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Vier Indikatoren im Überblick Der verlängerte Lockdown spaltet die Wirtschaft

Fünf Indikatoren im Überblick: Der verlängerte Lockdown spaltet die Wirtschaft Quelle: Getty Images, dpa, Montage

Die Corona-Notbremse setzt der Gastronomie und dem Einzelhandel weiter zu. Der zweite Lockdown spaltet die deutsche Wirtschaft. Während die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe vergleichsweise gut läuft, stehen der Dienstleistungssektor, das Gastgewerbe und der Einzelhandel auf Abschwung.

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In Deutschland sinken die Infektionszahlen trotz Oster-Lockdown kaum. Die „Notbremse“, die Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten bei ihrem Corona-Gipfel Ende März gezogen hatten, lässt den Großteil der Bevölkerung unbeeindruckt. An sich hätte mit der Rücknahme der jüngsten Lockerungen das soziale Leben und somit die Ansteckungsgefahr im öffentlichen Raum erneut zurückgefahren werden sollen. Doch Google-Bewegungsdaten zeigen, dass nach der Ministerpräsidentenkonferenz sogar spürbar mehr Menschen in Einkaufszentren, Parks und anderen öffentlichen Plätzen unterwegs waren. Hielten sich am 22. März, dem ersten Tag der „Notbremse“, noch 38 Prozent weniger Leute als zu Vorkrisen-Zeiten im öffentlichen Raum auf, waren es eine Woche später nur noch 31 Prozent weniger.

Kaum verwunderlich, dass Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet am Ostermontag forderte, im April einen „Brücken-Lockdown“ zu verhängen. Angesichts der dritten Corona-Welle müsse im April ein kurzer, aber harter Lockdown durchgesetzt werden. Auch Experten wie SPD-Gesundheitspolitiker wie Karl Lauterbach fordern verschärfte Maßnahmen. Darin inbegriffen sind Ausgangssperren, eine Testpflicht in Schulen und Betrieben sowie mehr Menschen im Homeoffice.

Ein harter dritter Lockdown käme die Wirtschaft teuer zu stehen. Pro Woche könnte er Deutschland 2,5 Milliarden Euro an Wertschöpfung kosten, schätzt ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Schon jetzt zeigen hochfrequente Aktivitätsindikatoren, die die Commerzbank für die WirtschaftsWoche berechnet hat, das Bild einer gespaltenen Wirtschaft. Während der stationäre Einzelhandel und das Gastgewerbe am Boden liegen, klingeln die Kassen bei den Online-Händlern. Und im Verarbeitenden Gewerbe haben die Bestelleingänge das Vorkrisenniveau längst wieder überschritten. Insgesamt allerdings dürften die Einbrüche bei den Dienstleistern stärker auf die gesamtwirtschaftliche Produktion durchschlagen als die Aufwärtsbewegung in der Industrie.

Hier ein Überblick über die einzelnen Sektoren:



Die Entwicklung der einzelnen Indikatoren

Einzelhandel:
Im März war das Shoppen vor Ort in Einzelhandelsgeschäften wie Buch- oder Modeläden erstmals seit Weihnachten wieder möglich – vorausgesetzt, man bucht einen Termin und hält sich nur für eine bestimmte Zeit im Verkaufsraum auf. Seit kurz vor Ostern ist das „Termin-Shopping“ in vielen Städten aufgrund der gestiegenen Inzidenz aber wieder verboten. Aktuell sind im Einzelhandel – davon ausgenommen sind Supermärkte, Apotheken, Optiker, Blumenhändler und Drogeriemärkte – vielerorts daher nur Click & Collect-Käufe erlaubt.

Entsprechend ist die Kundenfrequenz im Handel (ohne Lebensmittel) eingebrochen. In der vergangenen Woche lag die Anzahl der Kunden im stationären Einzelhandel im Sieben-Tage-Durchschnitt um rund 30 Prozent niedriger als vor dem Ausbruch der Coronapandemie. Zwar ist der Einbruch damit nur etwa halb so groß wie noch während der Weihnachtszeit, im September hatte die Kundenfrequenz im Einzelhandel aber fast schon wieder ihr Vorkrisenniveau erreicht. So wenige Kunden wie Ende März waren zuletzt während des ersten Lockdowns im Mai in den Läden unterwegs.

Dennoch: Der Einzelhandel hat im gesamten vergangenen Jahr preisbereinigt einen kräftigen Umsatzzuwachs von voraussichtlich mehr als vier Prozent gegenüber dem Vorjahr erzielt. Maßgeblich dafür war der Boom im Onlinehandel. Von Januar bis November legte der Umsatz der Versandhändler um 23 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum zu. Möbel und Einrichtungsgegenstände verkauften sich im vergangenen Jahr ebenfalls wie warme Semmeln (plus sechs Prozent). Schlecht lief es hingegen für die Anbieter von Textilien und Schuhen (minus 21 Prozent). Wer im Homeoffice arbeitet, braucht halt weniger neue Hemden, Hosen und Schuhe.

Restaurants:
Noch düsterer als beim stationären Einzelhandel sieht die Lage im Gastgewerbe aus. Der Umsatz in der Branche liegt am Boden. Kneipen, Restaurants und Clubs sind seit Anfang November geschlossen. Die für Ende März im Fünf-Stufen-Plan der Bundesregierung in Aussicht gestellte Öffnung der Außengastronomie verzögert sich wohl noch um einige Wochen. Den fünften Monat in Folge liegen die Restaurantbesuche daher faktisch um 100 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Im Juli und August konnten sich die Restaurants noch über bis zu 30 Prozent mehr Gäste freuen als im Vorjahr. Als die Neuinfektionszahlen im Oktober dann wieder nach oben sprangen, gingen die Restaurantbesuche auf Talfahrt. Im November folgte die Total-Schließung. Konjunkturexperten rechnen damit, dass es nach dem Ende des Lockdowns einen Ansturm auf Clubs, Kneipen und Restaurants geben wird. Profitieren werden davon allerdings nur jene Betriebe, die die umsatzlose Zeit überlebten. Wundern könnten sich die Gäste jedoch über die Preise, die dann für Speisen und Getränke aufgerufen werden. Viele Gastwirte dürften versuchen, die Umsatzverluste aus der Zeit des Lockdowns durch Preiserhöhungen auszugleichen. Wer sich Essen nach Hause liefern lässt, merkt das teilweise schon heute.

Stromverbrauch:
Die Industrie kann auch mit dem längeren Lockdown leben. Den Eindruck gewinnt man, wenn man auf die Daten des Stromverbrauchs blickt. Zwar brach der Stromverbrauch über Ostern ein. Das dürfte jedoch nicht zuletzt an den Werksferien gelegen haben, die vor allem in der Industrie über die Feiertage üblich sind. Ein ähnliches Muster zeigte sich im Schnitt der Jahre 2017 bis 2019. Ansonsten hinterlassen die neuen Corona-Maßnahmen kaum Bremsspuren im produzierenden Gewerbe. In der Karwoche lag der Stromverbrauch im Schnitt sogar dauerhaft über ein Prozent höher als im Vergleichsjahreszeitraums 2017 bis 2019 und kratzte zeitweise an der Zwei-Prozent-Marke. Schon seit Mitte März ist der Verbrauch wieder deutlich gestiegen – ein Zeichen dafür, dass die Industrie, der größter Stromverbraucher in Deutschland, ihre Produktion wegen der guten Auftragslage hochgefahren hat.

Lkw-Verkehr:
Ein ähnliches Bild wie beim Stromverbrauch bietet sich beim Lkw-Verkehr. Die Fahrleistungen großer Lkw auf deutschen Bundesautobahnen sackte in der Zeit um den Jahreswechsel deutlich unter dem Vorkrisenniveau. Die damalige Einschätzung der Ökonomen der Commerzbank, die den Einbruch auf Probleme mit der Saisonbereinigung nicht aber auf einen Aktivitätseinbruch zurückführten, hat sich nun bestätigt. Seit Mitte Februar hat sich die Fahrleistung deutlich erholt und liegt konstant knapp über dem Vorkrisenniveau. Und damit nicht genug: Seit März explodiert der Güter-Verkehr auf Deutschlands Straßen förmlich. In den vergangenen zwei Wochen waren dauerhaft über drei Prozent mehr Lkw auf den Autobahnen unterwegs, am letzten Märzwochenende sogar über fünf Prozent. Die kräftige Industrieproduktion und der Bestellboom der Konsumenten bei Online-Händlern kurbeln das Geschäft der Speditionen an.

Die Methodik im Detail

Indikator Stromverbrauch: Rund drei Viertel des in Deutschland verbrauchten Stroms entfallen auf den Unternehmenssektor, allein die Industrie steht für fast 50 Prozent des Gesamtverbrauchs. Daher lässt sich für die vergangenen Jahre ein Zusammenhang zwischen dem Stromverbrauch und der Industrieproduktion sowie dem Bruttoinlandsprodukt nachweisen. Die Rohdaten zum Strom werden von der Bundesnetzagentur im 15-Minuten-Takt zur Verfügung gestellt. Um natürliche Schwankungen auszugleichen, geht in den „Recovery Monitor“ ein Sieben-Tage-Durchschnitt ein, der mit der durchschnittlichen Entwicklung der vergangenen drei Jahre verglichen wird.

Indikator Kundenfrequenz im Handel: Volle Geschäfte machen logischerweise mehr Umsatz als leere: Die Ökonomen analysieren daher, wie viele Kunden (beziehungsweise deren Mobiltelefone) sich in Einzelhandelsgeschäften (ohne Lebensmittel) befinden. Verglichen werden die aktuellen Werte mit dem Median der entsprechenden Wochentage zwischen dem 3. Januar und 6. Februar, also vor dem Shutdown.

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Indikator Restaurantbesuche: Beleben sich Wirtschaft und soziales Leben, verlassen die Leute auch häufiger das Haus – und gehen zum Beispiel essen. Mithilfe einer Reservierungsplattform analysieren die Commerzbank-Ökonomen, wie sich die Zahl der abendlichen Restaurantbesuche entwickelt.

Indikator Lkw-Verkehr: Über 80 Prozent des Güterverkehrs in Deutschland läuft über die Straße. Lahmt die Wirtschaft, werden weniger Waren transportiert – und umgekehrt. Insofern lassen sich Rückschlüsse auf die Industrieproduktion ziehen. Wie stark der Warenverkehr zu- oder abnimmt, lässt sich mithilfe der Lkw-Mautdaten erfassen, die das Statistische Bundesamt wöchentlich aktualisiert.

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