Thomas Robert Malthus, ein britischer Arzt und Nationalökonom, der von 1766 bis 1834 lebte, und die Welt auf keinem guten Weg sah.
Foto: imago imagesWiWo History Essay: Wirtschaftshistorische Niedergangs-Szenarien – was aus ihnen wurde und welche Rolle sie heute noch spielen
Droht der Welt eine Apokalypse? Diese Furcht ist wirtschaftshistorisch nichts Ungewöhnliches, und meist sind sie mit einem Namen verbunden: Thomas Robert Malthus, ein britischer Arzt und Nationalökonom, der von 1766 bis 1834 lebte, und die Welt auf keinem guten Weg sah. Eine Milliarde Menschen lebte um 1800 und ihre Zahl wuchs weiter an. Malthus prophezeite, weil die Bevölkerung schneller wachse als die Produktivität, müsse es über kurz oder lang zu schweren Hungersnöten kommen.
Die Realität widerlegte das Szenario jedoch. Die Bevölkerung wuchs zwar weiterhin stark an, aber die Zeit der großen Hungersnöte war zumindest in Europa irgendwann vorbei. Das hätte zu denken geben müssen, doch um Malthus‘ Prognosen wurde es nie wirklich still.
Immer wieder tauchen ähnlich konstruierte pessimistische Szenarien auf, die die Erde aufgrund des Bevölkerungsdrucks am Rande ihrer Tragfähigkeit sehen. So war die Studie des Club of Rome vom Beginn der 1970er Jahre offen neomalthusianisch. Und so geht auch die derzeitige Klimapolitik letztlich davon aus, dass es zu viele Menschen für die begrenzte Tragfähigkeit der natürlichen Ressourcen der Erde gebe. Wieder hat apokalyptisches Denken Konjunktur, obwohl die historische Erfahrung zeigt, dass es keineswegs so kommen muss.
Die soziale Lage der britischen Bevölkerung war zudem durch die Folgen der napoleonischen Kriege schwer belastet. Vor die Frage gestellt, wie die Obrigkeit mit diesem Phänomen umgehen sollte, plädierte Malthus dafür, die bestehende (elisabethanische) Armengesetzgebung, die in seinen Augen zur explosionsartigen Vermehrung der armen Menschen beitrug, abzuschaffen, da diese Grundsicherung nur Anreiz schaffe, noch mehr Menschen in die Welt zu setzen, für die der vorhandene Nahrungsmittelspielraum in absehbarer Zeit nicht mehr ausreiche. Dann würden Krankheiten, Seuchen und Hunger zu einer drastischen Reduktion der Bevölkerungszahlen führen bis diese endlich so geschrumpft sei, dass der vorhandene Nahrungsmittelspielraum wieder ausreiche, sie zu ernähren. Bevor es so weit komme, sei es besser, den Bevölkerungsdruck durch entsprechende Vorschriften (Heiratsalter etc.) sowie durch materielle Abreize (Beseitigung der automatischen Armenunterstützung) gar nicht erst so stark ansteigen zu lassen.
Dahinter stand eine relativ statische Vorstellung der Wirtschaft, die sich freilich auf eine lange Erfahrung stützen konnte: In den Jahrhunderten zuvor hatte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nur gering zugenommen; Produktivitätssprünge hatte es nicht gegeben, was Malthus zu der theoretischen Annahme brachte, der produzierte Nahrungsmittelspielraum vergrößere sich bestenfalls arithmetisch, während – das war seine zentrale Setzung – die Bevölkerung unter günstigen Umstände zu einem geometrischen Wachstum neige. Auf die Weise würde es wiederkehrend zu Nahrungskrisen und Bevölkerungseinbrüchen kommen; die Menschheit gerate damit zwangsläufig immer wieder in Engpasslagen, die nach ihm „malthusiasnische Falle“ genannt wurden.
Obwohl sich gerade in dieser Zeit durch das Aufkommen des Fabrikwesens (Baumwollspinnerei, dann Weberei, dann Maschinenbau usw.) die Produktivität des britischen Gewerbes deutlich verbesserte und die dortige Agrarproduktion im gesamten 18. Jahrhundert bereits stark zugenommen hatte, schien die soziale Lage der Bevölkerung Malthus Recht zu geben, zumal die Lebensmittelpreise wegen der napoleonischen Krise stark schwankten und die neuen Fabriken die bisherigen Existenzformen der Heimarbeit (vor allem Weber und Spinner) immer prekärer werden ließen.
Diese Entwicklung wurde in der sozialhistorischen Forschung lange den entstehenden Fabriken zugeschrieben, obwohl sie es waren, die nach und nach mit ihrem Wachstum einen Ausweg aus der Armutskrise und der Unterbeschäftigung boten. Bis dies so weit war, dauerte es freilich noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.
Als sich die moderne Industrie durchgesetzt hatte, war freilich Malthus lange tot. Er erlebte somit die ab den 1830er Jahren flächendeckend steigende Produktivität nicht mehr. Seine Prognosen schienen in der irischen Hungersnot der 1840er Jahre noch einmal eine Bestätigung zu finden, aber dann verschwanden die großen Hungerkatastrophen zumindest aus der mittel- und westeuropäischen Welt, auch wenn es sie in Osteuropa und vielen Teilen der Welt weiterhin gab.
In West- und Mitteleuropa hingegen hielt ein umfassender Produktivitätszuwachs Einzug, der mit der modernen kapitalistischen Wirtschaft eng verknüpft war. Die Existenzbedingungen einer weiterhin wachsenden Bevölkerung wurden so nach und nach grundlegend verbessert. Hatte Westeuropa um 1700 gut 80 Millionen Einwohner, so waren es, als Malthus schrieb, 1820 bereits 133 Millionen Dass er das kritisch sah, ist nachvollziehbar. Das Bevölkerungswachstum beschleunigte sich in den kommenden Jahren weiter. 1870 waren es bereits knapp 190 Millionen Menschen und kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sogar gut 260 Millionen. Und völlig anders als von Malthus prognostiziert, stieg in dieser Zeit das Pro-Kopf-Einkommen (gemessen in US-Dollar von 1990) von etwa 1000 auf mehr als das Dreifache, nämlich auf etwa 3500 Dollar im Jahr 1913. Und das sind nur die Durchschnitte: In den führenden Regionen, in Großbritannien oder den Niederlanden, erreichten die Einkommensdaten bereits vor 1914 etwa 5000 Dollar.
Eine stark wachsende Bevölkerung, die zugleich im Durchschnitt wohlhabend geworden war: Das war das glatte Gegenteil von Malthus‘ Katastrophenszenario. Und es sollte für seine Prognosen noch schlimmer kommen. Während nach der kriegsbedingten Unterbrechung die Bevölkerung seit den 1950er Jahren wieder moderat zunahm, explodierte das Wohlstandsniveau regelrecht. Um die Jahrtausendwende lebten in Westeuropa knapp 400 Millionen Menschen mit einem Durchschnitts-Pro-Kopfeinkommen von etwa 20.000 US-Dollar. Wohlstand war jetzt zumindest hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Moderne Massenkonsumgesellschaften traten seit den 1950er Jahren sukzessive an die Stellen der alten Knappheitswelt.
Aber nicht allein das hätte die malthusianischen Stimmen verstummen lassen müssen. Nicht nur waren die Zuwachsraten der Produktivitätsentwicklung weiterhin hoch; bereits seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nahm auch die Wachstumsdynamik der Bevölkerung ab. Die Kinderzahl pro Frau ging in diesen Jahren bereits deutlich zurück; seit den 1960er Jahren war zunächst in bestimmten Gegenden, danach nach und flächendeckend der Bevölkerungszuwachs gering; seit den 1990er Jahren setzte sogar eine Stagnation, ja punktuell ein Bevölkerungsrückgang ein, der nur deshalb nicht zu sinkenden Bevölkerungszahlen führte, weil sie sukzessive durch Zuwanderung ausgeglichen wurden.
Empirisch war Malthus damit offenkundig wiederlegt: Nicht nur wuchs die Produktivität schneller als die Bevölkerung; auch gab es keineswegs eine Art Naturgesetz der menschlichen Vermehrung. Kritiker von Malthus, wie Friedrich Engels und Karl Marx, hatten offenkundig recht. Malthus verkündete keine wissenschaftlich soliden Einsichten, sondern redete absichtsvoll oder fahrlässig apokalyptischen Szenarien das Wort, die scheinbar rabiate Maßnahmen erforderten, die bei genauerem Hinsehen freilich gar nicht zwingend waren und zum Glück auch nicht befolgt wurden.
Dabei waren seine Argumente nicht an den Haaren herbeigezogen. Krisen gab es in der Tat. Außerhalb Europas findet man bis heute Belege für ein derartiges Szenario, denn in vielen Teilen der Welt der Konflikt von Bevölkerungsentwicklung und Nahrungsmittelspielraum noch immer akut. Es war aber nicht diese offenkundige malthusianische Falle, die Anfang der 1970er Jahre zu einer Art neomalthusianischem Revirement führte. Die sogenannte Unterentwicklung wurde anders erklärt. Für die Hungerkrisen in Afrika, Indien oder China ließen sich nicht zu Unrecht ja auch stets konkrete Ursachen benennen; man kam ohne malthusianische Überlegungen aus. Ein Großteil der sogenannten Unterentwicklung konnte zudem vereinfacht als Folge der europäischen Kolonialpolitik dargestellt werden – was sich auch bei der Mobilisierung von Hilfsgütern als vorteilhaft erwies. Das eigentliche Problem, die nur schleppende Entwicklung der Produktivität in vielen der von Bevölkerungskrisen geplagten Ländern, konnte so unbewusst oder absichtlich in den Hintergrund gedrängt werden, und so ist das bis heute.
Die Wiederkehr des malthusianischen Denkens verdankte sich in den 1970er Jahren daher auch nicht den manifesten Hungerkrisen, sondern den vermeintlichen Aporien der westlichen Wohlstandsentwicklung. Es war nicht mehr die pure Bevölkerungszahl, die die Tragfähigkeit der Erde überforderte; es war der moderne Lebensstil der Menschen, vor allem der Menschen in den sogenannten reichen Ländern, der das tat und folgerichtig zur Ursache einer erwartbaren Katastrophe erklärt wurde: Die Grenzen des Wachstums von 1972 gingen davon aus, dass in absehbarer Zeit elementare Ressourcen (Kohle, Öl, aber auch eine intakte Umwelt etc.) erschöpft seien, und die Menschheit vor der Katastrophe stehe, wenn sie ihren Umgang mit der Natur nicht drastisch ändere.
Die Knappheitsannahmen haben sich allerdings, ähnlich wie bei Malthus‘ Prognosen, nicht bestätigt. Rabiate Maßnahmen im Umgang mit den natürlichen Ressourcen wurde ebenso verlangt wie ein Untergangsszenario nach dem anderen bemüht; das „Waldsterben“ hat es dabei zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Aber auch diesmal sind die apokalyptischen Erwartungen enttäuscht worden. Weder sind bestimmte Rohstoffe erschöpft, noch hat der Aufschwung vieler ehemals armer Länder wie China und – jetzt nach und nach – Indien, neue Grenzen des Wachstums markiert, die eigentlich zu erwarten gewesen wären.
Im Gegenteil finden sich auch hier die bekannten Muster: Während unter kapitalistischem Vorzeichen die Produktivität stark wächst, nimmt sukzessive der Bevölkerungsdruck ab.
Radikalisierung des des malthusianischen Denkens – in der Klimabewegung
Der neomalthusianische Ton ist deshalb freilich nicht verschwunden, sondern ist, wenn auch in anderer Form, in der Klimabewegung geradezu radikalisiert fortgesetzt worden, wobei, der Ironie halber sei es angemerkt, eines der großen Probleme, für das sich malthusianisches Denken anböte, nämlich die rapide Bevölkerungszunahme mittlerweile vor allem in Afrika, eigentümlich ausgeblendet wird. Die These, die nun lautstark vertreten wird, läuft darauf hinaus, dass der westliche Lebensstil nicht nachhaltig sei, sondern, sollte er sich nicht drastisch ändern, auf eine Art „Klimatod“ der Erde zusteuere, der sich in Klimaveränderungen, Zunahme an Naturkatastrophen, Artensterben und grassierender Umweltverschmutzung bereits drastisch bemerkbar mache.
Dieses im Kern neomalthusianische Argument hat es mittlerweile zu einer Art offiziellen Selbstbeschreibung fast aller Regierungen westlicher Länder gebracht, die durch entsprechende wirtschafts- und energiepolitische Maßnahmen gegenzusteuern versuchen, also das tun, was Malthus seinerzeit auch empfohlen hatte – nämlich die Anreize für klimaschädliches Verhalten zu beseitigen und stattdessen mitrabiaten Mitteln „Klimaneutralität“ politisch geradezu zu erzwingen.
Das Fatale ist nur, dass neben den offenkundigen Problemen des Klimawandels und seiner Bekämpfung das eigentliche Mittel, das seinerzeit half, den wiederkehrenden Fallen zu entkommen, nämlich die Steigerung der Produktivität und damit verbunden die Erneuerung der volkswirtschaftlichen Kreisläufe und die Erweiterung der wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten, aus dem Blick gerät. Ja selbst im Verdacht steht, eine der Ursachen der gegenwärtigen Niedergangs-Szenarien zu sein.
Eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit dem Klimawandel wird aber nur bei entsprechenden Produktivitätspotentialen möglich sein, die auch die Voraussetzung dafür sind, ressourcenintensive Produktions- und Konsumformen durch andere, nachhaltigere zu ersetzen.
Die Wirtschaftsgeschichte des Kapitalismus ist hierfür ein gutes Beispiel, gibt es doch viele der heute zu Recht verrufenen Beispiele schmutziger Industrien längst nicht mehr. Es spricht wenig dafür, dass dieser dauernde Strukturwandel in Zukunft abbrechen wird, solange zumindest die Bedingungen der Möglichkeit umfassender Produktivitätssteigerungen erhalten bleiben. Eine erfolgreiche kapitalistische Transformation zeigt einen weiteren Effekt: Der Bevölkerungsdruck lässt nach. Eine nur noch moderat wachsende Bevölkerung und ein durch umfassende Produktivitätssteigerungen geprägter Lebensstil sind durchaus nicht illusionär, sondern können nach und nach in aller Welt realisiert werden, wenn denn die Voraussetzungen dafür stimmen. Malthusianischen Szenarien sollte man hingegen skeptisch begegnen. Sie treffen nicht zu, können aber dazu verführen, Maßnahmen zu ergreifen, die letztlich die eigenen Handlungsspielräume drastisch verengen.
Damit steckt die gegenwärtige Transformation in der gleichen Sackgasse wie Malthus‘ Bevölkerungspolitik, die die Armut dadurch bekämpfen wollte, dass sie sie verschärfte. Unsere gegenwärtige Paradoxie besteht darin, die Ressourcen zu einer Umgestaltung der Welt von einer Wirtschaft bekommen zu wollen, deren Leistungsfähigkeit man gerade für das zu bekämpfende Problem hält.
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