WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

WiWo-Konjunkturradar Wie es nach dem Lockdown weitergeht

Exklusiv
Während der Pandemie gaben viele Menschen weniger Geld aus. Quelle: dpa

Die Inzidenzzahlen sinken, das Ende des Lockdowns gerät in Sichtweite. Eine neue Studie sagt: Im zweiten und dritten Quartal dürfte die Wirtschaftsleistung spürbar zunehmen – dank der Konsumenten.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Peter Altmaier gibt sich optimistisch. „Dieses Jahr ist das Jahr, in dem wir die Trendwende endgültig schaffen“, glaubt der Bundeswirtschaftsminister. Die Bundesregierung geht in ihrer aktuellen Konjunkturprognose von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 3,5 Prozent aus – zuletzt waren es 3,0 Prozent.

Das erste Quartal lief allerdings nicht besonders gut: Die deutsche Wirtschaftsleistung schrumpfte nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts um 1, 7 Prozent gegenüber dem Vorquartal – vor allem wegen des schwächelnden Konsums. Und auch der Earlybird-Frühindikator, den die Commerzbank exklusiv für die WirtschaftsWoche ermittelt, hat seinen Steigflug vorerst beendet: Er fiel im April leicht auf 0,5 Zähler.

Wann also kommt der Aufschwung? Das IWH-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle hat dazu jetzt eine neue Konjunkturprognose fertiggestellt. Der so genannte BIP-Flash-Indikator, den das Institut alle drei Monate exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellt, sagt für das laufende Quartal einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von immerhin 2,1 Prozent voraus. In das Barometer gehen rund 160 Einzelindikatoren ein.

Im dritten Quartal dürfte die deutsche Wirtschaftsleistung laut BIP-Flash weiter zulegen, und zwar um 2,4 Prozent gegenüber der Vorperiode. Das liegt an der laut IWH „robusten Auslandsnachfrage“, aber auch an den prall gefüllten Geldbörsen der lockdowngeplagten Verbraucher. Die Konsumnachfrage werde „kräftig zulegen, wenn im Sommer die Impfkampagne in ganz Europa weiter vorangeschritten ist und das Leben in vielen Bereichen wieder so möglich ist, wie wir es vor der Pandemie geführt haben“, prognostiziert IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller.

Hier die Analyse des IWH im Wortlaut:

„Die hohen Infektionszahlen und der seit November 2020 immer wieder verlängerte Lockdown führten im ersten Quartal 2021 zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 1,7 Prozent. Insbesondere der private Konsum litt unter den strengen staatlichen Restriktionen. Die Nachfrage der privaten Haushalte wurde durch die Einschränkungen im Einzelhandel, in der Gastronomie und im Tourismusbereich stark behindert. Dies zeigte sich im stark gesunkenen Einzelhandelsumsatz. Hingegen liefen die Warenexporte gut und verhinderten einen stärkeren Einbruch der deutschen Wirtschaft.

Seit Anfang Mai gehen die Corona-Neuerkrankungen in Deutschland zurück. Das dürfte neben einem saisonalen Effekt auch auf die endlich in Fahrt gekommene Impfkampagne zurückzuführen sein. Der Lockdown dürfte in absehbarer Zeit aufgehoben werden können. Insbesondere die private Konsumnachfrage würde davon profitieren und zusammen mit der robusten Nachfrage aus dem Ausland die Wirtschaftsleistung laut IWH-Flash-Indikator im zweiten Quartal 2021 um 2,1 Prozent und im dritten Quartal um 2,4 Prozent steigen lassen. Der IWH-Flash-Indikator basiert auf einer Fülle von Einzelprognosen. Um zusätzlich abzuschätzen, ob die im IWH-Flash-Indikator enthaltenen Indikatoren die Effekte von Pandemie und Lockdown adäquat wiedergeben, werden auch Informationen aus den Mobilitätsdaten von Google berücksichtigt.

Die Anschaffungsneigung ist laut GfK-Konsumklimaumfrage deutlich angestiegen, sodass bei weitergehenden Lockerungen mit einem kräftigen Nachholkonsum zu rechnen ist. „Wenn im Sommer die Impfkampagne in ganz Europa weiter vorangeschritten ist und das Leben in vielen Bereichen wieder so möglich ist, wie wir es vor der Pandemie geführt haben, dürfte auch die Konsumnachfrage kräftig zulegen“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.

Im Produzierenden Gewerbe gab es zuletzt angebotsseitige Restriktionen. So wurde laut Einkaufsmanagerindex (EMI) von anhaltenden massiven Störungen der Lieferketten berichtet, die vereinzelt sogar zu Produktionsstillständen geführt haben. Auch zogen dadurch sowohl die Einkaufs- als auch die Verbraucherpreise erneut an. Die Auftragseingänge blieben weiterhin ausgesprochen gut. Besonders kräftig hat die ausländische Nachfrage nach Konsumgütern zugelegt. Weiterhin sehr gut ist laut ifo-Geschäftsklimaumfrage die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe. Noch verhalten entwickelt sie sich hingegen im Dienstleistungssektor und im Baugewerbe; im Handel dürfte der Bundeslockdown die Geschäftserwartungen etwas gedrückt haben. Der Earlybird-Indikator der Commerzbank hat zuletzt leicht nachgegeben, liegt aber weiter auf einem hohen Niveau.



Die Exporte deutscher Waren in die EU-Partnerländer haben ihren Stand von vor Ausbruch der Pandemie in etwa erreicht, jene nach Asien und in die USA haben ihn mittlerweile sogar übertroffen. Auch das Volumen des Welthandels (Waren) liegt bereits wieder über dem Vorkrisenstand. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Warennachfrage teilweise die nach vielen Dienstleistungen, die aufgrund der Pandemie nicht verfügbar sind, ersetzt hat. Davon profitiert schon seit vergangenem Sommer vor allem China als wichtigster Standort des Verarbeitenden Gewerbes. Sehr stark ist seit Jahresanfang auch die Konjunktur in den USA. Dafür sind die rasch fallenden Infektionszahlen und die außerordentlich starken finanzpolitischen Impulse die wichtigsten Gründe.

In Europa dürfte die Produktion kräftig anziehen, wenn im Sommer die Pandemie den Rückzug antritt. Eine offene Frage ist, inwieweit die Lieferengpässe aufgrund der vielerorts starken Nachfrage die Vorboten von weltweit deutlich höheren Inflationsraten sind. Auch darf die weiterhin bedrückende Lage in wichtigen und bevölkerungsreichen Schwellenländern nicht vergessen werden. So sind die Infektions- und Opferzahlen in Brasilien seit März auf Höchstständen, in Indien sind sie zuletzt sogar noch weiter gestiegen.“

Mehr zum Thema: Seit Jahren kennen die Immobilienpreise nur eine Richtung: nach oben. Das billige Geld der Notenbanken animiert Anleger und Selbstnutzer, Häuser und Wohnungen zu kaufen. Doch das könnte sich bald ändern.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%