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Wirtschaftswissenschaft in der Kritik Ökonomen, werdet wahrhaftige Wissenschaftler!

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Ideologische Irrlehren

Eines der weltweit bekanntesten und einflussreichsten Lehrwerke der Gegenwart stammt vom Harvard-Professor N. Gregory Mankiw, ehemals wirtschaftspolitischer Chefberater von George W. Bush. In seinem Bestseller „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre“ beginnt die Indoktrinierung der Studierenden schon mit dem ersten Kapitel („Zehn volkswirtschaftliche Regeln“). So heißt es zum Beispiel auf Seite fünf:

„Wenn die Regierung Einkommen von den Reichen zu den Armen umverteilt, senkt sie die Entlohnung für harte Arbeit, weshalb die Leute wiederum weniger arbeiten und weniger Güter produzieren“.

Dass in Lehrsätzen wie diesen mehr Ideologie als Wissenschaft steckt, leuchtet beim genauen Hinsehen selbst dem Laien ein. Die Behauptung zum Beispiel, dass die Einkommen der Reichen eine Entlohnung für harte Arbeit darstellen, verspottet alle ernstgemeinten Versuche, die Unterschiede zwischen Arm und Reich wissenschaftlich korrekt und empirisch überprüfbar zu erklären. Auch Jeansnäherinnen in Bangladesch und Minenarbeiter in Südafrika schuften unermüdlich, kommen aber auf keinen grünen Zweig. Denn hohe Arbeitseinkommen erzielt man in einem Marktsystem eben nicht durch harte Arbeit, sondern durch knappe Arbeit. Das, was man tut, muss stark nachgefragt sein und zugleich nicht von vielen anderen angeboten werden. Eine Korrelation mit harter Arbeit ist dabei durchaus möglich, aber keineswegs zwingend. Dass reiche Menschen in der Regel auch leistungslose Besitzeinkünfte wie Dividenden, Zinsen oder Mieten erzielen, lässt Mankiw an dieser Stelle unerwähnt.

Diese Ökonomen haben unsere Welt geprägt
Korekiyo Takahashi Quelle: Creative Commons
Korekiyo Takahashi Quelle: Creative Commons
János Kornai Quelle: Creative Commons
Lorenz von Stein Quelle: Creative Commons
Steuererklärung Quelle: AP
Mancur Olson Quelle: Creative Commons
Thorstein Veblen Ökonom Quelle: Creative Commons

Im gleichen Zitat behauptet Mankiw, dass Menschen weniger arbeiten werden, sobald ihre Einkommen sinken, weshalb in der Konsequenz die gesamtwirtschaftliche Güterproduktion zwangsläufig sinken werde. Auch diese These dürfte einer empirischen Überprüfung kaum standhalten. Von den „Working Poor“ wissen wir, dass sie mehr arbeiten (müssen), gerade weil sie so geringe Einkommen erzielen. Andererseits wissen Psychologen schon lange, dass Geld keinen ausschlaggebenden Anreizfaktor für die Großverdiener darstellt. Wer schon viel verdient, wird sich durch erhöhte Bezüge allein kaum zur Mehrarbeit motivieren lassen oder bei geringerer Entlohnung nicht zwingend fauler werden. Mankiw kümmern die Erkenntnisse anderer Wissenschaftsdisziplinen aber offenbar wenig. Mit einer einprägsamen Metapher unterstreicht er im Folgesatz nochmals seine schiefe Schlussfolgerung: „Versucht die Regierung den ökonomischen Kuchen in gleichmäßigere Stücke zu schneiden, wird der ganze Kuchen kleiner“.

Anstatt den Marktmechanismus klar als eine der Hauptursachen für soziale Ungleichheit herauszustellen, werden in Standardlehrwerken wie diesen mit wissenschaftlich unhaltbaren Pauschalisierungen Argumente zurechtgezimmert, die staatliche Korrekturen an marktwirtschaftlichen Verteilungsresultaten auch noch als gemeinwohlschädigend disqualifizieren sollen. Es liegt auf der Hand, welchen gesellschaftlichen Gruppen und Ideologen diese Lehre in die Karten spielt.

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