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Weltwirtschaft Türkei stellt sich auf Konjunktur-Absturz ein

Lange glaubten sich die konjunkturverwöhnten Türken sicher vor den Folgen der Euro-Krise. Doch nun erreicht die Flaute auch den Bosporus. Manche Experten erwarten einen schweren Absturz.

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Schon bald wird der Wind in der türkischen Wirtschaft nachlassen. Quelle: ap

Athen Mit einem Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent lag die Türkei im vergangenen Jahr mit China an der Weltspitze. Aber 2012 wird sich die Konjunktur merklich abkühlen. Während die Regierung einen sanften Abschwung erwartet, fürchten manche Analysten eine harte Landung.

Noch zum Jahreswechsel gab sich Wirtschaftsminister Ali Babacan euphorisch: Vom 17. Platz in der Rangfolge der weltgrößten Wirtschaftsnationen werde sich die Türkei bis 2023 unter die ersten Zehn vorarbeiten. „Wir werden unsere Konkurrenten einen nach dem anderen übertreffen", verkündete Babacan. Für die von Schuldensorgen und Stagnation gebeutelten Europäer hatte Babacan nur Mitleid übrig: Wenn türkische Politiker am Steuer der EU säßen, „wären die Probleme in drei Monaten gelöst“.

Doch die Euro-Krise kann die Türkei nicht kalt lassen. Dazu ist die Wirtschaft des Landes, das seit 1996 zur Zollunion gehört, zu eng mit der EU verzahnt. Dort setzen die türkischen Exporteure fast die Hälfte ihrer Ausfuhren ab. Nicht nur ein Rückgang der Nachfrage in den EU-Staaten trifft die Türkei. Sie ist auch in besonderem Maße auf Kapitalzuflüsse aus dem Euro-Raum angewiesen. Das starke Wachstum der vergangenen Jahre hat die Türkei, die unter einer chronisch niedrigen Sparquote leidet, vor allem mit externen Kapitalzuflüssen finanziert. Dazu zählten Risikokapital, das in türkische Wertpapiere und Immobilien floss ebenso wie ausländische Direktinvestitionen.

Der Boom am Bosporus zog vor allem viele deutsche Unternehmen an. Die Zahl der Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung stieg seit 2010 von 4315 auf über 4600. Die Kapitalzuflüsse dürften allerdings angesichts der Schuldenkrise und des abgeschwächten Wachstums in der EU in diesem Jahr merklich zurückgehen.

Für die Türkei beschwört das umso größere Risiken herauf, da die Konjunktur in den vergangenen Quartalen zunehmende Anzeichen einer Überhitzung zeigte. Ein Alarmsignal ist nicht nur der Anstieg des Leistungsbilanzdefizits, das sich der Marke von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nähert. Auch die Inflation lag im Dezember mit 10,4 Prozent fast doppelt so hoch, wie von der türkischen Zentralbank mit einer Zielmarke von 5,5 Prozent vorgegeben.


Schon vergangenes Jahr warnten Volkswirte vor Überhitzung

Diese Ungleichgewichte sind das Ergebnis einer ganz auf Wachstum fixierten Geldpolitik. So hatte die Zentralbank noch im August vergangenen Jahres, als viele Volkswirte bereits vor der drohenden Überhitzung warnten, den Leitzins um 50 Basispunkte auf 5,75 Prozent gesenkt und damit das Kreditwachstum weiter angeheizt.

Rasche Erholung von der Rezession

Inzwischen mehren sich die Indizien für einen Abschwung. Im November ging die Industrieproduktion um 2,5 Prozent zurück. Zentralbankchef Erdem Basci glaubt dennoch an eine „weiche Landung“. Auch Wirtschaftsminister Babacan gibt sich gelassen: Er erwartet für dieses Jahr immerhin noch ein Wachstum von vier Prozent. Der Internationale Währungsfonds rechnet dagegen nur noch mit zwei Prozent Plus.

Nach Einschätzung mancher Volkswirte könnte es jedoch schlimmer kommen. Das Istanbuler Brokerhaus Oyak Securities erwartet einen Rückgang des BIP um zwei Prozent oder mehr. „Nach unserer Ansicht ist eine weiche Landung nicht sehr wahrscheinlich“, schreiben die Oyak-Ökonomen.

Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen allerdings, dass sich die Türkei von Schwächephasen schnell wieder erholt. So brach das BIP im Krisenjahr 2009 zwar um 4,8 Prozent ein, nahm aber schon im vierten Quartal wieder Fahrt auf und legte 2010 um 8,9 Prozent zu.

Auf eine Schuldenkrise wie das benachbarte Griechenland steuert die Türkei jedenfalls mit Sicherheit nicht zu. Das Haushaltsdefizit lag 2011 bei weniger als einem Prozent des BIP, obwohl der Staat umgerechnet rund vier Milliarden Euro mehr als geplant in Infrastrukturprojekte investierte. Die Schuldenquote fällt laut Ratingagentur Moody's auf 40,3 Prozent des BIP zurück – ein Wert, von dem viele EU-Staaten nur träumen können.

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