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Weltwirtschaft Am Sparen führt kein Weg vorbei

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Ende des Höhenflugs

Bleiben die Leitzinsen in den Industrieländern niedrig, dürften auch die Schwellenländer, die ihre Währungen an Dollar, Euro und Pfund gebunden haben, länger auf dem geldpolitischen Gaspedal bleiben. „Die niedrigen Zinsen kurbeln die Binnenkonjunktur in den Schwellenländern an, was sich positiv auf die Exporte der Industrieländern auswirkt“, sagt Morgan-Stanley-Chefökonom Fels.

Davon profitiert vor allem die deutsche Wirtschaft. Nach Umfragen des Münchner ifo Instituts verharrten die Exporterwartungen der deutschen Unternehmen im Mai auf hohem Niveau, wozu auch der schwache Euro-Wechselkurs beigetragen hat. Wegen des guten Auslandsgeschäfts wollen Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zufolge erstmals seit zwei Jahren wieder mehr Betriebe Arbeitsplätze schaffen als abbauen. Das dürfte auch dem Konsum auf die Beine helfen. „Deutschland wird dieses Jahr zur Konjunkturlokomotive für Euro-Land“, urteilt ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen.

Sind also all die Sorgen vor einer neuen Rezession bloße Hysterie? Nicht unbedingt. „Der Double-dip ist zwar nur ein Risikoszenario, aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht gleich null“, sagt Carstensen. Die größte Gefahr geht derzeit vom Finanzmarkt aus. „Die Bankenkrise in Spanien hängt wie ein Damoklesschwert über den Wachstumsaussichten Europas“, sagt Global-Insight-Ökonom Archer.

Gefahr durch neue Bankenkrise

Vor allem kleine und mittlere Banken sowie die Sparkassen in Spanien leiden unter den Folgen der geplatzten Blase am Immobilienmarkt. Bauträger haben Konkurs angemeldet, Hauskäufer ihren Arbeitsplatz verloren. So bleiben die Banken auf ihren Außenständen sitzen. Beobachter fürchten, milliardenschwere Abschreibungen könnten die Finanzinstitute in die Insolvenz treiben. Das hat das Vertrauen der Banken untereinander schwinden lassen. Die Bereitschaft, sich gegenseitig Kredite zu gewähren, ist kaum noch vorhanden. Erinnerungen an die Situation nach der Lehman-Pleite werden wach. „Die Risiken für einen konjunkturellen Rückschlag sind mit der Vertrauenskrise im Euro-Raum deutlich gestiegen“, warnen die Ökonomen des IfW in ihrem aktuellen Konjunkturbericht.

Doch anders als vor der Lehman-Pleite sind Regierungen, Zentralbanken und das Finanzsystem diesmal besser vorbereitet. So stellt die EZB den Banken unbegrenzt Zentralbankgeld zur Verfügung, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. Die spanischen Banken machen davon verstärkt Gebrauch. Im Mai nahmen sie 85,6 Milliarden Euro Kredite bei der EZB auf, 26 Prozent mehr als im Vorjahr.

Psychologischer Rettungsanker

Droht einer spanischen Bank die Insolvenz, kann sie auf den Rettungsfonds der Regierung für den Finanzsektor zurückgreifen, der mit immerhin 99 Milliarden Euro ausgestattet ist. Sollte das Geld nicht reichen, kann Spanien auf den Rettungsschirm von 750 Milliarden Euro zurückgreifen, den die EU und der Internationale Währungsfonds Ländern aufgespannt haben, die in Not geraten.

Zwar würde ein solcher Monster-Bail-out den Weg der Währungsunion in die Transfer- und Schuldenunion beschleunigen. Doch er dürfte einen zweiten Schock für die Weltwirtschaft à la Lehman mit anschließendem Absturz in die Rezession verhindern. Experten bezweifeln zudem, dass der Fonds jemals in Anspruch genommen wird. Dirk Schumacher, Ökonom der US-Bank Goldman Sachs, sieht ihn in erster Linie als einen psychologischen Rettungsanker für die Wirtschaft. „Allein die Existenz des Rettungsschirms wird die Märkte wieder beruhigen“, ist er sich sicher. Einen Einbruch der Konjunktur fürchtet Schumacher daher nicht.

Für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wäre das eine gute Nachricht. Denn läuft die Wirtschaft rund, sprudeln auch die Steuerquellen wieder kräftiger. So könnte nach all den Sparaktionen am Ende des Tages doch noch Geld übrig sein, um die Steuern zu senken – falls nicht doch eine Euro-Bürgschaft fällig wird.

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