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Welt.Wirtschaft

Coronakrise: Internationaler Handel macht robuster

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Der „Lehman-Moment“ für viele international vernetzte Produzenten

Die EU hat in der Coronakrise mit Blick auf den Personenverkehr bisher kein gutes Bild abgegeben. Dass schnell die Schlagbäume an den Grenzen fielen, hat der Ausbreitung des Virus kaum Einhalt geboten, dafür aber den Waren- und Personenverkehr massiv beeinträchtigt. Das Vertrauen in die Offenheit des Schengen-Raums hat ein weiteres Mal Schaden genommen. Dieses Vertrauen ist aber wichtig für die wirtschaftliche und soziale Integration der EU und letztlich auch für unseren Wohlstand. Europa sollte über Gesundheitschecks an den Grenzen neu nachdenken, aber bitte an den Schengen-Außengrenzen und nicht innerhalb dieses Raums.

Im Güterhandel sehen sich nun Kritiker bestätigt, die vor einer zu starken Verlagerung von Produktion in andere Länder gewarnt haben. Nun seien etwa wichtige Güter wie Atemschutzmasken oder Medikamente in Deutschland nicht mehr ausreichend verfügbar. Das stimmt zwar, hat aber seine Gründe nicht in der Globalisierung, sondern in falscher Gesundheitspolitik. 

Der Güterhandel macht robuster gegen Krisen, nicht anfälliger. Die Forschung zu den Effekten von Naturkatastrophen zeigt ganz klar: Die internationale Diversifikation der Produktion sorgt dafür, dass bei einer Krise in einer Region andere Regionen einspringen und weiter benötigte Güter liefern. Ganz abgesehen davon: Deutschland hat 2019 Pharmaprodukte und Medizintechnik im Ausmaß von 90 Milliarden Euro exportiert und im Ausmaß von 56 Milliarden Euro importiert. Es ist in diesem Bereich der größte Nettoexporteur der Welt und wäre damit auch der größte Verlierer einer Renationalisierung der Medizinmärkte.

Klar ist: Damit Lieferketten robust sein können, müssen die Lieferketten diversifiziert sein. Die Krise zeigt, von einem einzigen Lieferanten oder einem einzigen anderen Land abhängig zu sein, macht verletzlich. Insofern ist die Coronakrise der „Lehman-Moment“ für viele international vernetzte Produzenten: Vertrauen in das Funktionieren der internationalen Lieferketten ist erschüttert, bisherige Gewissheiten gelten nicht mehr. Nach der Lehman-Krise haben Unternehmen ihre Abhängigkeit von Banken und Kreditmärkten reduziert; jetzt werden sie, ganz aus eigenem Antrieb, ihre Lieferketten überdenken, um sie robuster zu machen; nicht zwingend kürzer oder deutscher. Sie werden seltener auf einen einzigen Lieferanten setzen, sie werden größere Lager halten, und sie werden noch mehr in die Digitalisierung der Logistik investieren. Handelspolitische Vorschriften durch den Staat brauchen sie dafür nicht.

Die Krise verstärkt eine Tendenz, die es ohnehin schon gab: Produktionsnetzwerke stärker an den großen Absatzmärkten auszurichten. Dazu hat unter anderem ein wieder um sich greifender Protektionismus beigetragen – allen voran von Seiten der USA – der es für Unternehmen sinnvoll macht, möglichst in den großen Absatzmärkten zu produzieren. Digitalisierung und Robotisierung erleichtern die Produktion an mehreren Standorten.

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    Wie kontraproduktiv ein Ausbremsen der Globalisierung in Krisen wie der gegenwärtigen sein kann, zeigt sich gerade an den medizinischen Produkten. Handelsbeschränkungen wie Ausfuhrverbote und entsprechende Gegenmaßnahmen führen dazu, dass die Produkte nicht mehr dort produziert werden, wo es am effizientesten und damit auch am schnellsten möglich ist. Es kommt zu Verwerfungen, Schwarzmärkten und Mondpreisen in den Absatzmärkten. Zölle und Handelsbarrieren auf medizinische Produkte sind absolut kontraproduktiv, sie kosten potenziell Menschenleben. Wir sehen das derzeit auch im Iran, der mit einer hohen Covid19-Verbreitung eine Tragödie erlebt, die noch weit über jene in den europäischen Staaten hinausgeht. Das Embargo gegen den Iran sollte aus humanitären Gründen gelockert werden.

    Die Coronakrise ist ein Schock für die Globalisierung, voraussichtlich ein in mancherlei Hinsicht heilsamer. Es darf jetzt nicht darum gehen, die Globalisierung zurückzufahren, sondern es gilt, ihre Kräfte zu nutzen, um unser globales Wirtschaftssystem widerstandsfähiger zu machen.

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    „Welt.Wirtschaft“: Die neue Kolumne der WirtschaftsWoche
    Das Volkswirte-Team der WirtschaftsWoche hat zusammen mit Gabriel Felbermayr eine neue Kolumne konzipiert. Die „Welt.Wirtschaft“ erscheint künftig zu Monatsbeginn exklusiv auf der WiWo-Website. In seinen Beiträgen wird sich Felbermayr, einer der renommiertesten Ökonomen des Landes, vor allem mit Fragen der globalen Wirtschaftspolitik und der ökonomischen Integration Europas beschäftigen. Alle künftigen Folgen finden Sie unter wiwo.de/themen/welt-wirtschaft.

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