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Wirtschaftsliteratur 20 Lesetipps von deutschen Ökonomen

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„Eine wichtige Botschaft, verpackt in einem großen Lesevergnügen“

Axel Ockenfels, Leiter des Exzellenzzentrums für Soziales und Ökonomisches Verhalten der Universität zu Köln, empfiehlt „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ von Steven Pinker (S. Fischer Verlag, 2018): „Pinker belegt mit eindrucksvollen Zahlen, dass die Welt besser wird. Auch wenn es sich manchmal anders anfühlt: Wir leben immer länger, gesünder, sicherer, friedvoller, wohlhabender und glücklicher. Der wichtigste Grund dafür? Aufklärung, Wissenschaft und Vernunft. Dies ist auch in Coronazeiten eine wichtige Botschaft, verpackt in einem großen Lesevergnügen.“

Steven Pinker: „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ (S. Fischer Verlag, 2018). Quelle: Presse

Rolf Langhammer, Handelsökonom am Institut für Weltwirtschaft, empfiehlt „Phishing for Fools. Manipulation und Täuschung in der freien Marktwirtschaft“ von George A. Akerlof und Robert J. Shiller (Econ Verlag, 2016): „Warum sitzt dem Menschen häufig ein Affe auf der Schulter, der ihm einflüstert, Dinge zu kaufen, die ihm nichts nützen oder zu teuer gemessen an ihrem Wert sind? Kurt Tucholsky hat vor fast 90 Jahren in seinem satirischen „Kurzen Abriss der Nationalökonomie“ diese Schwäche mit der machtpolitischen Unterlegenheit von Arbeitern und Angestellten gegenüber Staat, Finanzsystem und Unternehmern erklärt. Akerlof und Shiller finden feinere Gründe (von Tucholsky ironisch die wissenschaftlichen genannt). Sie stützen sich vornehmlich auf Informationsasymmetrien und narrenhafte Begierden von Konsumenten nach Besitz und Status.

Dieses Nebeneinander von Rationalität und Irrationalität steht dem traditionellen Bild des „homo oeconomicus“, an dem sich Akerlof und Shiller abarbeiten, nicht gut zu Gesicht. Obwohl sie oft durch offene Türen gehen und der „homo sociologicus“ längst in den Wirtschaftswissenschaften etabliert ist, habe ich dieses Buch mit seinen vielen Beispielen gerne gelesen und privat weiterempfohlen. Der dem Konsumenten vorgehaltene Spiegel hat zwar in den USA mehr Berechtigung als im konsumkritischeren Europa, aber gerade in der Post-Pandemiezeit wird der Konsument wohl mehr denn je „abgefischt“ werden.“

George A. Akerlof und Robert J. Shiller: „Phishing for Fools. Manipulation und Täuschung in der freien Marktwirtschaft“ (Econ Verlag, 2016). Quelle: Presse

Willi Rugen, Präsident des Bundesverbands Deutscher Volks- und Betriebswirte, empfiehlt „Die Politische Ökonomie von Friedrich List“ von Eugen Wendler (Springer Gabler, 2020): „Friedrich List zählt zu den Klassikern der ökonomischen Literatur. Schon zu Lebzeiten suchte er die Auseinandersetzung – und verdient sie bis heute. Seine differenzierten, oft missverstandenen Thesen zur Handelspolitik sind von ebenso großer Aktualität wie seine Bemühungen um eine deutsch-englische Allianz, die sich schon zu Lists Lebzeiten als schwierig erwies. List schlug daraufhin eine europäische Kontinentalallianz vor, ohne dabei das größere Ziel eines europäischen Wirtschaftsraums aus den Augen zu verlieren.

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    Auch den Konflikt der ökonomischen Großmächte Amerika und China sagte er treffend voraus. Auch ohne Vorkenntnisse bietet das Buch von Eugen Wendler einen gelungenen, lohnenden Einstieg in Lists Gedankenwelt.“

    Eugen Wendler: „Die Politische Ökonomie von Friedrich List“ (Springer Gabler, 2020). Quelle: Presse

    Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn, empfiehlt „Wie kommt der Wert in die Welt? Von Schöpfern und Abschöpfern“ von Mariana Mazzucato (Campus Verlag, 2019): „Die italienisch-amerikanische Ökonomin hat am University College London den Lehrstuhl für Economics of Innovation and Public Value inne. In ihrem Buch hinterfragt sie, wie Wertschöpfung in der heutigen Wirtschaftswelt entsteht. Zugleich regt sie an, wieder kritischer über den Begriff „Wert“ in der Ökonomie nachzudenken. Dazu stellt sie als erstes den aktuellen – vereinfachten – Wertbegriff in Frage und verweist auf die vielfältigen Ursprünge.

    Beispielhaft zeigt sie dann die Veränderungen in der Wertschöpfung anhand des Finanzsektors, der Pharmaindustrie und des High-Tech-Unternehmertums im Silicon Valley auf. So ziele beispielsweise die Finanzwirtschaft heutzutage nicht mehr vorrangig darauf, Unternehmen bei ihren Wirtschaftsaktivitäten zu unterstützen. Vielmehr wirtschaften die Finanzunternehmen vorrangig für sich selbst. Eine Werteverschiebung ist aber auch dahingehend erfolgt, dass Wertschöpfung in zunehmendem Maße durch Schlupflöcher im internationalen Steuersystem und den Aufbau von undurchschaubaren Geschäftsverflechtungen entsteht. Angesichts der Frage, wie wir nachhaltiges Wirtschaftswachstum fördern und zunehmender Ungleichheit entgegenwirken können, stellt das Buch von Mariana Mazzucato eine wichtige Diskussionsbasis dar. Ich kann es daher nur jedem als Lektüre empfehlen.“

    Mariana Mazzucato: „Wie kommt der Wert in die Welt? Von Schöpfern und Abschöpfern“ (Campus Verlag, 2019). Quelle: Presse

    Otmar Issing, Präsident des Center for Financial Studies in Frankfurt und lange Jahre Chefökonom der Europäischen Zentralbank, empfiehlt „Termites of the State: Why Complexity Leads to Inequality“ von Vito Tanzi (Cambridge University Press, 2017): „Seit Ausbruch der Coronaepidemie hat ein Thema neue Aktualität erlangt: Welche Rolle soll der Staat in Wirtschaft und Gesellschaft spielen? Haben die westlichen Demokratien nicht zu sehr auf die Kräfte des Marktes vertraut? Gehört dem chinesischen System die Zukunft? Ökonomen beschäftigen sich mit den grundsätzlichen Fragen seit dem Beginn ihrer Wissenschaft. Tanzi beschreibt den Wandel in den Doktrinen zur Rolle des Staates in den letzten beiden Jahrhunderten und das stetige Anwachsen staatlicher Interventionen. Er identifiziert die „Termiten“, die in das politische System eindringen und die legitimen Aktivitäten des Staates verzerren und korrumpieren.

    Das Buch umfasst ein weites Spektrum staatlichen Handelns und diskutiert in seinem letzten Teil das zurzeit besonders aktuelle Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Tanzi ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der öffentlichen Finanzen und bringt seine langjährigen Erfahrungen in Wissenschaft und Politik ebenso ein wie reiche Bezüge zu anderen Kulturbereichen. Die Lektüre setzt keine besonderen Kenntnisse der Ökonomie voraus, ist auch von Laien mit Gewinn und Verständnis zu lesen. Für den Fachökonomen besticht das Werk durch den großen Überblick und die zahlreichen empirischen Belege.“

    Vito Tanzi: „Termites of the State: Why Complexity Leads to Inequality“ (Cambridge University Press, 2017). Quelle: Presse

    Achim Truger, Mitglied der Wirtschaftsweisen, empfiehlt „Das Gift der Ungleichheit: Wie wir die Gesellschaft vor einem sozial und ökologisch zerstörerischen Kapitalismus schützen können“ von Dierk Hirschel (Dietz-Verlag, 2020): „Hirschel ist Chef-Ökonom der Gewerkschaft Ver.di und war 2019 einer der Kandidaten für den SPD-Vorsitz. Sein Buch ist sachkundig geschrieben und hat mit über 250 zumeist wissenschaftlichen Quellen durchaus Tiefgang. Es liest sich dennoch leicht und spritzig. Ungleichheit in vielen Dimensionen wird faktenreich als ökonomisches, soziales und politisches Gift identifiziert, das ebenso wie die ökologische Krise letztlich unsere demokratische Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen bedrohe. Die Probleme seien nicht naturgegeben, sondern Resultat falscher politischer Entscheidungen, die den notwendigen Gegenpart einer entfesselten Marktwirtschaft schwächten.

    Hirschel belässt es nicht bei rückblickender Kritik, sondern erörtert Möglichkeiten eines politisch chancenreichen gesellschaftlichen Bündnisses zur Lösung der Probleme. Man muss nicht überall zustimmen, dennoch eine anregende Lektüre zum Einstieg in eine notwendige gesellschaftliche Diskussion.“

    Dierk Hirschel: „Das Gift der Ungleichheit: Wie wir die Gesellschaft vor einem sozial und ökologisch zerstörerischen Kapitalismus schützen können“ (Dietz-Verlag, 2020). Quelle: Presse

    Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, empfiehlt „Politischer Moralismus: Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“ von Hermann Lübbe (LIT Verlag, 2019): „Aus gutem Grunde hat Lübbe sein in den 80er Jahren geschriebenes Buch neu aufgelegt. Denn der öffentliche Diskurs leidet zunehmend darunter, dass Menschen sich nicht mehr mit den Argumenten Andersdenkender auseinandersetzen, sondern sie als Personen verurteilen. In einer solchen moralisch aufgeheizten Atmosphäre kommt es zu schlechten politischen Entscheidungen, wie die kleinteilige, ineffiziente deutsche Klimapolitik zeigt. Dank Hermann Lübbe habe ich verstanden, wie es zu dieser verhängnisvollen Entwicklung kam und wie man sie überwinden kann.“

    Hermann Lübbe: „Politischer Moralismus: Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“ (LIT Verlag, 2019). Quelle: Presse

    Anke Hassel, Professorin für Public Policy an der Hertie School in Berlin, empfiehlt „Invisible Women: Exposing Data Bias in a World Design for Men“ von Caroline Criado Perez (btb Verlag, 2020): „Caroline Criado Perez recherchiert akribisch, in welchen Bereichen und in welchem Umfang die Welt von Männern für Männern gemacht wird. Die Körper von Frauen werden systematisch vergessen und ignoriert, ob es um die Größe von Handys geht, die Zulassung von Medikamenten, die nur an Männern getestet werden, oder um die Tatsache, dass Frauen in höherem Maße bei Autounfällen schwer verletzt werden, weil Autositze und Gurte an die Standardgrößen von Männern und nicht von Frauen optimiert werden.

    Ein Buch, das gespickt mit Fakten und Argumenten brillant argumentiert und viel bewirken kann.“

    Caroline Criado Perez: „Invisible Women: Exposing Data Bias in a World designed for Men“ (btb Verlag, 2020). Quelle: Presse
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