schlechter ist? Und fiele es auf, wenn in einem Fertignudelgericht plötzlich der Käse fehlt? Darüber hinaus gibt es Gütergruppen mit systematischen Qualitätseinbußen. Etwa bei Lebensmitteln: Hat nicht die umwelt- und tierwohlschädliche Massenproduktion in der Landwirtschaft zugunsten niedriger Preise stark zugenommen? 

Wie sieht es bei den Dienstleistungen aus. Gibt es dort auch Qualitätsverschlechterungen? 
Auch bei Dienstleistungen sind strukturelle Verschlechterungen sichtbar. Die Selbstbedienung hat in Bäckereien, Cafés, Restaurants und Hotels zugenommen. In vielen Supermärkten verschwinden die Wurst- und Käsetheken, Selbstbedienungskassen tauchen auf. Ein fröhliches Möbelhaus lädt schon lange zum Selbstaufbauen seiner Produkte ein. Im Onlinehandel gibt es fast gar keinen Service mehr, im besten Fall telefonische Wartelabyrinthe. Fallen solche Faktoren unter den Tisch, ist die offizielle Inflationsrate tendenziell zu niedrig angesetzt. Dazu kommt, dass die meisten öffentlichen Güter, für die wir Steuern zahlen, gar nicht im offiziellen Preisindex enthalten sind. 

An welche Güter denken Sie? 
Nehmen Sie etwa die Autobahnen in Deutschland. Vor Corona ist die Anzahl der Staukilometer immer weiter gestiegen. Die Qualität der Straßennutzung hat sich für die Bürger dadurch verschlechtert. Ein anderes Beispiel ist die Bundeswehr. Deren Verteidigungsbereitschaft steht ebenso in der Kritik wie die Qualität der Schulbildung in Deutschland. In der Corona-Zeit gab es zeitweise für unser Steuergeld fast gar keine Schulbildung mehr. Und während das Budget der Europäischen Zentralbank rasant wächst, scheinen der Euro und das Finanzsystem instabiler als noch vor 20 Jahren.

Heißt das, die wahre Inflation ist höher als die statistisch ausgewiesenen 4,1 Prozent? 
Es liegt auf der Hand, dass Bürger und Gesellschaft durch schlechtere Produkte und Dienstleistungen einen schleichenden Kaufkraftverlust hinnehmen müssen. Daher kann es nicht verwundern, dass Politiker, Notenbanker und Statistiker das Problem nicht gern thematisieren. Wären die öffentlichen Güter im offiziellen Preisindex vertreten und wagte man eine Qualitätsanpassung, wäre die offiziell gemessene Inflation wohl deutlich höher. Doch bisher gibt es im Euro-Raum keine Transparenz, bei welchen Produkten in welchem Umfang die Preise aufgrund von Qualitätsveränderungen angepasst werden. 



Gibt es denn Schätzungen darüber, in welchem Ausmaß die Probleme bei der Qualitätsbereinigung die Inflationsraten verzerren? 
Die vom US-amerikanischen Senat eingesetzte Boskin-Kommission argumentierte 1996 für die USA, dass aufgrund nicht erfolgter Qualitätsanpassung die Inflation um circa 0,6 Prozentpunkte zu hoch gemessen wurde. Eine Schätzung für Deutschland kam damals auf 0,5 Prozentpunkte. Im Mittelpunkt standen dabei jedoch Qualitätsverbesserungen, die vergleichsweise einfach zu identifizieren sind. Qualitätsverschlechterungen, insbesondere bei Dienstleistungen und öffentlichen Gütern, durch deren Vernachlässigung bei der Preisbereinigung die Inflation zu niedrig ausgewiesen wird, spielten bei den Schätzungen kaum eine Rolle. Im Gefolge des Berichts der Boskin-Kommission hat man weltweit die Qualitätsanpassung forciert. Das Statistische Bundesamt kann jedoch keine Auskunft geben, wie hoch der Effekt der Qualitätsanpassung auf die offiziell gemessene Inflationsrate ist. Daten, denen man dies in der Forschung entnehmen könnte, sind leider nicht öffentlich zugänglich. 

Mehr zum Thema: Die EZB macht sich zunehmend Sorgen wegen der hohen Inflation. Zu Recht. Denn die hartnäckig hohen Teuerungsraten stürzen die Notenbank in ein schweres Dilemma.

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