Weltwirtschaft Den Schwellenländern geht die Puste aus

China, Brasilien, Russland und Indien waren lange Zeit die Shootingstars der Weltwirtschaft. Doch nun schwächeln die erfolgsverwöhnten Schwellenländer. Das hat auch Folgen für Deutschland.

Diese Volkswirtschaften hinken hinterher
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Von Malte Fischer, Philipp Mattheis, Alexander Busch, Florian Willershausen und Jürgen Klöckner

Plötzlich ist sie wieder da, die südamerikanische Lebensfreude. Beim umjubelten Besuch von Papst Franziskus zeigten die Brasilianer in der vergangenen Woche, wie begeisterungsfähig sie sind. Für viele war der Besuch des Oberhaupts der katholischen Kirche ein willkommener Ausbruch aus dem tristen Alltag. Denn der ist seit geraumer Zeit von einer schwächelnden Wirtschaft, hoher Inflation, steigender Arbeitslosigkeit und lautstarken Protesten gegen kleptokratische Politiker geprägt.

Nicht nur in Brasilien, auch in China, Indien und Russland stehen die Zeichen auf Abschwung. Rund zehn Jahre nachdem die US-Bank Goldman Sachs aus den Anfangsbuchstaben von Brasilien, Russland, Indien und China das Kürzel BRIC bastelte und diesen Ländern eine glanzvolle Zukunft prophezeite, scheint der Traum vom ewigen Wachstum ausgeträumt. Der Weltwirtschaft und der exportorientierten deutschen Wirtschaft, die auf die Zugkraft der Schwellenländer setzen, stehen härtere Zeiten bevor.

Papst Franziskus, Fürsprecher der Armen
Der neue Papst Jorge Mario Bergoglio ähnelt in seinem bescheidenen Lebensstil seinem italienischen Namenspatron Franziskus aus dem 13. Jahrhundert, der freiwillig in Armut lebte und einen Bettelorden gründete. Quelle: AP/dpa
Bergoglio ist der 266. Pontifex der Kirchengeschichte, aber der erste Papst aus Lateinamerika und der erste Jesuit auf dem Heiligen Stuhl. Er wurde am 17. Dezember 1936 als Sohn italienischer Einwanderer geboren - dies dürfte eine enge Verbindung zu seiner neuen Heimat im Vatikan schaffen. Quelle: AP/dpa
Nach einer Ausbildung als Chemietechniker entschied er sich für das Priesteramt und wurde 1969 zum Priester geweiht. Schon nach vier Jahren wurde er 1973 zum Provinzial des Jesuitenordens für Argentinien gewählt und leitete dann bis 1979 den Orden in dem lateinamerikanischen Land. Während dieser Zeit begann die Militärdiktatur, in deren Verlauf rund 30.000 Menschen verschleppt und ermordet wurden. In seiner Heimat wurde der Vorwurf erhoben, Bergoglio habe als Jesuiten-Provinzial während der Militärdiktatur Ordensbrüdern nicht ausreichend Rückendeckung gegeben. Quelle: REUTERS
1992 wurde Bergoglio von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof von Buenos Aires ernannt. Sechs Jahre später wurde er Erzbischof des Bistums. Quelle: AP/dpa
Bei der Papst-Wahl 2005 war Bergoglio der Hauptkonkurrent von Joseph Ratzinger, der sich allerdings durchsetzte und als Papst Benedikt XVI. acht Jahre die römisch-katholische Kirche führte. Damals wurde der Argentinier von den moderaten Kardinälen als Gegengewicht zum dogmatischen damaligen Leiter der Glaubenskongregation unterstützt. Quelle: AP/dpa
Von seiner Biografin Francesca Ambrogetti wird der 76-Jährige als Mann des Ausgleichs mit großem Verhandlungsgeschick und einem ausgeprägten sozialen Gewissen beschrieben. Er wurde auch "Kardinal der Armen" genannt. Bergoglio gilt als bescheiden und volksnah. Auch als Kardinal war sich der Argentinier nicht zu schade, den Bus oder die U-Bahn zu nehmen statt einer Limousine. Statt in der erzbischöflichen Residenz wohnte er in einem einfachen Apartment. So entstand etwa im Jahr 2008 dieses Foto des Jesuitenpaters in der U-Bahn in Buenos Aires. Quelle: AP/dpa
Bergoglio begrüßt 2008 Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner. Mit Politikern spricht er Klartext, weshalb seine Beziehungen zur Präsidentin und ihrem verstorben Mann und Vorgänger Nestor Kirchner nicht immer störungsfrei waren. Dass Bergoglio aus seinen konservativen Einstellungen keinen Hehl macht, zeigt eine Episode aus dem Jahr 2010, als er die argentinische Regierung wegen der Legalisierung der Homo-Ehe angriff. "Wir dürfen nicht naiv sein. Das ist kein einfacher politischer Kampf, das ist der Versuch, Gottes Plan zu zerstören", schrieb er in einem Brief wenige Tage vor Verabschiedung des Gesetzes. Kirchner entgegnete damals, dass sie sich an „mittelalterliche Zeiten und die Inquisition“ erinnert fühle. Quelle: REUTERS
Auf einem aktuellen Bild vom 3. März dieses Jahres trinkt der Kardinal das traditionelle Mate-Getränk vor dem Hintergrund eines Graffiti-verschmierten Tores. Es wird erwartet, dass der als medienscheu geltende Bergoglio die Kirche mit harter Hand und einer starken sozialen Ausprägung führen wird. Wie sein deutscher Vorgänger Benedikt XVI. verfolgt auch der neue Papst Franziskus I. einen missionarischen Ansatz. "Er ist absolut in der Lage, die notwendige Erneuerung vorzunehmen, ohne sich kopfüber ins Ungewisse zu stürzen", sagt Biografin Ambrogetti. Quelle: AP/dpa
Bergoglio hält den sozialen Auftrag der Kirche für wichtiger als Schlachten um abgehobene Glaubensdoktrinen, wie langjährige Beobachter hervorheben. In der Vergangenheit bezichtigte er manche Kirchenobere der Heuchelei und erinnerte dabei an das Vorbild Jesu Christi, der Aussätzige gebadet und mit Prostituierten gespeist habe. In den Straßen von Buenos Aires reagierten die Menschen ergriffen auf seine Wahl zum neuen Papst. "Ich hoffe, er macht Schluss mit all dem Luxus im Vatikan und lenkt die Kirche in Richtung mehr Bescheidenheit und näher an die Grundsätze des Glaubens", sagte einer der Feiernden. Quelle: REUTERS
Als Bergoglio am Mittwochabend erstmals als Papst auf den Balkon des Petersdoms trat, winkte er eher schüchtern der begeisterten Menge zu. Er bat die Gläubigen, für ihn selbst und seinen Vorgänger Benedikt zu beten. Verwundert sagte er, die Kardinäle hätten offenbar „am Ende der Welt“ nach einem neuen Pontifex gesucht. Quelle: AP/dpa

Dabei hatten die BRIC-Staaten die hochgesteckten Erwartungen jahrelang durchaus erfüllt. Ihre Volkswirtschaften wuchsen teilweise mit zweistelligen Raten. Investoren, die ihr Geld dort anlegten, haben prächtig verdient – und mit ihnen die Fondsmanager der Banken.

Lag der BRIC-Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung, um Kaufkraftunterschiede bereinigt, zu Beginn des Jahrtausends noch bei rund 16 Prozent, so sind es mittlerweile mehr als 26 Prozent. Das ist vor allem China zu verdanken. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat ihren Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung seit dem Jahr 2000 von 7 auf knapp 16 Prozent erhöht. Wachstumsraten von über zehn Prozent fachten den Rohstoffhunger des Riesenreiches mächtig an. Das bescherte Brasilien und Russland, den Rohstofflieferanten unter den BRIC-Staaten, Exportrekorde und hohe Wachstumsraten. Auch die deutschen Unternehmen, die auf die Herstellung von Maschinen, Anlagen und Autos fokussiert sind, profitierten vom Superwachstum in China. Es half ihnen, die Durststrecke durch den Einbruch der Wirtschaft in Europa und den USA nach der Lehman-Pleite zu überwinden.

Die BRIC-Staaten schwächeln

Nun aber droht das Wachstumswunder der BRIC zu Ende zu gehen. Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im zweiten Quartal dieses Jahres nur noch um 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. In Brasilien ist die Wirtschaft im vergangenen Jahr nur um 0,9 Prozent gewachsen, 2013 dürften es allenfalls 2,5 Prozent werden, schätzen die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Das ist nur noch ein Drittel des Wachstumstempos aus dem Jahr 2010. Indiens Wachstum dürfte sich gegenüber 2010 halbieren, das Gleiche gilt für Russland. „Die länger andauernde Wachstumsverlangsamung in den Schwellenländern ist ein neues Risiko für die Weltwirtschaft“, warnt der IWF.

Dass den großen Schwellenländern die Luft ausgeht, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass „die Wachstumsmodelle, die die BRIC-Staaten in den vergangenen Jahren so erfolgreich gemacht haben, nicht mehr funktionieren“, erklärt Joachim Fels, Chefökonom der US-Bank Morgan Stanley. In China gefährden die steigenden Lohnkosten und die Aufwertung der Währung die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Daher versucht die Regierung das bisherige export- und investitionsgetriebene Wachstumsmodell des Landes umzumodeln. Höherwertige Produkte, mehr Dienstleistungen und eine stärkere Binnennachfrage sollen Chinas Wirtschaft den Weg in die Zukunft weisen. Ob das planwirtschaftliche Experiment gelingt, steht in den Sternen. Paul de Grauwe, Ökonom an der London School of Economics, fürchtet, dass sich das Wachstum Chinas mittelfristig auf fünf Prozent abschwächt.

Für die anderen Schwellenländer wäre das eine Zäsur. Schon jetzt spüren Brasilien und Russland die schwächere Nachfrage aus Fernost. Verschärft wird ihre Misere durch den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit – eine Folge der kräftigen Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren. Indiens Wirtschaft leidet noch immer unter einem Übermaß an Bürokratie und einem Mangel an Infrastruktur.

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