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Weltbiodiversitätsrat Ökologischer Schrecken in ökonomischen Zahlen

Weltbiodiversitätsrat wird bald Dokument zur Artenvielfalt vorlegen Quelle: imago images

Zerstörte Landschaften, aussterbende Arten, Wassermangel. Ein globales Konsortium von Forschern wird bald der Weltwirtschaft die ökologische Gesamtkostenabrechnung vorlegen. Schon jetzt ist klar, dass sie horrend ausfällt.

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Der Schrecken wird groß sein. Das kann man schon mit Sicherheit vorhersagen. Am 6. Mai 2016 wird ein Gremium von rund 500 Wissenschaftlern aus etwa 50 Ländern in Paris der Weltöffentlichkeit und vor allem Regierungsvertretern aus 132 Staaten ein Dokument von rund 8000 Seiten offenbaren. Es wird die nächste große Warnung vor der Zerstörung der Natur durch menschliche, ökonomische Aktivitäten sein.

Diesmal wird es nicht um den Klimawandel gehen, sondern um die Abnahme der biologischen Vielfalt und die Zerstörung des Ökosystems als solches. Die Autorschaft des Alarmrufes liegt bei dem seit 2012 unter dem Dach der Vereinten Nationen existierenden Biodiversitätsrat – mit vollem Namen: „Intergovernmental Science-Policy Platform On Biodiversity and Ecosystem Services“ (IPBES), einem Netzwerk vergleichbar dem Weltklimarat IPCC.

Der Bericht des IPBES erfasst global zum Beispiel die Abholzung von Wäldern, die Überfischung von Gewässern, den Rückgang und das Aussterben von Arten, aber auch unzählige Rückwirkungen auf die Lebenswirklichkeit von Menschen. Man müsste die Ergebnisse schockierend nennen, wenn man nicht wüsste, dass ökologische Schreckensmeldungen und Alarmrufe längst zur medialen Normalität geworden sind. „Die politische Aufmerksamkeit auf hoher Ebene für die Umwelt wurde weitgehend auf den Klimawandel ausgerichtet, da die Energiepolitik für das Wirtschaftswachstum von zentraler Bedeutung ist, aber die Entwicklung der Biodiversität ist für die Zukunft der Erde genauso bedeutend wie der Klimawandel“, sagte der Vorsitzende des IPBES, der britische Umweltforscher Robert Watson, der amerikanischen Online-Zeitung HuffPost.

Die Kernaussagen des Berichts, der in Teilen schon vorliegt, sind nicht neu, sondern seit Jahrzehnten fast unbestritten, werden aber erneut wissenschaftlich untermauert:

  • Die Menschheit verbraucht durch wirtschaftliche Aktivitäten natürliche Ressourcen viel zu schnell und intensiv, als dass sie regeneriert werden können. Die Fähigkeit des Ökosystems zur Selbsterneuerung wird völlig überfordert.

  • Zehntausende Pflanzen- und Tierarten sind durch den Menschen bereits ausgestorben oder existentiell bedroht.

  • Die Natur gerät auch als Lebensgrundlage für den Menschen, also als Lieferant für Nahrung und Trinkwasser an die Grenze der Leistungsfähigkeit. Und zwar in allen Erdregionen.

Einen zentralen Teil des Berichts, nämlich Ergebnisse zum Zustand der biologischen Vielfalt in vier Weltregionen – Nord- und Südamerika, Asien-Pazifik, Afrika, Europa und Zentralasien – legte der IPBES schon vor einem Jahr vor. Hauptursache für den Rückgang der Biodiversität in Europa ist demnach neben dem Landschaftsverbrauch die zunehmende Intensität der konventionellen Land- und Forstwirtschaft. Ein Anliegen prägt die meisten Veröffentlichungen des Biodiversitätsrates: Es ist das Problem der externalisierten Kosten der Umweltzerstörung, nicht zuletzt durch die industrialisierte Landwirtschaft. Diese Kosten der ökologischen Zerstörungen sind in aller Regel nicht im Preis der Lebensmittel berücksichtigt. Die Steigerung der Erträge in der Landwirtschaft gehe, so der IPBES auf Kosten anderer „Leistungen“ der Natur. Zum Beispiel die Bestäubung von Blütenpflanzen und die natürliche Regeneration der Böden.

In der Europäischen Union weisen laut IPBES daher 27 Prozent der untersuchten Arten und 66 Prozent der Lebensraumtypen einen „ungünstigen Erhaltungszustand“ auf. Bei 42 Prozent der bekannten terrestrischen Tier- und Pflanzenarten ist im vergangenen Jahrzehnt die Populationsgröße messbar zurückgegangen. Einige Arten, gerade solche, die nicht besonders beliebt sind und die daher auch von der Umweltschutzpolitik eher übersehen werden, sind in besonders dramatischer Weise betroffen: Über 70 Prozent der in Binnengewässern lebenden Tierpopulationen und 61 Prozent der Amphibienarten (Frösche, Kröten und so weiter) in Europa schrumpfen.

In einer aktuellen Veröffentlichung des IPBES zu Afrika wird auch auf den zentralen Zusammenhang zwischen Wachstum der menschlichen Bevölkerung – man erwartet eine Verdopplung in Afrika auf 2,5 Milliarden Menschen bis 2050 – und ökologischer Gefahren hingewiesen. Schon jetzt ist rund ein Fünftel der Fläche Afrikas durch Bodenerosion, Vegetationsverlust und Umweltverschmutzung geschädigt. Dieser Anteil dürfte sich angesichts der extrem schnellen Bevölkerungsvermehrung stark erhöhen.

Die Ironie der Arbeit des IPBES wie auch schon früherer global-ökologischer Studien – etwa die TEEB-Initiative (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) von Pavan Sukhdev von 2010 oder die Klimawandel-Studie von Nicolas Stern 2007 – liegt in der Methode: Die Forscher betreiben Ökologie als Ökonomie. Sie klagen Schäden durch die Ökonomie an, indem sie ökonomische Rechnungen aufmachen, also biologische Arten und Ökosysteme in Geldwerte umrechnen. Aus der Zerstörung von Natur durch Wirtschaft werden so virtuelle Kosten konstruiert, die den Verursachern dann in Rechnung gestellt werden können.

Der Flächenverlust von Wäldern, Weideland und Feuchtgebieten, so liest man beim IPBES, sei auf rund zehn Prozent des jährlichen, globalen Bruttoinlandsprodukts zu beziffern. Offensichtlich gehen Wissenschaftler heute davon aus, dass ökologische Alarmrufe nur dann noch bei Politikern für Schrecken und Reaktionen sorgen, wenn sie in Dollar und Euro in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auftauchen.

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