WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Währungskrieg Mit dem Dollar gegen den Rest der Welt

Seite 4/4

Der Hauptkonflikt zwischen den USA und China könnte entschärft werden, wenn beide Seiten bereit wären, strukturelle Reformen anzugehen. Für die USA hieße das vor allem, ihren Schuldenberg abzubauen und den Binnenkonsum zu drosseln, der derzeit 70 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht. Doch in der derzeit labilen Konjunkturlage wird sich niemand daran wagen, den Hauptantrieb der Wirtschaft auszubremsen.

China dagegen müsste seinen Binnenkonsum stärken. Das könnte geschehen, indem es die soziale Sicherung seiner Bürger verbessert, die dann weniger aus Vorsicht sparen und mehr ausgeben. Doch bislang bewegt sich Peking hier im Schneckentempo. Seit 2004 steht der Binnenkonsum offiziell auf der wirtschaftspolitischen Agenda des Landes. Doch sein Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist in den vergangenen Jahren weiter gefallen und liegt derzeit bei 35 Prozent – halb so hoch wie in den USA.

Experten verweisen auf die starke Lobby der Exportwirtschaft, die den Spielraum der Politik einengt. Chinesische Offizielle haben sich zuletzt zwar mehrfach für Washingtons Forderung erwärmt, den Leistungsbilanzüberschuss auf vier Prozent vom BIP zu begrenzen. Wie das jedoch in der Praxis geschehen soll, weiß so recht niemand.

Bundesbank-Präsident Axel Weber gehört daher zu denen, die skeptisch bleiben. Die Globalisierung habe die Ungleichgewichte befördert, die Finanzkrise habe sie dann wieder etwas gesenkt, sagte er unlängst. „Doch jüngste Zahlen legen nahe, dass diese Entwicklung sich – zumindest teilweise – wieder umkehrt.“

Mehr als die übliche Konsensrhetorik wird es auf dem G20-Gipfel nicht geben. Eine konkrete Obergrenze zu Leistungsbilanzüberschüssen und -defiziten, wie von den USA mit vier Prozent vorgeschlagen, stößt auch auf deutschen Widerstand – und sie würde auch keinen Sinn machen, weil dadurch die Wettbewerbsfähigkeit der Defizitländer nicht steigt. Neben China will sich auch Deutschland seinen mit Lohnzurückhaltung und Strukturreformen erkauften Exportboom nicht kaputt machen lassen. Auch Saudi-Arabien mit seinen Überschüssen aus dem Erdölexport ließe sich darauf kaum verpflichten.

Bewegung in die Fronten könnte – trotz allem – die US-Konjunktur bringen. Sollte sich die Lage am Arbeitsmarkt in den nächsten Monaten nachhaltig verbessern und das Wachstum wieder anziehen, könnte die Fed langsam an eine Kehrtwende in der Geldpolitik denken und die US-Regierung Schritt für Schritt ihren Schuldenberg zurückfahren. Der Dollar gewänne wieder Auftrieb, und China könnte sich ohne großen Gesichtsverlust daranmachen, seine Währung zu liberalisieren und den Konsum zu stimulieren. Auch die Lage in den Schwellenländern würde sich damit entspannen.

Dümpelt die US-Wirtschaft jedoch weiter vor sich hin, und bleibt China bei seiner Strategie, droht der Währungsstreit weiter zu eskalieren. Falls US-Finanzminister Tim Geithner dann immer noch auf seinem Vorschlag einer Begrenzung der Überschüsse besteht, sollte er sich an die Bretton-Woods-Konferenz von 1944 erinnern. Damals schlug ein gewisser John Maynard Keynes den anwesenden Staaten vor, Obergrenzen für Leistungsbilanzüberschüsse einzuführen, um die globalen Ungleichgewichte der Weltwirtschaft einzudämmen. Die USA, damals noch eines der größten Überschussländer, wiesen Keynes Forderung kategorisch zurück.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%