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Vollbeschäftigung in Oberschwaben Die Palettenbauer als Konjunkturindikator

Die Palettenbauer als Konjunkturindikator Quelle: dpa

Ob die Wirtschaft boomt oder vor sich hin tuckert, können einem Wirtschaftsweise oder Konjunkturberichte verraten. Alternativ genügt aber auch ein Besuch bei den Palettenherstellern in Oberschwaben.

Auf halbem Weg zwischen Ulm und dem Bodensee drängt sich die Frage geradezu auf: Alles paletti? Immerhin gibt es hier, im Örtchen Rot an der Rot, gleich drei bedeutende Hersteller von Paletten. Etwa 17.000 dieser hölzernen Transporthilfen werden pro Arbeitstag in der 4500-Seelen-Gemeinde zusammengenagelt, beinahe vier Prozent der deutschen Jahresproduktion. „Bei uns“, sagen die Palettenbauer, „spürt man den Puls der Weltwirtschaft.“

Gemeint ist das so: Sobald irgendwo etwas produziert wird, egal ob für den nächsten Supermarkt oder den Export nach China, muss es auch transportiert werden. „Paletten sind dafür meist unerlässlich“, sagt Dieter Lämmle, Chef der Lämmle Holzverarbeitung GmbH. „Deshalb gilt unsere Branche als Konjunkturbarometer, als Drehzahlmesser der Wirtschaft.“

Wie Lämmle sehen das auch Anton Sailer und Konstantin Rau, die Chefs der GmbH Anton Sailer Palettenfabrik und Rau Palettenwerk. Ihre Vorfahren haben in dieser einst armen Region Bretter gesägt und Kisten in allen gewünschten Größen gebaut, für Butter, Gemüse oder Bier. Als in den 1920er Jahren in Amerika ein Unternehmer namens Eugene Clark eine motorgetriebene Transportmaschine erfand, mögen sie vielleicht davon gehört haben. Aber es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis auf den ersten Clark-Gabelstapler dazu passende „Transportbretter“ in einheitlichen Maßen folgten.

In Europa waren es Eisenbahngesellschaften, die - im Wettbewerb mit dem Gütertransport auf der Straße - die Entwicklung standardisierter Holzpaletten vorantrieben. 1961 war die Geburtsstunde der genormten Europalette gekommen - 1200 Millimeter lang, 800 Millimeter breit, 144 Millimeter hoch und zusammengehalten von 78 Spezialnägeln. Später kamen eine Reihe anderer genormter Paletten für verschiedene Transportbedürfnisse hinzu - von schweren Maschinen bis zu leichten Medikamenten. Allen ist ein enormer Vorteil im Vergleich mit dem alten Kisten- und Kartonsammelsurium eigen: Die Beladung von Waggons oder Lastwagen geht zigmal schneller.

Ein weiterer Vorteil ist die Tausch- und Wiederverwendbarkeit: Bekommt ein Supermarkt 20 Paletten mit Kaffee oder Wein, gibt er dem Spediteur 20 leere wieder mit. Wenn sie nicht gerade als Rohstoff für den individuellen Billigmöbelbau verwendet werden, bleiben sie noch eine ganze Weile im Wirtschaftskreislauf. Wobei nicht wenige in fernen Ecken der Welt landen. „Eine von unseren ist sogar am Strand von Hawaii fotografiert worden“, berichtet Rau. „Der Hersteller ist bei Markenpaletten immer an der Prägung erkennbar.“

Dass die Auftragsbücher der Palettenbauer voll sind, lässt sich angesichts der Konjunkturentwicklung ahnen. Alles paletti also in der Palettenindustrie? Die Antwort lautet: Ja und nein. „Sie sind nicht voll, sie sind übervoll, zum Bersten“, sagt Lämmle. „Wir kommen nicht mehr hinterher“, ergänzt Rau. Die Nachfrage von Handel und Industrie übersteige die Möglichkeiten der Hersteller. Neue Kunden könnten sie nicht mehr annehmen, berichten alle drei Unternehmer. „Früher haben wir unsere Stammkunden innerhalb von ein, zwei Tagen beliefert“, sagt Lämmle. „Heute müssen selbst die sich zwei bis drei Wochen gedulden.“

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Ähnliches berichten die meisten anderen der mehr als 400 im Bundesverband Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackungen (HPE) zusammengeschlossenen Betriebe. Um 7,3 Prozent ist 2017 die Palettenproduktion in den HPE-Betrieben gewachsen, auf zusammen 110 Millionen Stück. Die gesamte Branche setzte 2017 rund 2,3 Milliarden Euro um. Doch wenn es derart brummt, warum gibt es dann in Rot an der Rot nach wie vor eine Schicht, warum nicht zwei? Das spontane Lachen von Lämmle, Rau und Sailer hat einen bitteren Unterton. „So gut wie unmöglich“, sagt Sailer. „Das zusätzliche Holz könnte man wohl noch durch Importe beschaffen, wenngleich auch das immer schwieriger wird. Aber wir würden nie die zusätzlich benötigten Arbeitskräfte bekommen. Bei uns hier im Süden herrscht praktisch Vollbeschäftigung.“

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