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Volkswirtschaftslehre "Viele Professoren haben kein echtes Interesse an der Lehre"

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Kein Interesse an der Lehre

Dreher: Ich glaube nicht, dass die Ökonomie geschichtsvergessen ist. Wem die Geschichte des ökonomischen Denkens wichtig ist, der kann sich eine Universität aussuchen, an der diese gelehrt wird. Es ist auch nicht verboten, jenseits des Vorlesungsbetriebs ein Buch zu diesem Thema in die Hand zu nehmen. Dogmengeschichte als generelles Pflichtfach lehne ich ab. Wir müssten dafür angesichts des vollgepackten Bachelor- und Masterprogramms etwas weglassen, das für die theoretische Fundierung des Studiums wichtiger ist.

Diese Ökonomen haben unsere Welt geprägt
Korekiyo Takahashi Quelle: Creative Commons
Korekiyo Takahashi Quelle: Creative Commons
János Kornai Quelle: Creative Commons
Lorenz von Stein Quelle: Creative Commons
Steuererklärung Quelle: AP
Mancur Olson Quelle: Creative Commons
Thorstein Veblen Ökonom Quelle: Creative Commons

Normann: Wir haben in Düsseldorf vor Kurzem über Dogmengeschichte als Pflichtfach nachgedacht – und uns dagegen entschieden. Das Problem sehe ich an anderer Stelle: Ökonomen wissen oft nur wenig über Wirtschaftsgeschichte allgemein. Diese bleibt im VWL-Studium meist außen vor, da sie dem Fach Geschichte zugeordnet wird. Das ist in Amerika anders. Eine Renaissance der Wirtschaftsgeschichte an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten würde ich begrüßen.

Stecken die Hochschulen nicht in einer Zwickmühle? Wenn Sie in der Lehre neue Wege gehen, schaffen es Ihre Absolventen womöglich nicht in die Top-Journals. Das ist aber nötig für jene, die in der Wissenschaft Karriere machen wollen.

Normann: Das stimmt. Das VWL-Studium in Deutschland ist inhaltlich und methodisch klar auf eine wissenschaftliche Karriere ausgerichtet, im Master verstärkt und in Doktorandenprogrammen erst recht. Mit Verbalökonomie und qualitativen Studien kommen Sie nicht ins „American Economic Review“.

Göhner: Das finde ich im Prinzip gar nicht schlimm. Meine Kritik geht in eine andere, etwas praktischere Richtung. Ich habe gerade mit dem VWL-Masterstudium begonnen und stelle fest, dass es große Überschneidungen mit dem Bachelorlehrstoff gibt. Da werden die ganzen theoretischen Grundlagen jetzt ein zweites Mal durchgekaut – als Pflichtveranstaltung.

Wo Deutschlands beste Volkswirte forschen
1. Uni MannheimDie neuen Sieger sind die alten. Im Mannheimer Schloss setzt man konsequent auf weltweit wettbewerbsfähige Spitzenforschung. Zudem ist die Fakultät sehr breit aufgestellt: Gleich fünf Forscher haben im Handelsblatt-Ranking zuletzt mehr als fünf Punkte sammeln können. Zu den prominentesten Neuzugängen gehört Antonio Ciccone, der etwa erforscht, ob Bürgerkriege eher ausbrechen, wenn die Wirtschaftslage schlecht ist. Auch Clemens Fuest, der seit März das Forschungsinsitut ZEW leitet, hat eine Professur an der Uni übernommen. Und die Familienökonomin Michèle Tertilt wurde jüngst vom Verein für Socialpolitik mit dem renommierten Gossen-Preis ausgezeichnet. Quelle: dpa
2. Uni BonnNur knapp müssen sich die Bonner Ökonomen den Mannheimern geschlagen geben. War der Standort am Rhein – dem auch Deutschlands einziger Ökonomienobelpreisträger Reinhard Selten angehört – früher als Hort der theoretischen Modellforschung bekannt, so setzt man inzwischen auf Empirie. Forschungsstärkster Volkswirt ist der Experimentalökonom Armin Falk, der in seinen Projekten die Grenzen zwischen Ökonomie und Psychologie oder Medizin überschreitet. So beobachtet Falk etwa, wie Herzfrequenz oder Hirnströme auf ökonomische Belohnung reagieren. Quelle: dpa
3. LMU MünchenDie Münchener Ökonomen leisten sich einen großen Luxus: eine eigene volkswirtschaftliche Fakultät, die sie sich nicht mit Juristen oder Betriebswirten teilen. Wie 2011 belegen die Münchener um Dekan Martin Kocher auch dieses Mal den dritten Platz. Trotz der Größe der Fakultät – zu der auch die acht Professoren des Ifo-Instituts beitragen – versuchen die LMUler sich auf bestimmte Bereiche zu spezialisieren: so etwa auf die internationale Ökonomie, die Experimentalforschung und die Gesundheitsökonomie. Quelle: dpa
4. Uni ZürichIm Jahr 2010 standen die Forscher der Züricher Uni noch ganz vorn im Handelsblatt-Ranking. Seither sind sie auf Platz vier zurückgefallen – allerdings haben sie inzwischen auch weniger Professoren. Stark ist Zürich vor allem in der Mikroökonomie: Der Experimentalökonom Ernst Fehr etwa, der immer wieder für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt wird, zeigt, wie das menschliche Handeln im ständigen Zwiespalt zwischen dem Streben nach Eigennutz und dem nach Fairness steht. Mit Hilfe einer Großspende der USB entstehen in Zürich bald wieder neue Professuren. Quelle: dpa Picture-Alliance
5. ETH ZürichEs ist verwunderlich, dass eine Hochschule, die eigentlich Ingenieure und keine Ökonomen ausbildet, forschungsstarke Volkswirte anlockt. Doch der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist das gelungen: An keiner anderen Fakultät veröffentlicht ein Professor im Schnitt so viele Artikel wie hier. Und so haben die Züricher gleich zwei Vertreter unter den Top 5 des Einzelrankings. Zum einen Peter Egger, der zum Beispiel untersucht, wie multinationale Firmen sinnvoll besteuert werden können. Zum anderen der Theoretiker Hans Gersbach, der die Mechanismen der Demokratie modelliert und Ideen zur Bankenregulierung entwickelt. Quelle: dpa
6. Uni KölnDie traditionsreiche Kölner Volkswirtschaftslehre hat sich zuletzt komplett verjüngt. War die Fakultät früher bekannt für einen ordnungspolitischen, praxisbezogenen Ansatz, so geben heute die Grundlagenforscher den Ton an. International bekannt sind vor allem die Kölner Mikroökonomen. Doch auch in der Makroökonomie konnte die Fakultät zuletzt renommierte Forscher gewinnen. Am meisten publiziert derzeit der Vertragstheoretiker Patrick Schmitz, der unter anderem untersucht, wie Arbeitsanreize ausgestaltet sein müssen, damit Angestellte und Arbeitgeber wirklich an einem Strang ziehen. Quelle: dpa
7. Uni FrankfurtZurückgefallen im Ranking sind in diesem Jahr die Frankfurter Ökonomen: Nach Rang 4 im Jahr 2010 landeten sie nur noch auf Platz 7. Doch mit Roman Inderst - der unter anderem über Wettbewerbstheorie und Bankenregulierung forscht - hat die Fakultät den mit Abstand forschungsstärksten Ökonomen im deutschsprachigen Raum an Bord. Auch holten die Frankfurter im vergangenen Jahr mit Mirko Wiederholt einen jungen Makroökonomen aus den USA zurück, der die neokeynesianischen Modelle ganzer Volkswirtschaften weiterentwickelt. Quelle: dpa

Großmann: Das habe ich in Berlin auch so erlebt – sehr unbefriedigend...

Göhner: ...und das bringt einen auch vom Wissensstand her nicht weiter. Das Masterstudium sollte doch eigentlich Freiräume bieten für Vertiefung und Spezialisierung, ich würde mich zum Beispiel gern stärker mit Finanzmarktstabilität und -regulierung beschäftigen. Warum kann eine Universität nicht einfach sagen: Wir lehren die methodischen Grundlagen im Masterstudium noch mal – aber auf freiwilliger Basis für Studenten, die hier Lücken haben?

Dreher: Das geht nicht, weil die Studentenschaft von ihrem Vorwissen her zu heterogen ist. Wir können auch bei Masterstudenten die methodischen Grundlagen unseres Fachs nicht einfach voraussetzen. Diese Erfahrung machen wir immer wieder in unseren Pflichtvorlesungen. Diese Vorlesungen würden von vielen nicht freiwillig gewählt. Es ist nun mal leider so: Je anspruchsvoller und arbeitsintensiver es wird, umso mehr Zuhörer steigen aus.

Axel Dreher:

Ist das nicht eher anekdotische Evidenz?

Dreher: Nein. Viele Studierende versuchen, gute Noten mit möglichst wenig Aufwand zu bekommen. Sie lassen schwierige Wahlveranstaltungen einfach weg. Ich halte regelmäßig eine Vorlesung, bei der die Teilnehmer jede Woche mindestens zwei wissenschaftliche Texte durcharbeiten müssen. Das führt zu deutlichem Schwund. Bei Doktoranden ist das ganz anders, die ziehen da voll mit.

Göhner: Man kann den Spieß auch umdrehen und sagen: Viele VWL-Professoren geben sich keine Mühe. Für einen Kurs zu lernen ist mühselig, wenn man dort nur lustlos heruntergespulte Vorträge zu hören bekommt. Ich glaube, viele Professoren wollen vor allem forschen und haben kein echtes Interesse an der Lehre. Die würden am liebsten nie einen Studenten zu Gesicht bekommen. Entsprechend sind ihre didaktischen Fähigkeiten. In den USA läuft das besser.

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