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Wechselkurse Mr. Inflation und der weiche Dollar

Mit seiner lockeren Geldpolitik schickt US-Notenbankchef Bernanke den Dollar auf Talfahrt. Damit provoziert er einen internationalen Abwertungswettlauf, neuen Protektionismus - und eine weltweit steigende Inflation.

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Fed-Chef Bernanke: Ankäufe Quelle: REUTERS

Es war ein Akt der Verzweiflung. Als Japans Notenbankchef Masaaki Shirakawa am vergangenen Dienstag vor die Presse trat und erklärte, die Notenbank werde den Leitzins von 0,1 auf 0 bis 0,1 Prozent senken und zusätzliches Geld in die Wirtschaft pumpen, zeigten sich die Märkte zunächst überrascht. Der Dollar kletterte auf 84 Yen. Doch bis zum Abend gab der Wechselkurs wieder auf 83,22 Yen nach – und beendete den Handelstag auf dem gleichen Niveau wie am Vortag.

Zu mikroskopisch klein war die Zinssenkung, zu mickrig die zusätzliche Liquiditätsspritze, als dass sie den Höhenflug der japanischen Währung hätten beenden können. Seit der Yen gegenüber dem Dollar im Mai auf Kletterpartie gegangen ist, liegen die Nerven in Tokio blank. Denn ein starker Yen verteuert die Waren der exportorientierten japanischen Wirtschaft und drückt die Importpreise nach unten. Das wiederum verschärft die Deflation, unter der Japan seit Jahren leidet.

Schon Mitte September hatte die Bank von Japan daher versucht, den Yen zu schwächen. Zum ersten Mal seit 2004 intervenierte sie wieder am Devisenmarkt und warf für umgerechnet 25 Milliarden Dollar Yen auf den Markt. Doch der Erfolg blieb aus.

Nicht nur der Yen, auch der Euro, das britische Pfund, der Schweizer Franken und viele Schwellenländer-Währungen stehen derzeit unter massivem Aufwertungsdruck. Grund: Die US-Notenbank Fed schickt sich an, die Notenpresse wieder anzuwerfen. Das lässt das Vertrauen in den Greenback erodieren, eine Fluchtbewegung aus dem Dollar hat eingesetzt. Aus Angst, die Stärke der eigenen Währung könnte die Exporte abwürgen und den Aufschwung gefährden, stemmen sich Regierungen und Notenbanken rund um den Globus gegen den Aufwertungsdruck. Dabei ist sich jeder selbst der Nächste.

Wechselkurse wichtiger Währungen

Brasiliens Finanzminister Guido Mantega und der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, warnen daher bereits vor einem „Währungskrieg“. Gelingt es nicht, die Währungsverzerrungen durch ein koordiniertes Vorgehen der Regierungen zu korrigieren, drohe zusätzlich ein „Handelskrieg“, fürchtet Mantega.

Steht die Weltwirtschaft also nach Bankenkrise, Rezession und Schuldendesaster jetzt vor einer Währungskrise? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Wettrennen um Marktanteile die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds führt. 1931, zwei Jahre nach Ausbruch der Großen Depression, hatte Großbritannien die Goldbindung des Pfund gelöst. Bis 1933 verlor die britische Währung rund ein Drittel ihres Wertes. Im Frühjahr 1933 trennten die USA auch den Dollar vom Gold, der daraufhin um 40 Prozent abwertete. Noch stärker, um 57 Prozent, verbilligte sich Japans Währung. Doch anders als erhofft gab es nur Verlierer des Wettrennens. Der Welthandel kollabierte, Wachstum und Wohlstand gingen zurück.

Damit so etwas nicht noch einmal passiert, versprachen die Regierungschefs nach dem Schock der Lehman-Pleite Ende 2008, die Grenzen für den Warenhandel geöffnet zu halten und auf Abwertungen zu verzichten. Allein, die guten Vorsätze hielten der politischen Praxis nicht stand.

US-Wirtschaft schwächelt

Nachdem sich die Wirtschaft in den USA im Winterhalbjahr 2009/10 zunächst ordentlich erholt hatte, geht ihr seit dem Frühjahr schon wieder die Puste aus. Das Bruttoinlandsprodukt nahm im zweiten Quartal annualisiert nur noch um schlappe 1,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Die Betriebe schaffen kaum neue Jobs.

Das nährt die Sorge, die US-Wirtschaft könne wie weiland Japan in die Deflation rutschen. Für Fed-Chef Ben Bernanke wäre das der GAU. Komme die Wirtschaft nicht schnell in Schwung, müsse die Fed erneut Staatsanleihen ankaufen und Zentralbankgeld ins Bankensystem pumpen, argumentiert Bernanke. Experten rechnen damit, dass die Fed für bis zu 1000 Milliarden Dollar Staatspapiere ankaufen könnte. Die Bilanzsumme der Fed würde so um mehr als 40 Prozent steigen. Fraglich ist jedoch, ob das der Konjunktur tatsächlich hilft.

Bilanzsumme der US-Notenbank

Denn anders als nach der Lehman-Pleite, als die Fed schon einmal Staatsanleihen kaufte, dürfte diesmal eine Erleichterungsrally, die die Zinsen am Bondmarkt nach unten drückt, ausbleiben. Dazu kommt, dass die Investitionen derzeit nicht an hohen Zinsen, sondern an schlechten Absatzaussichten und der geringen Kapazitätsauslastung in den Unternehmen scheitern. Kritisch ist auch, dass die Fed durch den Kauf von Staatsanleihen zum direkten Finanzier der US-Regierung wird. Die Erfahrung zeigt: Druckt eine Notenbank Geld, um Löcher im Staatshaushalt zu finanzieren, führt dies früher oder später zu Inflation.

Für Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, ist klar, dass „Notenbank und Regierung die Wirtschaft aus der Krise herausinflationieren wollen und dazu einen schwächeren Binnen- und Außenwert des Dollar in Kauf nehmen“.

Diese Politik stößt selbst in den USA auf Kritik. So moniert Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, Professor an der Columbia-Universität in New York, dass die Liquitätsflut der Fed „der amerikanischen Wirtschaft nicht hilft, aber im Rest der Welt Chaos verursacht“. Schon fliehen die Anleger aus dem Dollar, manche suchen ihr Heil in Edelmetallen wie Gold und Silber, andere kaufen vermeintlich sichere Währungen. Dazu zählt traditionell der Schweizer Franken. Die Notenbank in Zürich sieht sich daher seit Monaten gezwungen, den Höhenflug des Franken durch Interventionen am Devisenmarkt zu bremsen, um die heimische Exportwirtschaft zu schützen.

Auf in die Schwellenländer

U.S. Federal Reserve Bank in Quelle: dpa

Ein beliebtes Fluchtziel sind auch die Schwellenländer, die ein kräftiges Wirtschaftswachstum mit hohen Zinsen verbinden. Viele haben den Rohstoffboom der vergangenen Jahre genutzt, um ihre Staatshaushalte zu sanieren, zudem weisen ihre Handelsbilanzen Überschüsse auf. Jetzt lässt der Zustrom ausländischer Anlagegelder ihre Währungen kräftig aufwerten.

In Südamerika trifft das vor allem Brasilien, Chile, Peru und Kolumbien. In Kolumbien hat der Peso seit Jahresbeginn 13,5 Prozent gegenüber dem Dollar gewonnen, der Nuevo Sol in Peru 3,5 Prozent und der brasilianische Real 4,3 Prozent. Die Investmentbank Goldman Sachs hält den Real derzeit für die am stärksten überbewertete Währung weltweit.

Die Regierungen fürchten daher, ihre starken Währungen könnten die Exporte abwürgen und eine Tendenz zur Deindustrialisierung auslösen. Kolumbien hat beschlossen, die nächsten vier Monate täglich bis zu 20 Millionen Dollar am Devisenmarkt anzukaufen. Perus Zentralbank hat seit Jahresbeginn neun Milliarden Dollar gekauft, rund ein Viertel der gesamten Devisenreserven. In Brasilien steigerte die Zentralbank ihre Dollar-Bestände um rund 25 Prozent auf rund 274 Milliarden Dollar. Weil die Maßnahmen bisher wenig Erfolg zeigen, beschloss die Regierung in der vergangenen Woche zudem, den Steuersatz für ausländische Kapitalzuflüsse in Festzinsanleihen von zwei auf vier Prozent zu erhöhen.

Auch in Asien wachsen die Sorgen. Die Talfahrt des Dollar setzt die Währungen zwischen Korea im Norden und Indonesien im Süden der Region unter Aufwertungsdruck – und droht den Exportmotor in Fernost zum Stottern zu bringen. Das ist gefährlich für die Volkswirtschaften Asiens, leben doch Länder wie Malaysia, Singapur, Taiwan und Indonesien vor allem von den Ausfuhren. Die Notenbanker in Taiwan und Südkorea haben darum bereits an den Devisenmärkten interveniert und Dollar gekauft. Singapurs Regierung hat öffentlich vor einem zu schwachen Dollar gewarnt.

Interventionen keine Lösung

Am größten ist die Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen eines Dollar-Crashs allerdings in Thailand. Um elf Prozent hat der Baht in diesem Jahr zugelegt, so viel wie keine andere der zehn meistgehandelten Währungen Asiens außerhalb Japans. Die Folge: Im August wuchsen die Ausfuhren des Landes nur noch um 24 Prozent nach 46 Prozent im Juni. Um die Aufwertung des Baht zu bremsen, hat die Zentralbank bereits in größerem Umfang Dollar gekauft. „Die heftigen Kapitalzuflüsse zu managen ist eine entscheidende Herausforderung“, heißt es in einem Bericht der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) in Manila. Zu den möglichen Instrumenten gehörten „manchmal auch vorübergehende und gezielte Kapitalverkehrskontrollen“, schreiben die ADB-Ökonomen.

Ob Kapitalverkehrskontrollen, Devisenmarktinterventionen und Wechselkursziele tatsächlich sinnvoll sind, ist jedoch fraglich. Das zeigt das Beispiel Chinas. Um die Exporte zu stützen, haben die Chinesen den Wechselkurs des Yuan an den Dollar gekoppelt. Aufwertungen duldet die Regierung in Peking nur in homöopathischen Dosen. Experten gehen davon aus, dass der Yuan gegenüber dem Dollar um bis zu 40 Prozent unterbewertet ist. Mit dem Rückenwind einer billigen Währung hätten chinesische Unternehmen amerikanische Anbieter vom Weltmarkt verdrängt, lautet der Vorwurf aus Washington.

Privater Kapitalzufluss in die Schwellenländer

Mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze seien dadurch in den USA in den vergangenen zehn Jahren verloren gegangen. Kürzlich verabschiedete das US-Repräsentantenhaus daher ein Gesetz, dass es Präsident Barack Obama erlaubt, Strafzölle auf chinesische Importe zu erheben.

Bisher aber zeigen sich die Chinesen wenig beeindruckt. Statt den Yuan aufzuwerten, keilte Chinas Regierungschef Wen Jiabao vergangene Woche auf seiner Europareise zurück. Zwinge der Westen China, den Yuan aufzuwerten, seien „soziale und wirtschaftliche Turbulenzen in China“ programmiert. Das habe Ausstrahleffekte auf andere Länder und sei „ein Desaster für die ganze Welt“.

Doch das wahre Desaster ist eher, dass China und andere Länder in Asien und Lateinamerika ihre Währungen an den Dollar gebunden haben. Dadurch haben sie ein informelles Festkurssystem etabliert, das Ökonomen in Anlehnung an das 1971 gescheiterte System fester Wechselkurse Bretton Woods II getauft haben. Im krampfhaften Bemühen, den Wechselkurs des Yuan stabil zu halten, hat Peking riesige Devisenreserven von 2,5 Billionen Dollar angehäuft. Das Geld investiert Peking in amerikanische Staatsanleihen. In den vergangenen Jahren hat das Recycling der Interventionsdollar dazu beigetragen, die Zinsen am amerikanischen Kapitalmarkt nach unten zu drücken, und befeuerte so den Kreditboom.

Halten die Schwellenländer nun an dem Bretton-Woods-II-System fest, könnte dies zu einem globalen Inflationsschub führen. Um ihre Wechselkurse zu verteidigen, müssen die Staaten entweder die Zinsen senken oder die eigene Währung auf den Markt werfen. „Dadurch übernehmen die Schwellenländer die für sie viel zu expansive Geldpolitik der Fed, was zu Spekulationsblasen und Inflation führen wird“, warnt Rolf Langhammer vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Langhammer empfiehlt den Schwellenländern daher, die Wechselkurse allmählich freizugeben.

Comeback des Euro

Das würde auch den Euro entlasten. Im Zuge der Griechenlandkrise war die Gemeinschaftswährung schon tot gesagt worden. Nun erlebt sie, obgleich durch den milliardenschweren Rettungsschirm und die Abkehr vom Stabilitätspakt strukturell geschwächt, ein fast schon skurriles Comeback. Ihr Anteil an den weltweiten Währungsreserven lag zuletzt bei 27,2 Prozent, Tendenz steigend. Vergangene Woche übersprang der Wechselkurs kurzzeitig wieder die Marke von 1,40 zum Dollar. Berechnungen der französischen Bank Société Générale zeigen: Wertet der Euro dauerhaft um zehn Prozent auf, schmälert dies das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone im ersten Jahr nach der Aufwertung um 0,5 bis 1,0 Prozent.

Daher kann es nicht verwundern, dass Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), nervös wird. Überzogene Kursschwankungen und ungeordnete Kursbewegungen wirkten sich negativ auf die Wirtschafts- und Finanzstabilität aus, mahnte er vergangene Woche. Ein starker Dollar sei im Interesse der USA. Zugleich ermahnte er China, sich an die im Juni zugesagte Reform der Währungspolitik zu halten, die eine allmähliche Aufwertung des Yuan vorsieht.

Trichets Sorgen sind berechtigt: Schicken die USA den Dollar auf Talfahrt, indem sie die Notenpresse anwerfen, und stemmen sich andere Länder gegen den Aufwertungsdruck, entlädt dieser sich voll auf den Euro. Die Société-Générale-Ökonomen halten es daher für möglich, dass der Euro gegenüber anderen Währungen demnächst um rund 20 Prozent aufwertet, sollten diese am Devisenmarkt intervenieren und die EZB darauf verzichten, Euro gegen Dollar auf den Markt zu werfen. Zum Dollar würde der Euro dann auf 1,65 steigen – ein Horrorszenario für die exportlastige deutsche Wirtschaft, die sich bisher noch mit dem moderat steigenden Euro arrangieren kann.

Spätestens dann dürfte der Druck auf die EZB wachsen, sich an der internationalen Interventionsparty zu beteiligen – ein Freibrief für Inflation.

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