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Wirtschaftsliteratur 20 Lesetipps von deutschen Ökonomen

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„Ein Meisterwerk der politischen Ökonomie!“

Christoph M. Schmidt, Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, empfiehlt „Deaths of Despair and the Future of Capitalism“ von Anne Case und Angus Deaton (Princeton University Press, 2020): „Der Erscheinungstermin dieses Buches im März 2020 hätte nicht besser gewählt sein können: Just in dem Augenblick, an dem die Welt staunend zusieht, wie die Krankenhäuser des reichsten Lands der Welt von der Corona-Pandemie überrollt werden, zeichnen Anne Case und Angus Deaton ein schonungsloses Bild des US-amerikanischen Gesundheits- und Wirtschaftssystems.

Dabei war noch bis vor Kurzem eine weiter wachsende Lebenserwartung als ein unumstößlicher, nahezu alle Volkswirtschaften erfassender Trend. Nobelpreisträger Deaton selbst hatte in seinem 2013 erschienenen Buch „The Great Escape“ dargelegt, zu welch riesigen Schritten weg von bitterer Armut und Hunger der Kapitalismus die Menschheit in den vergangenen etwas mehr als zwei Jahrhunderten befähigt hat. Doch ausgerechnet für die USA weist er in dem Buch auf eine drastische Abweichung von diesem Trend hin: Weiße Amerikaner mit niedriger Ausbildung fallen seit einiger Zeit einer neuen Epidemie zum Opfer, den „Todesfällen aus Verzweiflung“, also Selbsttötungen, Drogenüberdosen und Spätfolgen von Alkoholismus. Dies steht in krassem Gegensatz zu den Entwicklungen in anderen westlichen Volkswirtschaften. Das sollte gerade diejenigen hierzulande aufhorchen lassen, die an der Sozialen Marktwirtschaft zweifeln. Denn Case und Deaton ziehen eine eindeutige Schlussfolgerung: Die US-amerikanische Ausprägung des Kapitalismus ist offenbar korrekturbedürftig, aber als Reaktion auf diese Fehlentwicklungen den Kapitalismus abschaffen zu wollen, wäre töricht.“

Anne Case und Angus Deaton: „Deaths of Despair and the Future of Capitalism“ (Princeton University Press, 2020). Quelle: Presse

Lars Feld, Vorsitzender des Wirtschaftsweisen, empfiehlt „Let the People Rule: How Direct Democracy Can Meet the Populist Challenge“ von John Matsusaka (Princeton University Press, 2020): „Matsusaka ist Ökonom an der University of Southern California in Los Angeles. Er zeigt in diesem Buch auf, welche Probleme sich in einer rein repräsentativen Demokratie ergeben und wie sich diese lösen lassen. In der direkten Demokratie entfernen sich politische Entscheidungen aus unterschiedlichen Gründen von den gewünschten Ergebnissen der Bürger. Das führt dazu, dass populistische Parteien oder Politiker Auftrieb bekommen. Referenden und Volksinitiativen korrigieren die Entscheidungen von Exekutive und Parlament zwar in Richtung der Vorstellungen der Bürger. Allerdings muss man Volksabstimmungen richtig implementieren und nicht als Plebiszite dem Goodwill von Regierung und Parlament überlassen, wann direkt demokratisch entschieden wird. Beachtet man das nicht, kommen Fehlsteuerungen wie beim Brexit zustande. Ein Meisterwerk der politischen Ökonomie!“

John Matsusaka: „Let the People Rule: How Direct Democracy Can Meet the Populist Challenge“ (Princeton University Press, 2020). Quelle: Presse

Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, empfiehlt  „Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt“ von Alois Prinz (Insel Verlag, 2012): „Es spielt keine Rolle, wo man das Buch aufschlägt: Jede Seite ist spannend. Weil Hannah Arendts Leben spannend war und geprägt vom „Denken ohne Geländer.“ Sie hat immer wieder Tabus gebrochen, so zum Beispiel in ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, wo sie die „Banalität des Bösen“ beschreibt und deutlich macht, dass der Holocaust nicht von Monstern, sondern vom Jedermann ausgeführt wurde. Prinz bettet Hannah Arendts Leben ein in die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus Sicht einer Philosophin und Jüdin. Er schafft es, dass ihre ungeheure Lebenskraft, die „Liebe zur Welt“, immer wieder wunderschön zur Geltung kommt, auch und gerade in den schwierigen Zeiten der Flucht vor dem Naziregime in den 30er Jahren. Da geht es um die Liebe zur Freiheit, zur freien Meinungsentfaltung und Vielfalt. Zum Diskurs, der heute in der westlichen Welt manchmal verschwunden zu sein scheint. Das ist sehr inspirierend, gerade in diesen Zeiten, wo die stabile Nachkriegswelt oder Nachwendewelt einzustürzen scheint und Werte wie Liberalismus, Globalisierung und Multilateralismus nicht mehr relevant zu sein scheinen.

Auch in Zeiten des Coronavirus bleibt Hannah Arendts Ausspruch „Freiheit ist kein Geschenkartikel“ hochrelevant. Das Buch ist auch deshalb so empfehlenswert, weil Prinz es schafft, in klarer, reduzierter Sprache die Zeiten, den Menschen Hannah Arendt und komplexe philosophische und historische Hintergründe zu beschreiben und in einen Zusammenhang zu setzen. So ist das Buch gewissermaßen ein Pageturner für Geschichts- und Philosophie-Interessierte, die Heidegger vielleicht nicht unbedingt im Original lesen würden.“

Alois Prinz: „Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt“ (Insel Verlag, 2012). Quelle: Presse

Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Frankfurt empfiehlt „1931: Debt, Crisis, and the Rise of Hitler“ von Tobias Straumann (Oxford University Press, 2019): „Straumann, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, zeigt am Beispiel der Finanzkrise von 1931, welche Folgen ein Zusammenbruch von Banken in einer überschuldeten internationalen Konstellation haben kann. Das reicht vom Staatsbankrott über den Untergang des internationalen Währungssystems bis hin zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft und einer weitreichenden politischen Destabilisierung. Das wird sich so nicht wiederholen, ist aber doch ein gewaltiges Lehrstück, das im Gegensatz zu den meisten aktuellen Geschichten den Vorzug hat, nicht zu spekulieren, sondern sehr genaue Diagnosen zu ermöglichen, vor allem, die Handlungsfähigkeit und die Beschränkungen der jeweils Verantwortlichen sehr nüchtern zu sehen.“

Tobias Straumann: „1931: Debt, Crisis, and the Rise of Hitler“ (Oxford University Press, 2019). Quelle: Presse

Monika Schnitzer, Mitglied der Wirtschaftsweisen, empfiehlt „The Innovators: Die Vordenker der digitalen Revolution von Ada Lovelace bis Steve Jobs“ von Walter Isaacson (C. Bertelsmann Verlag, 2018): „In der aktuellen Krise profitieren alle von den Innovationen, die die Digitalisierung hervorgebracht hat. Aber wie kommen bahnbrechende Erfindungen zustande? Kommt es vor allem auf geniale Ideen einzelner Erfinder und Erfinderinnen an oder eher auf die Zusammenarbeit im Team? Wovon hängt es ab, wer die Lorbeeren erntet und reich wird mit seinen Erfindungen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich diese höchst unterhaltsame Geschichte der Erfindung des Computers und der Entstehung der digitalen Revolution. Die zahlreichen Protagonisten des Buches reichen von Ada Lovelace über Alan Touring, Grace Hopper, Steve Jobs und Bill Gates, bis hin zu den Google-Gründern Larry Page und Sergey Brin. Das Buch diskutiert die Meilensteine der Technologiegeschichte und macht deutlich, wie wichtig dabei die Rolle des Staates war. Man erfährt über die Patentstreitigkeiten der Erfinder des Microchips und wie der Monopolist AT&T die Entwicklung des Internets behinderte, bis die US-amerikanischen Wettbewerbsbehörden den Zugang ins Internet durch Modems ebnete. Und lernt, wer von der Erkenntnis profitierte, dass nicht in der Hardware, sondern in der flexiblen Programmierung der Hardware das größere Potential liegt. Spannend, informativ, kurzweilig.“

Walter Isaacson: „The Innovators: Die Vordenker der digitalen Revolution von Ada Lovelace bis Steve Jobs“ (C. Bertelsmann Verlag, 2018). Quelle: Presse

Hilmar Schneider, Leiter des Institute of Labor Economics (IZA) in Bonn, empfiehlt „Deutschland ist gerechter, als wir meinen: Eine Bestandsaufnahme“ von Georg Cremer (Verlag C.H. Beck, 2018):   „Die Sozialstaatsdebatte ist fest in der Hand von Ideologen aller Couleur. Da tut es gut, ein Buch in die Hand nehmen zu können, das sich sachlich und unaufgeregt mit den Fakten auseinandersetzt, Vorurteile entlarvt und den Blick auf die eigentlichen Probleme lenkt. Dass sachlich und unaufgeregt trotzdem auch unterhaltsam sein kann, ist das Verdienst eines Autors, dem es gelingt, aus der Konfrontation der Empörungsrhetorik der Sozialstaatslobby mit den Tücken der Empirie eine feine Ironie zu erzeugen, ohne je überheblich zu wirken oder die Ernsthaftigkeit des Themas aus dem Blick zu verlieren.

Freilich verlangt das Buch seinen Lesern auch Denkanstrengungen ab. Wer sich mit Prozentrechnen schwer tut, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben, die Ausführungen etwa zu relativer Armut und Äquivalenzeinkommen zu goutieren. Wer solche Mühen nicht scheut und Freude am Erkenntnisgewinn empfindet, kommt hier voll auf seine Kosten. Beim Lesen bekommt man eine Ahnung davon, wie die Sozialstaatsdebatte eigentlich geführt werden müsste und was den Benachteiligten wirklich hilft. Und man ahnt, dass inszenierte Bundestagsreden und hohles Talkshowgeschwätz vielleicht mehr zur Spaltung dieser Gesellschaft beitragen als wir meinen.“

Georg Cremer: „Deutschland ist gerechter, als wir meinen: Eine Bestandsaufnahme“ (Verlag C.H. Beck, 2018). Quelle: Presse
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