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Weltwirtschaft Deutschland hinkt der Schweiz hinterher

Der Standort Deutschland schneidet in internationalen Studien zur Wettbewerbsfähigkeit gut ab. Doch es gibt einiges, was die Bundesrepublik von Ländern wie Schweden oder der Schweiz noch lernen kann. Die WirtschaftsWoche stellt die wichtigsten globalen Rankings vor und sagt, was aus ihnen zu lernen ist.

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Leute mit Einkaufstüten Quelle: dpa

Wettbewerbsfähigkeit I

Früher hatte es Stéphane Garelli leichter. Seit 23 Jahren vergleicht sein Institut die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern – und noch nie waren die Unterschiede so groß wie in diesem Jahr. „Die Weltwirtschaft ist aus dem Tritt geraten“, sagt der Ökonom, der in der vergangenen Woche in Lausanne das neue Jahrbuch für Wettbewerbsfähigkeit des International Institute for Management Development (IMD) vorstellte. Die Forscher untersuchen darin alljährlich den ökonomischen Erfolg, die Effizienz von Regierungen und Unternehmen sowie die Infrastruktur in insgesamt 59 Ländern. Zwei Drittel der erhobenen Daten sind harte Zahlen, zusätzlich befragen die Ökonomen 5000 Führungskräfte aus aller Welt. „Unser Ranking funktioniert wie eine Landkarte, die den Ländern zeigt, wie gut sie ihre Ressourcen in welchen Bereichen einsetzen“, sagt Garelli. Deutschland konnte sich im aktuellen Ranking um einen Platz verbessern und steht jetzt auf Rang neun – auch dank einer guten Krisenpolitik und der jüngsten Tarifabschlüsse. „Die Löhne zu erhöhen, um die Binnennachfrage zu steigern, ist die richtige Entscheidung“, glaubt Garelli. Dank seiner hohen Produktivität bleibe Deutschland international weiter konkurrenzfähig.

Deutschland punktet laut IMD-Studie auch durch die Qualität seiner Arbeitskräfte und eine „stabile und vorhersagbare Politik“. Das komplizierte Steuerrecht wirkt sich dagegen nachteilig auf das Ergebnis aus. Zudem monieren die Schweizer Forscher die hohen Schulden von Ländern und Gemeinden in Deutschland.

Wettbewerbsfähigkeit (I)
World Competitiveness Yearbook
Quelle: IMD
1.

 

Hong Kong

2.USA
3.Schweiz
4.Singapur
5.Schweden
6.Kanada
7.Taiwan
8.Norwegen
9.Deutschland
10.Katar
11.Niederlande
12.Luxemburg
13.Dänemark
14.Malaysia
15.Australien
16.Vereinte Arabische Emirate
17.Finnland
18.Großbritannien
19.Israel
20.Irland
21.Österreich
22.Südkorea
23.China
24.Neuseeland
25.Belgien
...
LetzterVenezuela
Stand: Mai 2012

Pluspunkte für die Infrastruktur

Schienennetz Quelle: dapd

Wettbewerbsfähigkeit II

Auch das World Economic Forum (WEF) in Genf vergleicht die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten. In den „Global Competitiveness Index“ fließen 100 Faktoren ein – von der Steuerquote über die Verfügbarkeit von leistungsfähigen Internet-Anschlüssen bis zur Anzahl an Malaria-Infektionen. Die Daten werden durch Einschätzungen von Experten ergänzt. Hier schneidet Deutschland deutlich besser als im IMD-Ranking ab und schafft es immerhin auf den sechsten Rang.

Besonders die gute Infrastruktur und der hohe Entwicklungsstand der Wirtschaft bescheren Pluspunkte. Problematisch beurteilen die Experten dagegen das restriktive deutsche Arbeitsrecht, das Unternehmer zu sehr in ihrer Flexibilität einschränke. Auch das WEF kritisiert die undurchschaubare deutsche Steuergesetzgebung, weil dies die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft hemme.

Wettbewerbsfähigkeit (II)
Global Competitiveness Index
Quelle: WEF
1.Schweiz
2.Singapur
3.Schweden
4.Finnland
5.USA
6.Deutschland
7.Niederlande
8.Dänemark
9.Japan
10.Großbritannien
11.Hongkong
12.Kanada
13.Taiwan
14.Katar
15.Belgien
16.Norwegen
17.Saudi-Arabien
18.Frankreich
19.Österreich
20.Australien
21.Malaysia
22.Israel
23.Luxemburg
24.Südkorea
25.Neuseeland
... 
Letzter142. Tschad
Stand: September 2011

Reform des Gesundheitssystems ist nötig

Solar Quelle: dapd

Reformfähigkeit

Wie zukunftsfähig ist Deutschland? Im Vergleich mit anderen Industrienationen erreicht die Bundesrepublik im „Sustainable Governance Indicator“ der Bertelsmann-Stiftung den achten Platz. Für ihren jährlichen Bericht messen die Wissenschaftler die Reformfähigkeit und den Reformbedarf von 31 OECD-Staaten. Dazu werden quantitative Indikatoren mit den Einschätzungen von Experten aus den jeweiligen Ländern kombiniert. Vor allem die starke Wirtschaftsleistung sichert Deutschland ein gutes Ergebnis.

Auch die vorbildliche Umwelt- und Klimapolitik wird von den Experten gelobt. Dass die deutsche Regierung dringend nötige Reformen des Gesundheitssystems seit mehreren Legislaturperioden aufschiebt, fällt dagegen negativ ins Gewicht. Auch das wachsende soziale Ungleichgewicht in Deutschland sehen die Forscher als Standortnachteil.

Reformfähigkeit
Sustainable Governance Indicators
Quelle: Bertelsmann-Stiftung
1.Schweden 
2.Norwegen
3.Finnland
4.Neuseeland 
5.Dänemark
6.Schweiz
7.Kanada
8.Deutschland
9.Österreich
10.Island
11.Niederlande
12.Luxemburg
13.USA
14.Irland
15.Großbritannien
16.Belgien
17.Österreich
18.Tschechien
19.Frankreich
20.Portugal
21.Japan
22.Chile
23.Spanien
24.Polen
25.Ungarn
... 
Letzter31. Türkei
Stand: Dezember 2011

Wie viele Patente werden angemeldet?

Forscherinnen Quelle: dpa

Innovationskraft

Seit 2007 untersucht die französische Business School Insead die Innovationsfähigkeit von 125 Nationen. In ihrem „Global Innovation Index“ betrachten die Forscher sowohl die Voraussetzungen für Innovationen (etwa die Qualität des Bildungssystems) als auch den kreativen Output der Länder: Wie viele Startups werden gegründet? Wie viele Patente werden angemeldet? Besonders hier kann Deutschland punkten, denn nirgendwo sonst werden mehr Erfindungen registriert als hierzulande. Bei den Rahmenbedingungen für Innovation schneidet das Land dagegen deutlich schlechter ab – und landet auf dem 21. Rang.

Insgesamt sehen die Insead-Experten das Geschäftsumfeld in Deutschland durchaus kritisch: Das liegt vor allem am rigiden Arbeitsrecht, das die Unternehmensführung erschwere – hier steht Deutschland auf dem 100. Platz. Auch dass Firmengründungen überdurchschnittlich lange dauern und dazu auch noch kostspielig sind, hemme die Innovationsfähigkeit.

Innovationskraft
Global Innovation Index
Quelle: Insead
1.Schweiz 
2.Schweden
3.Singapur 
4.Hongkong 
5.Finnland
6.Dänemark
7.USA
8.Kanada
9.Niederlande
10.Großbritannien
11.Island
12.Deutschland
13.Irland
14.Israel
15.Neuseeland
16.Südkorea
17.Luxemburg
18.Norwegen
19.Österreich
20.Japan
21.Australien
22.Frankreich
23.Estland
24.Belgien
25.Ungarn
...
Letzter125. Algerien
Stand: Juni 2011

Wenig Handel mit Dienstleistungen

Autobahn Quelle: AP

Vernetzung

Der Logistikanbieter DHL hat den Globalisierungsgrad von 125 Ländern untersucht. Dabei geht es um zentrale Handelsgrößen (Wie viele Waren und Menschen überqueren die Grenze?), aber auch um weiche Faktoren, etwa die Frage, wie lange die Einwohner eines Landes mit dem Ausland telefonieren. Die Bundesrepublik schafft es als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt im „Global Connectedness Index“ lediglich auf den 13. Platz: Personen und Internet-Daten können die deutschen Grenzen problemlos überqueren.

Und bei der Qualität der Infrastruktur ist Deutschland sogar auf dem ersten Platz. Beim Handel mit Dienstleistungen schneidet der einstige Exportweltmeister dagegen nicht gut ab: Sie tragen lediglich zu sieben Prozent des des Bruttoinlandsproduktes bei – das reicht nur für Rang 64. Die Untersuchung kommt insgesamt zu dem Schluss, dass die Globalisierung längst nicht so weit fortgeschritten ist, wie die meisten Menschen denken.

Vernetzung
Global Connectedness Index
Quelle: DHL
1.Niederlande
2.Singapur
3.Irland
4.Schweiz 
5.Luxemburg 
6.Großbritannien
7.Schweden
8.Belgien
9.Hongkong
10.Malta
11.Dänemark
12.Frankreich
13.Deutschland
14.Österreich
15.Norwegen
16.Israel
17.Malaysia
18.Finnland
19.Ungarn
20.Südkorea
21.Vietnam
22.Vereinigte Arabische Emirate
23.Thailand
24.Tschechien
25.USA
...
Letzter125. Nepal
Stand: Oktober 2011

Nachholbedarf bei der Korruptionsbekämpfung

Eine Hand übergibt einen 500-Euro-Schein in eine andere Hand Quelle: dpa

Korruption

Der jährlich erstellte „Corruption Perception Index“ der Nichtregierungsorganisation Transparency International zeigt, dass Bestechung in vielen Ländern eher die Regel als die Ausnahme darstellt. Weil sie fast immer im Verborgenen stattfindet, versucht der Index, die „wahrgenommene Korruption“ zu erfassen. So werden Bürger beispielsweise gefragt, für wie wahrscheinlich sie es halten, dass sich Beamte mit Geldgeschenken bestechen lassen oder ob bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen Schmiergeldzahlungen üblich sind.

Transparency International erhebt die Daten nicht selbst, sondern kombiniert verschiedene Indizes, in denen die wahrgenommene Korruption zum Ausdruck kommt. Deshalb lassen sich die Ergebnisse des Korruptionsrankings nicht mit vergangenen Jahren vergleichen. In der aktuellen Studie teilt sich Deutschland mit Japan den 14. Platz – hinter Hongkong und Island.

Korruption
Corruption Perception Index
Quelle: Transparency International
1.Neuseeland
2.Dänemark
3.Finnland
4.Schweden
5.Singapur
6.Norwegen
7.Niederlande
8.Australien
9.Schweiz
10.Kanada
11.Luxemburg
12.Hongkong
13.Island
14.Deutschland
15.Japan
16.Österreich
17.Barbados
18.Großbritannien
19.Belgien
20.Irland
21.Bahamas
22.Chile
23.Katar
24.USA
25.Frankreich
...
Letzter182. Somalia / Nordkorea
Stand: Dezember 2011; kein Vergleich zum Vorjahr möglich

Haftungsrecht ist zu lax

In Deutschland dauert eine Unternehmensgründung länger als im OECD-Durchschnitt. Dafür ist Deutschland gut, wenn es um Vertragssicherheit geht Quelle: rdnzl - Fotolia

Existenzgründung

Wie einfach lassen sich Unternehmen gründen und betreiben? In ihrem „Doing Business Index“ spielt die Weltbank in 183 Ländern den Aufbau eines Kleinunternehmens durch, um der Antwort auf die Spur zu kommen. Ergebnis: Deutschland ist spitze, wenn es um die Vertragssicherheit geht. Doch beim Schutz von Investoren landet Deutschland nur auf dem 97. Platz.

Aus Sicht der Experten ist das Haftungsrecht zu lax: Für Aktionäre sei es beispielsweise relativ schwer, vor Gericht gegen ein Missmanagement des Vorstandes vorzugehen. Zudem dauert eine Firmengründung in Deutschland im Schnitt 15 Tage – drei Tage länger als im Schnitt der OECD-Staaten. Selbst in Malaysia und Thailand lassen sich schneller Unternehmen aufbauen.

Existenzgründung
Doing Business Index
Quelle: Weltbank
1.Singapur
2.Honkong
3.Neuseeland
4.USA
5.Dänemark
6.Norwegen
7.Großbritannien
8.Südkorea
9.Island
10.Irland
11.Finnland
12.Saudi-Arabien
13.Kanada
14.Schweden
15.Australien
16.Georgien
17.Thailand
18.Malaysia
19.Deutschland
20.Japan
21.Lettland
22.Mazedonien
23.Maurizius
24.Estland
25.Taiwan
...
Letzter183. Tschad
Stand: Oktober 2011

Hohe Schulden werden beklagt

Jemand tippt auf einem Taschenrechner Quelle: dpa

Ökonomische Freiheit

Die amerikanische Heritage Foundation vergleicht im „Index of Economic Freedom“ die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in 184 Ländern. Dabei legt der US-Thinktank besonderen Wert auf Rechtsstaatlichkeit, schlanke Verwaltung, regulatorische Effektivität und offene Märkte. Deutschland schneidet dabei nur mittelmäßig ab. Bei Rechtsstaatlichkeit und Effizienz können wir zwar punkten, doch die hohe Steuerlast und die hohe Staatsquote sorgen dafür, dass Deutschland insgesamt nur auf Platz 26 landet.

Eine vergleichbare Studie wie die Heritage Foundation erstellt das kanadische Fraser-Institut. Das Urteil für Deutschland im „Economic Freedom of the World Index“ ist ähnlich: Deutschland landet auf Platz 21. Negativ bewerten die Forscher vor allem die hohen Staatsausgaben – hier belegt Deutschland den 132. Platz – und die relativ hohen Schulden.

Ökonomische Freiheit
Index of Economic Freedom
Quelle: Heritage Foundation
1.Hongkong
2.Singapur
3.Australien
4.Neuseeland
5.Schweiz
6.Kanada
7.Chile
8.Mauritius
9.Irland
10.USA
11.Dänemark
12.Bahrain
13.Luxemburg
14.Großbritannien
15.Niederlande
16.Estland
17.Finnland
18.Taiwan
19.Macau
20.Zypern
21.Schweden
22.Japan
23.Litauen
24.Santa Lucia
25.Katar
26.Deutschland
Letzter179. Nordkorea
Stand: Januar 2012
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