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Wirtschaftswissenschaft Der Moralökonom

Freiheit, Armut, Gerechtigkeit – der Ökonomienobelpreisträger Amartya Sen widmet sich den großen moralischen Fragen der Gesellschaft. Mit seinem Versuch, Marktwirtschaft und Ethik zu vereinen, erntet er viel Anerkennung – aber auch manche Kritik.

Obama Sen Quelle: dapd

Seinen Spitznamen hört er überhaupt nicht gerne: „Mutter Theresa der Ökonomen“ nennen ihn die Medien bisweilen spöttisch. Das sei ein schlechter Vergleich, findet Amartya Sen, denn er würdige die Arbeit der verstorbenen Ordensschwester und Friedensnobelpreisträgerin herab, die im indischen Kalkutta über Jahrzehnte Sterbende von den Straßen auflas und versorgte. Anders als sie habe er nie etwas geopfert.

Das mag stimmen, und doch hat Sen mit Mutter Theresa eines gemeinsam – zeit seines Lebens hat sich der Ökonom mit Armut, Hunger und Unterentwicklung auseinandergesetzt und so „den Armen der Welt eine Stimme gegeben“, wie eine indische Zeitung einmal schrieb. Das macht ihn für viele zu einem Ausnahmeökonomen.

Sein US-Kollege Robert Solow nennt Sen das „Gewissen unseres Fachs“. Mitte Februar ehrte US-Präsident Barack Obama den 78-jährigen Harvard-Professor im Weißen Haus mit der renommierten US-Humanistenmedaille „für seine Erkenntnisse über die Ursachen von Armut, Hunger und Ungerechtigkeit“. „Ökonomen haben wir nicht oft hier“, bemerkte Obama scherzhaft, und Sen lächelte nur.

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

In Sen jedoch alleine einen moralisierenden Gutmenschen zu sehen wird ihm nicht gerecht. Er eckt mit seinen Überzeugungen an, und das mit Vergnügen. Den Konservativen ist seine Moralphilosophie ein Ärgernis, die Linken düpiert er mit Warnungen vor Anti-Markt-Dogmatismus. Gerne lässt der gebürtige Inder öffentlich fallen, dass er Mitbegründer der Vereinigung feministischer Volkswirtinnen ist: „Darin sehe ich keinen Widerspruch, das ist eine Sache von großer Wichtigkeit.“

Sen provoziert gerne in alle Richtungen, wenn es um seine Überzeugungen geht. Und die sind vielschichtig: Er gilt als links und liberal, er hält die Freiheit des Marktes hoch und verweist zugleich auf ihre Grenzen. Er befürwortet Globalisierung und Freihandel, will jedoch zugleich die globalen Finanzmärkte eindämmen – Sen lässt sich in keine Schublade stecken. Sein Credo: „Wir haben alle viele Identitäten.“

90 Ehrendoktortitel

Seit 1957 hat Sen mehrere Hundert Forschungspapiere und gut zwei Dutzend Bücher veröffentlicht. Wer auf Werk und Wirken des gebürtigen Inders blickt, stößt in seinem Lebenslauf auf eine Armada von Auszeichnungen: Sen hat rund 90 Ehrendoktortitel von Universitäten aus Toronto über Syrakus bis Tokio. Auch die (früher) für marktliberale Positionen bekannte Universität Kiel hat ihm 1997 die Ehrendoktorwürde verliehen. Hinzu kommen gut zwei Dutzend Preise, darunter 1998 der Nobelgedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften und 2007 der Kölner Meister-Eckhart-Preis, eine der renommiertesten philosophischen Auszeichnungen Europas.

Sens Universitätskarriere begann in Kalkutta, es folgten Stationen in Cambridge, an der London School of Economics und in Oxford. 1988 wechselt Sen an die US-Ostküstenuniversität Harvard, wo er heute einen Lehrstuhl für Ökonomie und Philosophie innehat. „Ich bin auf einem Universitätscampus geboren, und es scheint, als hätte ich mein ganzes Leben auf irgendeinem Campus verbracht“, sagt er. „Tatsächlich hatte ich nie einen ernsthaften Job außerhalb der Universität.“

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