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Volkswirtschaftslehre "Viele Professoren haben kein echtes Interesse an der Lehre"

Wie ist es um die Volkswirtschaftslehre in Deutschland bestellt? Ist sie methodisch und inhaltlich up to date - oder verschanzt sie sich hinter mathematischen Formeln jenseits der Realität? Vier Ökonomen diskutieren.

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Die Teilnehmer des Roundtables: Axel Dreher, Hans-Theo Normann, Matthias Göhner und Lisa Großmann. Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Frau Großmann, Sie werfen den Wirtschaftswissenschaften vor, zu einseitig auf abstrakte Modelle zu setzen und den Bezug zur Realität verloren zu haben. Warum?

Großmann: Alternative Methoden und Denkschulen wie die Institutionenökonomik und ökologische Ökonomik bleiben außen vor. An den Hochschulen dominiert eine neoklassisch geprägte Mainstream-Ökonomie, die lose durch die Konzepte Gleichgewicht, Effizienz, Wettbewerb und rationales Verhalten sowie mathematische Modellierung zusammengehalten wird. Ich will nicht sagen, dass wir diesen Theoriezweig im VWL-Studium weglassen sollten. Nötig ist aber mehr methodische Vielfalt in Forschung und Lehre – und ein Heranrücken an die Realität. Wenn sich Wissenschaft allein über ihre Methodik definiert, läuft etwas falsch.

Herr Dreher, Herr Normann, was sagen Sie als Hochschullehrer dazu – ist der Vorwurf berechtigt?

Dreher: Überhaupt nicht. Die Ökonomie definiert sich nicht über Methoden, sondern über Inhalte. Seit den Sechzigerjahren ist die VWL viel weniger theoretisch geworden. Als ich studiert habe, wurde zum Beispiel kaum empirische Wirtschaftsforschung gelehrt. In Forschung und Lehre hat es in Deutschland in den letzten zehn Jahren einen Riesenschub gegeben. Ich finde, unsere Wissenschaft ist wunderbar relevant geworden.

Was heißt das konkret?

Dreher: Wir haben eine riesige Methodenvielfalt in der Forschung entwickelt. Empirische Arbeiten nehmen kontinuierlich zu. Ökonomen machen Feldstudien in Afrika, untersuchen konkrete Maßnahmen gegen Armut, Hunger und Korruption. Das sind Forschungsarbeiten ohne ideologisches Korsett und mathematische Modellierung. Das schlägt sich auch in der Lehre nieder.

Normann: Meine Mikroökonomie-Vorlesung für Masterstudenten besteht zu 75 Prozent aus Standardökonomie. Ich glaube trotzdem, dass die Ökonomie in den vergangenen 10, 15 Jahren einen völlig neuen Realitätsbezug bekommen hat. Früher wurde Theorie für Theoretiker gemacht, die Realitätsnähe war sekundär. Heute erleben wir einen Boom von Verhaltensökonomie, von empirischer und experimenteller Forschung. An den Homo oeconomicus glaubt doch keiner mehr! Im Übrigen, Frau Großmann, sind auch die traditionellen Analysemodelle flexibler, als Sie denken.

Zu den Personen

Großmann: Ich bin gespannt.

Normann: Sie können diese mit linken, rechten, liberalen oder auch ökologischen Fragestellungen füttern, die Modelle sind dank ihrer mathematischen Unterlegung ideologiefrei. Die abstrakte Methode ist für Ökonomen nur der Ausgangspunkt, sozusagen das Gebäude, in dem wir uns treffen und verständigen. Ein guter Ökonom muss die methodischen Grundlagen seines Faches beherrschen.

Großmann: Da antworte ich mit Popper: Wer von einer Theorie glaubt, sie auf jedes Problem anwenden zu können, hat weder die Theorie noch das Problem verstanden. Die von Ihnen beschriebene Vielfalt sehe ich nicht. Die VWL denkt und arbeitet in eine Richtung. Nehmen Sie nur das Beispiel der qualitativen Methoden. Wer bei einer Bachelor- oder Masterarbeit ein Interview oder eine Diskursanalyse einfließen lassen will, muss extrem kämpfen, damit die Universität das als wissenschaftliche Vorgehensweise anerkennt.

Dreher: In diesem Punkt gebe ich Ihnen recht. Dass Interviews als wissenschaftliche Methode bei uns nicht hoch angesehen sind, halte ich für einen Fehler.

Großmann: Was mich ebenso stört, ist die Geschichtsvergessenheit der heutigen Ökonomie. Das gesamte ökonomische Wissen ist doch in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext entstanden. Wo all die Modelle und Theorien herkommen, mit denen wir heute wie selbstverständlich arbeiten, das wird an den Universitäten so gut wie nicht mehr gelehrt. Ich habe in meinem Studium die Dogmengeschichte sehr vermisst.

Kein Interesse an der Lehre

Dreher: Ich glaube nicht, dass die Ökonomie geschichtsvergessen ist. Wem die Geschichte des ökonomischen Denkens wichtig ist, der kann sich eine Universität aussuchen, an der diese gelehrt wird. Es ist auch nicht verboten, jenseits des Vorlesungsbetriebs ein Buch zu diesem Thema in die Hand zu nehmen. Dogmengeschichte als generelles Pflichtfach lehne ich ab. Wir müssten dafür angesichts des vollgepackten Bachelor- und Masterprogramms etwas weglassen, das für die theoretische Fundierung des Studiums wichtiger ist.

Diese Ökonomen haben unsere Welt geprägt
Korekiyo Takahashi Quelle: Creative Commons
Korekiyo Takahashi Quelle: Creative Commons
János Kornai Quelle: Creative Commons
Lorenz von Stein Quelle: Creative Commons
Steuererklärung Quelle: AP
Mancur Olson Quelle: Creative Commons
Thorstein Veblen Ökonom Quelle: Creative Commons

Normann: Wir haben in Düsseldorf vor Kurzem über Dogmengeschichte als Pflichtfach nachgedacht – und uns dagegen entschieden. Das Problem sehe ich an anderer Stelle: Ökonomen wissen oft nur wenig über Wirtschaftsgeschichte allgemein. Diese bleibt im VWL-Studium meist außen vor, da sie dem Fach Geschichte zugeordnet wird. Das ist in Amerika anders. Eine Renaissance der Wirtschaftsgeschichte an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten würde ich begrüßen.

Stecken die Hochschulen nicht in einer Zwickmühle? Wenn Sie in der Lehre neue Wege gehen, schaffen es Ihre Absolventen womöglich nicht in die Top-Journals. Das ist aber nötig für jene, die in der Wissenschaft Karriere machen wollen.

Normann: Das stimmt. Das VWL-Studium in Deutschland ist inhaltlich und methodisch klar auf eine wissenschaftliche Karriere ausgerichtet, im Master verstärkt und in Doktorandenprogrammen erst recht. Mit Verbalökonomie und qualitativen Studien kommen Sie nicht ins „American Economic Review“.

Göhner: Das finde ich im Prinzip gar nicht schlimm. Meine Kritik geht in eine andere, etwas praktischere Richtung. Ich habe gerade mit dem VWL-Masterstudium begonnen und stelle fest, dass es große Überschneidungen mit dem Bachelorlehrstoff gibt. Da werden die ganzen theoretischen Grundlagen jetzt ein zweites Mal durchgekaut – als Pflichtveranstaltung.

Wo Deutschlands beste Volkswirte forschen
1. Uni MannheimDie neuen Sieger sind die alten. Im Mannheimer Schloss setzt man konsequent auf weltweit wettbewerbsfähige Spitzenforschung. Zudem ist die Fakultät sehr breit aufgestellt: Gleich fünf Forscher haben im Handelsblatt-Ranking zuletzt mehr als fünf Punkte sammeln können. Zu den prominentesten Neuzugängen gehört Antonio Ciccone, der etwa erforscht, ob Bürgerkriege eher ausbrechen, wenn die Wirtschaftslage schlecht ist. Auch Clemens Fuest, der seit März das Forschungsinsitut ZEW leitet, hat eine Professur an der Uni übernommen. Und die Familienökonomin Michèle Tertilt wurde jüngst vom Verein für Socialpolitik mit dem renommierten Gossen-Preis ausgezeichnet. Quelle: dpa
2. Uni BonnNur knapp müssen sich die Bonner Ökonomen den Mannheimern geschlagen geben. War der Standort am Rhein – dem auch Deutschlands einziger Ökonomienobelpreisträger Reinhard Selten angehört – früher als Hort der theoretischen Modellforschung bekannt, so setzt man inzwischen auf Empirie. Forschungsstärkster Volkswirt ist der Experimentalökonom Armin Falk, der in seinen Projekten die Grenzen zwischen Ökonomie und Psychologie oder Medizin überschreitet. So beobachtet Falk etwa, wie Herzfrequenz oder Hirnströme auf ökonomische Belohnung reagieren. Quelle: dpa
3. LMU MünchenDie Münchener Ökonomen leisten sich einen großen Luxus: eine eigene volkswirtschaftliche Fakultät, die sie sich nicht mit Juristen oder Betriebswirten teilen. Wie 2011 belegen die Münchener um Dekan Martin Kocher auch dieses Mal den dritten Platz. Trotz der Größe der Fakultät – zu der auch die acht Professoren des Ifo-Instituts beitragen – versuchen die LMUler sich auf bestimmte Bereiche zu spezialisieren: so etwa auf die internationale Ökonomie, die Experimentalforschung und die Gesundheitsökonomie. Quelle: dpa
4. Uni ZürichIm Jahr 2010 standen die Forscher der Züricher Uni noch ganz vorn im Handelsblatt-Ranking. Seither sind sie auf Platz vier zurückgefallen – allerdings haben sie inzwischen auch weniger Professoren. Stark ist Zürich vor allem in der Mikroökonomie: Der Experimentalökonom Ernst Fehr etwa, der immer wieder für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt wird, zeigt, wie das menschliche Handeln im ständigen Zwiespalt zwischen dem Streben nach Eigennutz und dem nach Fairness steht. Mit Hilfe einer Großspende der USB entstehen in Zürich bald wieder neue Professuren. Quelle: dpa Picture-Alliance
5. ETH ZürichEs ist verwunderlich, dass eine Hochschule, die eigentlich Ingenieure und keine Ökonomen ausbildet, forschungsstarke Volkswirte anlockt. Doch der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist das gelungen: An keiner anderen Fakultät veröffentlicht ein Professor im Schnitt so viele Artikel wie hier. Und so haben die Züricher gleich zwei Vertreter unter den Top 5 des Einzelrankings. Zum einen Peter Egger, der zum Beispiel untersucht, wie multinationale Firmen sinnvoll besteuert werden können. Zum anderen der Theoretiker Hans Gersbach, der die Mechanismen der Demokratie modelliert und Ideen zur Bankenregulierung entwickelt. Quelle: dpa
6. Uni KölnDie traditionsreiche Kölner Volkswirtschaftslehre hat sich zuletzt komplett verjüngt. War die Fakultät früher bekannt für einen ordnungspolitischen, praxisbezogenen Ansatz, so geben heute die Grundlagenforscher den Ton an. International bekannt sind vor allem die Kölner Mikroökonomen. Doch auch in der Makroökonomie konnte die Fakultät zuletzt renommierte Forscher gewinnen. Am meisten publiziert derzeit der Vertragstheoretiker Patrick Schmitz, der unter anderem untersucht, wie Arbeitsanreize ausgestaltet sein müssen, damit Angestellte und Arbeitgeber wirklich an einem Strang ziehen. Quelle: dpa
7. Uni FrankfurtZurückgefallen im Ranking sind in diesem Jahr die Frankfurter Ökonomen: Nach Rang 4 im Jahr 2010 landeten sie nur noch auf Platz 7. Doch mit Roman Inderst - der unter anderem über Wettbewerbstheorie und Bankenregulierung forscht - hat die Fakultät den mit Abstand forschungsstärksten Ökonomen im deutschsprachigen Raum an Bord. Auch holten die Frankfurter im vergangenen Jahr mit Mirko Wiederholt einen jungen Makroökonomen aus den USA zurück, der die neokeynesianischen Modelle ganzer Volkswirtschaften weiterentwickelt. Quelle: dpa

Großmann: Das habe ich in Berlin auch so erlebt – sehr unbefriedigend...

Göhner: ...und das bringt einen auch vom Wissensstand her nicht weiter. Das Masterstudium sollte doch eigentlich Freiräume bieten für Vertiefung und Spezialisierung, ich würde mich zum Beispiel gern stärker mit Finanzmarktstabilität und -regulierung beschäftigen. Warum kann eine Universität nicht einfach sagen: Wir lehren die methodischen Grundlagen im Masterstudium noch mal – aber auf freiwilliger Basis für Studenten, die hier Lücken haben?

Dreher: Das geht nicht, weil die Studentenschaft von ihrem Vorwissen her zu heterogen ist. Wir können auch bei Masterstudenten die methodischen Grundlagen unseres Fachs nicht einfach voraussetzen. Diese Erfahrung machen wir immer wieder in unseren Pflichtvorlesungen. Diese Vorlesungen würden von vielen nicht freiwillig gewählt. Es ist nun mal leider so: Je anspruchsvoller und arbeitsintensiver es wird, umso mehr Zuhörer steigen aus.

Axel Dreher:

Ist das nicht eher anekdotische Evidenz?

Dreher: Nein. Viele Studierende versuchen, gute Noten mit möglichst wenig Aufwand zu bekommen. Sie lassen schwierige Wahlveranstaltungen einfach weg. Ich halte regelmäßig eine Vorlesung, bei der die Teilnehmer jede Woche mindestens zwei wissenschaftliche Texte durcharbeiten müssen. Das führt zu deutlichem Schwund. Bei Doktoranden ist das ganz anders, die ziehen da voll mit.

Göhner: Man kann den Spieß auch umdrehen und sagen: Viele VWL-Professoren geben sich keine Mühe. Für einen Kurs zu lernen ist mühselig, wenn man dort nur lustlos heruntergespulte Vorträge zu hören bekommt. Ich glaube, viele Professoren wollen vor allem forschen und haben kein echtes Interesse an der Lehre. Die würden am liebsten nie einen Studenten zu Gesicht bekommen. Entsprechend sind ihre didaktischen Fähigkeiten. In den USA läuft das besser.

Mehr Raum für inhaltliche Debatten

Inwiefern?

Göhner: Da gibt es Wissenschaftler, die nicht forschen, sondern sich vollständig der Lehre widmen. Das halte ich für ein sehr gutes Modell. Auch die Rahmenbedingungen sind anders. Als ich ein Semester in den USA studiert habe, lag die durchschnittliche Kursgröße bei etwa 30 Leuten. Der Professor kannte spätestens in der zweiten Woche den Namen jedes Kursteilnehmers.

Großmann: Was ich noch wichtiger finde, ist mehr Raum für inhaltliche Debatten. Wenn man diese anmahnt, kommt in Deutschland oft die Antwort: Wir sind eine positive und keine normative Wissenschaft. Das ist ein höchst problematisches und falsches Selbstverständnis. Hinzu kommt, dass 95 Prozent des Studiums aus klausurrelevanten Vorlesungen und Übungen bestehen. Die Studenten repetieren vorgefertigtes Wissen. Es gibt kaum noch Seminare, in denen man Hausarbeiten schreibt, über die dann debattiert wird. Damit können neue Denkräume gar nicht erst geöffnet werden.

Normann: Ehrlich gesagt, ein großer Teil der Studenten ist nach meinen Erfahrungen eher passiv und nicht sonderlich diskussionsfreudig.

Dreher: Da bin ich bei Ihnen. Ich versuche regelmäßig in Bachelorvorlesungen eine Diskussion über die Annahmen makroökonomischer Modelle zu entfachen. Ein Großteil der Studierenden kommt dann nicht, weil die Diskussion nicht klausurrelevant ist.

Göhner: Menschen reagieren nun mal auf Anreize. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass die Studienanfänger in Deutschland durch die Verkürzung der Abiturzeit auf acht Jahre und den Wegfall der Wehrpflicht immer jünger werden. Die Unis brauchen vielleicht auch deshalb einen anderen pädagogischen Ansatz im Umgang mit Studienanfängern.

Normann: Ich sehe das Problem eher auf organisatorischer Ebene. Der Genehmigung von Bachelor- und Masterstudiengängen ist eine formale und qualitative Prüfung durch Akkreditierungsagenturen vorgeschaltet. Diese machen strikte Vorgaben. Da heißt es dann, das Mastermodul x besteht aus zwei Vorlesungen und zwei Übungen pro Woche, und am Ende gibt es eine Klausur über den gesamten Stoff. Da können Sie als Professor nicht viel mehr machen, als durch den Lehrstoff zu hetzen.

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Wie breit ist die Wirtschaftswissenschaft denn mittlerweile aufgestellt? Igelt sie sich ein oder nimmt sie Impulse aus anderen Disziplinen auf?

Göhner: Da bewegt sich viel. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von interdisziplinär angelegten Studiengängen. In Mannheim zum Beispiel kann man Philosophie und VWL kombinieren und Nebenfächer wie Mathematik, Jura, Wirtschaftsinformatik, Psychologie oder Politik wählen. Das Spektrum ist breit. Wer dann einen reinen VWL-Studiengang wählt, darf sich nicht wundern, wenn er VWL pur bekommt.

Dreher: Ökonomen arbeiten auch in der Forschung zunehmend interdisziplinär – zusammen mit Juristen, mit Psychologen in der Neuroökonomie, mit Politologen, mit Soziologen. Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen immer mehr. Viele Politikwissenschaftler in den USA verwenden mittlerweile die gleichen mathematischen, empirischen und experimentellen Methoden wie wir.

Göhner: Was für die ökonomischen Methoden spricht. Die können so schlecht also nicht sein.

Normann: Richtig. Es gibt aber das Phänomen, dass neue volkswirtschaftliche Erkenntnisse häufiger von Publikationen anderer Fachrichtungen zitiert werden als umgekehrt. Da könnte man schon auf die Idee kommen, dass sich VWLer noch nicht genug für andere Disziplinen interessieren.

Hat sich die VWL von Politik und Gesellschaft entfremdet?

Großmann: Und es gibt in der Mainstream-Ökonomik einen unreflektierten ideologischen Überbau. Man erwartet ein bestimmtes Ergebnis – und das beeinflusst den Forschungsprozess. Ein Beispiel: Es existieren diverse Studien, wonach Frauen risikoscheuer als Männer sind. Eine Wissenschaftlerin hat sich diese Studien methodisch einmal genauer angeschaut. Heraus kam, dass empirisch nicht signifikante Ergebnisse stark verbal unterfüttert wurden, um so die Aussage zu verstärken. Zudem fielen anderslautende wissenschaftliche Erkenntnisse teilweise unter den Tisch.

Hans-Theo Normann:

Normann: Interessant, dass Sie dieses Beispiel bringen. Ich habe just heute in einer Masterarbeit den Satz gelesen: Es ist belegt, dass Frauen risikoscheuer als Männer sind. Ich habe drunter geschrieben: Blödsinn! Ich stimme zu, dass Wissenschaftler bisweilen mit vorgefertigten Meinungen an die Arbeit gehen.

Dreher: Wirklich? Ich mache eher die Beobachtung, dass gerade junge Kollegen heute ziemlich ideologiefrei arbeiten.

Glauben Sie, dass sich die VWL ein Stück weit von Politik und Gesellschaft entfremdet hat?

Normann: Im Zuge der Finanzkrise ein wenig. Aber nicht generell.

Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Großmann: Die VWL wird oft sehr wohl als gesellschaftsfremd empfunden. Der Frage kann man sich auch historisch nähern. Die stark mathematisierte Ökonomik ist zur Zeit des McCarthyismus in den USA entstanden. Damals war es für Wissenschaftler riskant, politische Empfehlungen abzugeben, da sie so schnell als vermeintlicher Kommunist verfolgt werden konnten. Auch deshalb haben sich Ökonomen in eine abstrakte Welt zurückgezogen, da ist die Gefahr geringer, dass ihre Aussagen als politisch erkannt werden.

Ein anderer Vorwurf lautet, die Ökonomen lägen mit ihren Prognosen ständig daneben und hätten zum Beispiel die Finanzkrise nicht vorhergesagt.

Dreher: Zunächst einmal: Es ist unmöglich, exakt zu prognostizieren, wann eine Krise losbricht. Die Kritiker sollten zudem mal nachlesen, was Ökonomen zum Beispiel vor der Euro-Einführung für Risiken gesehen haben. Alle Funktionsmängel der Währungsunion, die wir heute erleben, wurden glasklar benannt. Ebenso falsch ist die These, niemand hätte Probleme an den Finanzmärkten gesehen. Es gab durchaus Warnungen renommierter Volkswirte. Nur wollte das niemand hören, die Politik schon gar nicht.

Lisa Großmann:

Göhner: Ich registriere als Student sehr wohl, dass die Wirtschaftswissenschaft in der Öffentlichkeit immer noch einen ziemlich schlechten Ruf hat. Im Zweifel sind immer die Ökonomen schuld. Die Politik macht es sich da ziemlich einfach. Ich glaube, dass auch die Bürger insgesamt nur wenig über volkswirtschaftliche Zusammenhänge wissen. Die Schulen vermitteln diese Kenntnisse ja auch nicht. Wer in Deutschland versucht, ökonomische Zusammenhänge etwas fundierter und wissenschaftlicher zu erklären, wird vielfach belächelt.

Großmann: Gerade in der Politikberatung fehlt mir auch die Ideenvielfalt.

Politik und Wissenschaft sind zwei verschiedene Kisten

Wenn man Gutachten „plural“ macht, bekommt die Politik fünf Papiere, wo jeweils etwas anderes drinsteht. Kann man es dann nicht gleich lassen?

Großmann: Wieso? Das ist doch eine Frage der Demokratie. Wollen wir tatsächlich eine Theorie und ein Ergebnis, weil wir es nicht verkraften, verschiedene Optionen zu haben? Wir brauchen den Diskurs über Handlungsalternativen. Ich glaube nicht, dass dies die Politik überfordert.

Matthias Göhner:

Göhner: Das scheint mir arg optimistisch gedacht. In der Praxis hört die Politik den Volkswirten doch nur zu, wenn die ihr genau jene Ergebnisse liefern, die sie gerne haben möchte.

Normann: Vorsicht. Wir müssen akzeptieren, wenn die Politik unsere Empfehlungen nicht implementiert. Den Mindestlohn lehnt die Mehrheit der Ökonomen ab – eingeführt wurde er trotzdem. Es bringt nichts, darüber zu lamentieren; Politiker haben ihren Auftrag nun mal vom Wähler bekommen. Demokratischer Willensbildungsprozess und Wissenschaft, das sind zwei verschiedene Kisten.

Zehn hartnäckige Wirtschaftsmythen
Irrtum 1: Die Ära des Wachstums ist vorbeiDer Glaube an eine bessere Zukunft ist in Zeiten der Eurokrise geschwunden. Ökonomen wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und der französische Ökonom Thomas Piketty unken, das Wachstum sei vorbei. Nach Aussage von Buchautor Henrik Müller hat dieses Gefühl nach weltweiten Krisen Tradition: Doch egal ob es um die Kriege des 20. Jahrhunderts oder die große Depression der USA in den Dreißigerjahren geht: Nach jeder Wachstumsdelle folgte ein Aufschwung. Denn „die eigentliche Quelle aller Wohlstandszuwächse“ sei die Neugierde – und die sei weiterhin vorhanden. Müller rechnet mit einer „Explosion der Kreativität“. Der Grund: In wohlhabenden Gesellschaften, wo die Grundbedürfnisse abgedeckt und Bildung und Informationen für große Teile der Gesellschaft leicht zugänglich sind, steigt die Innovationsfähigkeit. Quelle: REUTERS
Irrrtum 2: Große Exportüberschüsse sind gutFakt ist: Bis 2008 war Deutschland fünf Jahre in Folge Exportweltmeister. Fakt ist auch: Kein anderes Land verdient so viel Geld im Welthandel wie Deutschland – nicht einmal China. Ob das so gut ist, wie immer suggeriert wird? Müller bezweifelt das. Ihm zufolge kosten die Exportüberschüsse Wohlstand – denn dafür sinkten erstens die Löhne in der Industrie. Zweitens mache Deutschland sich unnötig abhängig vom Rest der Welt – vor allem von den Schwellenländern, die einen Großteil der deutschen Industriewaren kaufen. Und drittens fehlt das Kapital, das exportiert wird, was die niedrigen Investitionsquoten belegten. Quelle: REUTERS
Irrtum 3: Uns steht das Ende der Arbeit bevorNoch vor zwei Jahrzehnten gab es kaum auf der Welt so viele Langzeitarbeitslose wie in Deutschland. Damals machte sich der „Beschäftigungspessimismus“ breit. Bis heute mache er die Deutschen anfällig für Prophezeiungen über das vermeintliche „Ende der Arbeit“. Belegen lässt sich diese These nicht, meint Müller. So arbeiten heute doppelt so viele Menschen wie noch 1950. Quelle: dpa
Irrtum 4: Die Hartz-Reformen sind die Ursache des BeschäftigungswundersDie Hartz-Reformen gelten hierzulande immer noch als das Musterbeispiel einer Arbeitsmarktreform. In der Tat: Ein Jahr nach dem Inkrafttreten der Reform ging die Arbeitslosigkeit zurück und die Zahl der Beschäftigten stieg an. Einen Kausalzusammenhang sieht Müller aber nicht. Stattdessen sieht er andere Ursachen: Seit dem Jahr 2000 stiegen beispielsweise die Löhne kaum noch. Zudem habe der Euro gegenüber dem Dollar abgewertet. All das trug zur höheren preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen bei. Deutschland sei zudem der große Profiteur des Aufschwungs in China gewesen: Fabriken, Flughäfen, Autos – all das lieferte die deutsche Industrie. Quelle: dpa
Irrtum 5: Deutschland wird von Einwanderern überranntDie CSU und die AfD profilieren sich derzeit mit ihren Kampagnen gegen „Armutszuwanderung“. Auch Thilo Sarrazin lässt grüßen. In Müllers Augen ist das alles purer Populismus. Seit den Fünfzigerjahren kamen Zuwanderer immer in Wellen. Sobald es in ihrer Heimat wirtschaftlich wieder besser lief, kehrten sie zurück. Zudem kämen die Zuwanderer derzeit, um zu arbeiten. Sie zögen deshalb gezielt dahin, wo Arbeitskräfte dringend gesucht werden. Mehr noch: Der Anteil der Zuwanderer, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, ist Müller zufolge größer als der in Deutschland geborenen. Von den bulgarischen und rumänischen Zuwanderern habe außerdem ein Viertel einen Hochschulabschluss – der Anteil unter den Deutschen sei geringer. Quelle: dpa
Irrtum 6: China & Co. werden den Westen schon bald in den Schatten stellenBRIC war lange der Inbegriff für die Zukunft der industrialisierten Welt– Brasilien, Russland, Indien und China als Wachstumstreiber der Weltwirtschaft. Bis heute geht die Angst um, dass die westlichen Gesellschaften schon bald von den Schwellenländern überholt werden. Alibaba ist nur ein Beispiel für die expandierende chinesische Wirtschaft. Solche Trends werden oft überzogen dargestellt, findet Müller. Der Aufschwung der BRIC-Staaten sei durch die steigende Nachfrage nach Ressourcen weltweit geprägt. Russland konnte seine Gas- und Öl-Reichtümer zu Geld machen, Brasilien glänzte mit Kohle, Kupfer und Gold. Chinas neue Mittelschiecht erhöhte die Energienachfrage deutlich. Dazu trieben Spekulationen die Preise noch zusätzlich in die Höhe. Damit ist es mittlerweile vorbei – und das kommt auch bei den Schwellenländern an. Quelle: REUTERS
Irrtum 7: Die Industrie ist die Zukunft der WirtschaftNach all den Jahren, in denen der Übergang in die Dienstleistungsgesellschaft als Lösung aller wirtschaftlichen Probleme besungen wurde, gilt die Industrie wieder als Schlüssel zur wirtschaftlichen Stabilität. Das Paradebeispiel: Deutschland. Doch der Aufschwung der deutschen Industrie ging vor allem einher mit der steigenden Nachfrage der Schwellenländer. Sollte der Aufschwung nachlassen, bleibt offen, wen die deutsche Industrie künftig beliefern sollte. Quelle: dpa

Hat sich die Wirtschaftswissenschaft durch die Finanzkrise verändert?

Normann: Die Krise hat die Makroökonomie sicher nicht revolutioniert. Klar, man erweitert nun die Modelle und bezieht die Finanzmärkte mit ein. Doch es gibt keinen großen neuen Entwurf wie in den Dreißiger- und Siebzigerjahren. Nach der Depression der Dreißigerjahre entstand die interventionistische Makroökonomie von Keynes, die theoretische Grundlage für antizyklisches Ausgabeverhalten des Staates. Nach der Hochinflation der Siebzigerjahre wurde die Theorie der rationalen Erwartungen populär, die die Grenzen des keynesianischen „deficit spending“ aufzeigte. Was nun in der Makroökonomie passiert, ist moderater – und wird nur bescheidene Änderungen des Lehrstoffes bewirken.

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