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Volkswirtschaftslehre "Viele Professoren haben kein echtes Interesse an der Lehre"

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Hat sich die VWL von Politik und Gesellschaft entfremdet?

Großmann: Und es gibt in der Mainstream-Ökonomik einen unreflektierten ideologischen Überbau. Man erwartet ein bestimmtes Ergebnis – und das beeinflusst den Forschungsprozess. Ein Beispiel: Es existieren diverse Studien, wonach Frauen risikoscheuer als Männer sind. Eine Wissenschaftlerin hat sich diese Studien methodisch einmal genauer angeschaut. Heraus kam, dass empirisch nicht signifikante Ergebnisse stark verbal unterfüttert wurden, um so die Aussage zu verstärken. Zudem fielen anderslautende wissenschaftliche Erkenntnisse teilweise unter den Tisch.

Hans-Theo Normann:

Normann: Interessant, dass Sie dieses Beispiel bringen. Ich habe just heute in einer Masterarbeit den Satz gelesen: Es ist belegt, dass Frauen risikoscheuer als Männer sind. Ich habe drunter geschrieben: Blödsinn! Ich stimme zu, dass Wissenschaftler bisweilen mit vorgefertigten Meinungen an die Arbeit gehen.

Dreher: Wirklich? Ich mache eher die Beobachtung, dass gerade junge Kollegen heute ziemlich ideologiefrei arbeiten.

Glauben Sie, dass sich die VWL ein Stück weit von Politik und Gesellschaft entfremdet hat?

Normann: Im Zuge der Finanzkrise ein wenig. Aber nicht generell.

Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Großmann: Die VWL wird oft sehr wohl als gesellschaftsfremd empfunden. Der Frage kann man sich auch historisch nähern. Die stark mathematisierte Ökonomik ist zur Zeit des McCarthyismus in den USA entstanden. Damals war es für Wissenschaftler riskant, politische Empfehlungen abzugeben, da sie so schnell als vermeintlicher Kommunist verfolgt werden konnten. Auch deshalb haben sich Ökonomen in eine abstrakte Welt zurückgezogen, da ist die Gefahr geringer, dass ihre Aussagen als politisch erkannt werden.

Ein anderer Vorwurf lautet, die Ökonomen lägen mit ihren Prognosen ständig daneben und hätten zum Beispiel die Finanzkrise nicht vorhergesagt.

Dreher: Zunächst einmal: Es ist unmöglich, exakt zu prognostizieren, wann eine Krise losbricht. Die Kritiker sollten zudem mal nachlesen, was Ökonomen zum Beispiel vor der Euro-Einführung für Risiken gesehen haben. Alle Funktionsmängel der Währungsunion, die wir heute erleben, wurden glasklar benannt. Ebenso falsch ist die These, niemand hätte Probleme an den Finanzmärkten gesehen. Es gab durchaus Warnungen renommierter Volkswirte. Nur wollte das niemand hören, die Politik schon gar nicht.

Lisa Großmann:

Göhner: Ich registriere als Student sehr wohl, dass die Wirtschaftswissenschaft in der Öffentlichkeit immer noch einen ziemlich schlechten Ruf hat. Im Zweifel sind immer die Ökonomen schuld. Die Politik macht es sich da ziemlich einfach. Ich glaube, dass auch die Bürger insgesamt nur wenig über volkswirtschaftliche Zusammenhänge wissen. Die Schulen vermitteln diese Kenntnisse ja auch nicht. Wer in Deutschland versucht, ökonomische Zusammenhänge etwas fundierter und wissenschaftlicher zu erklären, wird vielfach belächelt.

Großmann: Gerade in der Politikberatung fehlt mir auch die Ideenvielfalt.

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