1. Startseite
  2. Politik
  3. Konjunktur
  4. Wirtschaftskrimi am Bosporus: Investoren fliehen vor dem türkischen Despoten

Wirtschaft im WeitwinkelInvestoren fliehen vor dem türkischen Despoten

Wirtschaftskrimi am Bosporus! Währung, Börse und Wirtschaftswachstum sind auf massiver Talfahrt. Erdoğan & Co müssen einlenken und ihre Wirtschaftspolitik grundlegend ändern. Die Situation wird täglich bedrohlicher.Stefan Bielmeier 22.08.2018 - 07:16 Uhr

Wirtschaftskrimi am Bosporus.

Foto: AP

Es hat einige Zeit gedauert, aber letztendlich hat die ökonomische Realität der Politik und den Entscheidungen von Präsidenten Erdoğan Grenzen aufgezeigt. Auslöser waren am Ende der zunehmende Einfluss der Politik auf die Entscheidungen der türkischen Notenbank und Vetternwirtschaft bei der Regierungsbildung. Das hat das Vertrauen der ausländischen Investoren in den weiteren wirtschaftspolitischen Kurs der Türkei spürbar getrübt und damit letztendlich auch zu der drastischen Abwertung der türkischen Lira geführt. Dabei ist die Türkei sehr auf das Vertrauen der ausländischen Geldgeber angewiesen. Schließlich hat das Land ein hohes Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren.

Viel spricht dafür, dass die Türkei in naher Zukunft Hilfe vom Internationale Währungsfonds (IWF) benötigt, um die eigene Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden. Zusätzlich hat diese Krise natürlich auch noch eine politische Dimension. Die Türkei liegt für Europa in einer zentralen Lage und ein mögliches Machtvakuum kann man sich in dieser Region zurzeit nicht leisten. Entsprechend ist es nicht unwahrscheinlich, dass man hier auf eine europäische Lösung hinarbeitet, auch wenn es zuletzt große Differenzen zwischen der Türkei und vielen europäischen Ländern, allen voran Deutschland gegeben hat.

Die Ansteckungsgefahr für andere Schwellenländer ist gering. Die strukturelle Verfassung ist bei den meisten Schwellenländern ausreichend stabil. Daher waren die Reaktionen an den Aktienmärkten wohl etwas überzogen. Jedoch wird die Zahl der bedeutenden Risiken insgesamt ständig größer, was die Attraktivität von Aktien langsam aber beständig untergräbt.

Dass die Türkische Lira sehr anfällig auf eine Eintrübung des Investorenvertrauens reagiert, liegt nicht zuletzt an der Situation der externen Bilanzen des Landes. Hier muss die Position der Türkei insgesamt als schwach bezeichnet werden. Erstes Argument hierfür ist das chronische Leistungsbilanzdefizit des Landes. Dieses resultiert vor allem aus der Handels- und der Einkommensbilanz, während die Dienstleistungsbilanz (Stichwort Tourismus) regelmäßig einen Überschuss ausweist. Das Minus betrug im letzten Jahr 5,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und wird 2018 auf über sechs Prozent des BIP geschätzt. Das ist ein hoher Wert – auch im Vergleich zu anderen Schwellenländern.

Weitere Kennziffern unterstreichen zusätzlich die schwache Position So führt das strukturelle Leistungsbilanzdefizit gemeinsam mit dem laufenden Schuldendienst zu einem hohen, regelmäßigen externen Finanzierungsbedarf der Türkei. Der IWF taxiert diesen Bedarf für 2018 und die kommenden Jahre auf knapp über 25 Prozent des BIP (also rund 230 Milliarden US-Dollar). Dieser Wert ist für ein Schwellenland vergleichsweise hoch. Gleichzeitig sind die Währungsreserven der Türkei zu niedrig. Diese belaufen sich inklusive Gold auf nur rund 100 Milliarden US-Dollar oder rund zehn Prozent des für 2018 geschätzten BIP. Damit bleibt nur ein bescheidenes Polster im Hinblick auf die Bedienung externer Verbindlichkeiten und für eine mögliche Intervention zugunsten der Lira.

„Wir gegen Amerika!“

Der Propaganda-Erfolg des Recep Tayyip Erdoğan

von Philipp Mattheis

Die Auslandsverschuldung der Türkei ist im Vergleich zu anderen Schwellenländern grundsätzlich nicht zu hoch. Ende 2017 lag diese nur bei rund 54 Prozent des BIP und damit niedriger als bei manchem Ländern Osteuropas. Allerdings ist die Fristigkeitsstruktur unvorteilhaft.

Rund 74 Prozent der Auslandsschulden sind als langfristige Verschuldung deklariert, so dass rund 26 Prozent (122 Milliarden US-Dollar) als kurzfristig – und demnach anfällig gegenüber einem raschen Rückzug der Kreditgeber – zu verbuchen sind. Davon liegen rund 69 Milliarden im Bankensektor und 53 Milliarden im Unternehmensbereich. Die kurzfristige externe Verschuldung des öffentlichen Sektors ist unbedeutend. Der kurzfristigen Auslandsverschuldung steht die Reserveposition von rund 100 Milliarden Dollar gegenüber, so dass die kurzfristigen Auslandsverbindlichkeiten die Devisenreserven übersteigen. Dies ist selbst bei Schwellenländern nicht oft zu finden.

Die Ursachen der aktuellen Lira-Krise sind bekannt. Die jüngsten Maßnahmen vonseiten der Zentralbank und der Bankenregulierung in der Türkei mögen für eine kurzfristige Stabilisierung gut sein.

Ein nachhaltiger Weg aus der Krise heraus wird aber kaum um einen politischen Schwenk der dortigen Staatsführung herumkommen, insbesondere mit Blick auf die Zentralbank und deren Unabhängigkeit. Das Problem hierbei ist, dass Erdoğan & Co. derzeit keine Anstalten machen, diesen Weg gehen zu wollen. Folglich bleibt die Möglichkeit einer erneuten Eskalation der Lage für die nächsten Wochen auf der Agenda. Auch eine Zahlungsbilanzkrise der Türkei kann vor diesem Hintergrund auf absehbare Zeit nicht ausgeschlossen werden.

Frage der Woche

Wie beurteilen Sie die Lage in der Türkei?

Auf politischer Ebene hat die Führung in Ankara einen nicht zu unterschätzenden Trumpf im Ärmel. Die Europäische Union kann sich eine instabile Türkei angesichts der vorherrschenden Flüchtlingsproblematik kaum leisten. Und die Aussicht, einen NATO-Partner in die Arme Russlands oder Chinas zu treiben, dürfte auch Washington einiges an Kopfzerbrechen bereiten. Ein Kompromiss auf internationaler politischer Ebene ist demnach jederzeit möglich und könnte den Grundstein dafür legen, für mehr Ruhe und (wirtschaftliche) Rationalität am Bosporus sowie an den Finanzmärkten zu sorgen.

Anscheinend ist es der Konflikt zwischen zwei machtbewussten Staatschefs um einen Pastor, der die Währungskrise in der Türkei verursacht hat. Doch die diplomatische Auseinandersetzung zwischen US-Präsident Donald Trump und dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan waren nur der Auslöser. Hinter der Krise steckt eine Fehlentwicklung, von der die türkische Wirtschaft schon seit Jahren geprägt ist – und nicht nur sie. Die Lösung der Krise könnte zu einer internationalen Aufgabe werden.

Foto: dpa

Grund 1: Streit um US-Pastor Andrew Brunson
Scheinbar dreht sich alles um den US-Pastor Andrew Brunson, der in der Türkei unter Hausarrest steht und dem bis zu 35 Jahre Gefängnis drohen. Trump fordert die sofortige Freilassung, ließ Sanktionen gegen zwei türkische Minister verhängen und bestehende Strafzölle auf Stahl- und Aluminium-Importe verdoppeln. Die Fronten sind verhärtet. Zuletzt entschied ein türkisches Gericht abermals gegen Brunsons Freilassung. Die Türkei verhalte sich „nicht wie ein Freund“, sagte Trump – und droht mit weiteren Sanktionen.

Foto: AP

Grund 2: Die Niedrigzinsen der Notenbanken
Dass die türkische Wirtschaft aber derart empfindlich auf den Streit mit den USA reagiert, hat tieferliegende Gründe. Im Zuge der jüngsten Finanzkrise hatten führende Notenbanken ihre Zinsen auf Rekordtiefs gesenkt, um die heimische Wirtschaft mit billigen Krediten zu versorgen. Das hat viele Investoren in Schwellenländer gelockt, wo die Zinsen höher waren. Doch inzwischen hat sich der Wind gedreht: Die US-Notenbank Fed hebt ihre Zinsen wieder an und die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte in absehbarer Zeit folgen. Viele Investoren ziehen ihr Geld daher wieder aus Schwellenländern ab. So steht nicht nur in der Türkei die Währung unter Druck, sondern – in geringerem Ausmaß – auch etwa in Argentinien, Südafrika und Indien.

Foto: dpa

Grund 3: Die türkische Handelsbilanz
Der Absturz der Lira ist außerdem ein besonders drastischer Ausdruck jahrelang aufgebauter Fehlentwicklungen in der Türkei. Schon seit mehr als einem Jahrzehnt importiert die Türkei viel mehr Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland als sie exportiert. Das wird auf Pump aus dem Ausland finanziert. Die US-Ratingagentur Fitch schätzt den Finanzierungsbedarf der Türkei allein für dieses Jahr auf 229 Milliarden Dollar. Vor allem die türkischen Unternehmen sind hoch verschuldet; und das zum großen Teil in Fremdwährungen wie Euro oder Dollar. Das macht es den Firmen in der Lira-Krise noch schwerer, ihre Schulden zu begleichen.

Foto: dpa

Grund 4: Die mangelnde Krisenbekämpfung
Die Türkei versucht nun, den Brand zu löschen. Der Industrieminister stellt einen 16-Punkte-Plan zur Unterstützung kleinerer Betriebe vor, der Finanzminister beruhigt Investoren und der Staatschef konsultiert seine Amtskollegen aus Deutschland und Frankreich. Jedoch sind sich die meisten Ökonomen einig, dass vor allem eine Zinsanhebung notwendig wäre, um die Lage in den Griff zu bekommen. Doch Erdogan ist dagegen. Die türkische Notenbank erhöhte zwar indirekt den Zins, indem sie Banken auf einen höheren Leitzins verwies. Laut Fitch kann aber nur eine offizielle Leitzinsanhebung wieder mehr Geld ins Land locken.

Foto: dpa

Debatte um deutsche Hilfen:
SPD-Chefin Andrea Nahles hat mögliche Hilfen aus Deutschland ins Gespräch gebracht. „Es ist in unser aller Interesse, dass die Türkei wirtschaftlich stabil bleibt“, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Doch viele Fürsprecher hat sie nicht. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann sieht keine großen Gefahren für Deutschlands Wirtschaft, die allein von der Lira-Krise ausgehen. Die Türkei mache nur ein Prozent der Weltwirtschaft aus, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Für den deutschen Bankensektor sei das Risiko überschaubar, und auf der Liste der wichtigsten Handelspartner stehe die Türkei nur auf Platz 16.

Foto: dpa

Der ungeliebte IWF:
Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) wird als möglicher Helfer ins Spiel gebracht. „Wenn das Land Notkredite braucht – und darauf deutet vieles hin –, bleibt Erdogan keine andere Wahl, als den IWF um Hilfe zu bitten“, sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, der „Passauer Neuen Presse“. Allerdings dürften sich die USA dagegen stemmen, und Erdogan lehnt IWF-Hilfen bislang ab. Denn die Programme des Fonds sind mit harten Auflagen wie Sparmaßnahmen verbunden, die auch unter Ökonomen umstritten sind. So bleibt der Türkei bislang lediglich eine 15 Milliarden Dollar schwere Investitionshilfe aus Katar - ein Tropfen auf den heißen Stein.

Foto: dpa

Die Rolle der Fed:
Wenn sich in den kommenden Tagen führende Notenbanker der Welt zu ihrem alljährlichen Branchentreffen im US-Örtchen Jackson Hole zusammenfinden, dürften die Schwellenländer eines der großen Gesprächsthemen sein. Eine Korrektur am Zinserhöhungskurs der Fed mit Rücksicht auf die Türkei wird es aber laut Ulrich Leuchtmann, Experte bei der Commerzbank, nicht geben. „Die Fed hat ein nationales Mandat und ist nicht bekannt dafür, sich als Entwicklungshelfer für schwächelnde Schwellenländer zu verstehen.“ Dies gelte zumindest, solange es nicht zu einer breit angelegten Schwellenländerkrise komme, die das US-Finanzsystem belasten würde. Oder anders formuliert: Allen globalen Abhängigkeiten zum Trotz – es herrscht das Eigeninteresse.

Foto: AP

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick