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Wissenschaft Frisst die Globalisierung die Inflation?

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Jobboom statistisch überzeichnet?

Auch in Europa könnte der Jobboom statistisch überzeichnet sein. Umfragen zeigen, dass 6,5 Prozent aller Teilzeitkräfte lieber Vollzeit arbeiten würden. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als vor der Finanzkrise. Addiert man diese Zahl und die Arbeitslosen, die nicht mehr aktiv nach einem Job suchen, zu den registrierten Arbeitslosen hinzu, erreicht die Unterauslastung 15 Prozent. Kein Wunder, dass die Löhne nicht in Schwung kommen.

Wie stark die Löhne steigen, hängt langfristig vor allem von der Produktivität ab, also der Arbeitsleistung je Kopf und Stunde. Seit der Finanzkrise hat es hier keine großen Sprünge mehr gegeben. In Deutschland, Großbritannien und den USA lag das Produktivitätswachstum in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt nur noch bei einem halben Prozent pro Jahr. Zwischen 2000 und 2007 hatte es in Amerika hingegen 3,5 Prozent, in Deutschland sogar knapp 4,0 Prozent betragen.

Die schwache Produktivität ist nicht zuletzt das Ergebnis der Rettungspolitik von Zentralbanken und Regierungen. Sie haben Wackelbanken künstlich am Leben gehalten, faule Kredite verlängert und marode Unternehmen vor der Insolvenz bewahrt. „Die Folge der Zombifizierung ist ein sinkendes Produktivitätswachstum, weshalb nur geringe Lohnerhöhungen möglich sind“, sagt Norbert Tofall, Wissenschaftler am Flossbach von Storch Research Institute.

Dazu kommt, dass die Verbreitung von Robotern und künstlicher Intelligenz die Kräfteverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt verschiebt. Untersuchungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigen, dass der Anteil des Lohneinkommens an der Wirtschaftsleistung der Industrieländer in den vergangenen 20 Jahren gesunken ist. Die Hälfte des Rückgangs ist auf den Vormarsch neuer Technologien zurückzuführen. „Die Sorge, dass bei überhöhten Lohnabschlüssen billig zu finanzierende Roboter bald einen größeren Teil der Arbeit übernehmen könnten, hält die Lohnforderungen im Rahmen“, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Berechnungen des renommierten MIT-Ökonomen Daron Acemoglu zeigen: Jeder zusätzliche Roboter je 1000 Arbeiter reduziert die Löhne um 0,25 bis 0,5 Prozent.

Dass der Druck der Digitalisierung auf die Löhne bald nachlässt, ist unwahrscheinlich. Denn die erhöhte Preistransparenz in der digitalen Wirtschaft verschärft den Wettbewerb zwischen den Unternehmen. „Weil es immer schwieriger wird, Gewinnaufschläge durchzusetzen, versuchen die Unternehmen, die Lohnzuwächse zu minimieren“, schreiben die Ökonomen der britischen Bank HSBC in einer Studie. Immer mehr Unternehmen der Digitalwirtschaft vergeben zudem Aufträge an externe Arbeitskräfte. Die sogenannten Crowdworker stehen dann in Konkurrenz zu den Festangestellten, die fürchten müssen, bei hohen Lohnabschlüssen ihre Jobs an die Crowdworker zu verlieren. Deren Honorare aber stehen ebenfalls unter Druck.

„Da Crowdworker weltweit zugeschaltet werden können, ist eine gewerkschaftliche Organisation schwierig“, erklärt Achim Wambach, Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Ohnehin hat sich der gewerkschaftliche Organisationsgrad in den Industrieländern seit Mitte der Achtzigerjahre auf rund 17 Prozent nahezu halbiert. Für US-Ökonom Summers ist das „ein wichtiger Grund für die schwache Position der Arbeitnehmer“.

Befindet sich die Welt also in einer Niedrig-Lohn-Niedrig-Preis-Spirale? Immerhin scheinen die geringen Teuerungsraten der vergangenen Jahre die Inflationserwartungen der Menschen nach unten gedrückt zu haben. Auch dies senkt die Lohnforderungen. So rechnete EZB-Chef Draghi jüngst vor, die niedrige Inflation habe den Lohnzuwachs in der Euro-Zone von 2014 bis 2016 um 0,25 Prozentpunkte pro Jahr geschmälert. „Das macht es der EZB schwer, ihr Inflationsziel zu erreichen“, sagt Fabio Balboni, Ökonom bei HSBC.

Einige Zentralbanken haben sich daher von der Strategie einer punktgenauen Inflationssteuerung verabschiedet. So erklärte die schwedische Reichsbank in der vergangenen Woche, die Teuerung in Zukunft in einem Korridor zwischen einem und drei Prozent zu halten. Die Zentralbank Norwegens ging noch einen Schritt weiter. Sie ist fortan auch für die Finanzstabilität verantwortlich. Vielleicht sollte Mario Draghi seinen Blick nach Norden richten – und sich ebenfalls vom starren Inflationsziel verabschieden. Ansonsten muss er wohl auf eine Renaissance der Gewerkschaften hoffen.

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