Zentralbanken Das hektische Hin und Her der Notenbanken

Während die japanische Notenbank die Märkte flutet, steckt EZB-Präsident Mario Draghi in einem Dilemma. Denn sein Instrumentenkasten ist bald erschöpft.

Wie in Zentralbanken hineinregiert wird
Europäische Zentralbank (EZB)
Europäische Zentralbank (EZB)Auch wenn EZB-Chef Mario Draghi früher bei Goldman Sachs arbeitete, besitzen private Banken bei der Zentralbank keine direkte Mitsprache. Das EZB-Kapital von 5,76 Milliarden Euro liegt bei den 27 Notenbanken der EU, die sich – bis auf ein paar Anteile der österreichischen Nationalbank – in öffentlichem Besitz befinden. Die Euro-Finanzminister wählen die Mitglieder des sechsköpfigen Direktoriums per Mehrheitsentscheid, die Regierungschefs bestätigen die Wahl. Auch das EU-Parlament darf mitreden. Vergangene Woche lehnten die Abgeordneten die Nominierung des angesehenen Luxemburger Nationalbankpräsidenten Yves Mersch für einen Sitz im EZB-Direktorium ab. Einziger Grund: sein Geschlecht. Sharon Bowles, Vorsitzende des Währungsausschusses:
Bank of England (BoE)Die
Bank of England (BoE)Am meisten leidet die Unabhängigkeit der BoE aber dadurch, dass sie mit Aufgaben zugeschüttet wird. Die BoE muss sich nicht nur um eine stabile Währung, sondern auch um die Konjunktur und Stabilität des Finanzsektors kümmern, im nächsten Jahr kommt die Bankenaufsicht hinzu. Zudem ist die persönliche Unabhängigkeit mancher Mitglieder im Zentralbankrat fraglich: Ben Broadbent etwa arbeitete vor seiner Zeit bei der BoE jahrelang für Goldman Sachs. Zuvor war schon sein Kollege David Robert Walton, Chefökonom von Goldman Sachs in Europa, Mitglied im Zentralbankrat geworden. Bis Ende August 2012 saß dort zudem mit Adam Posen ein Geldpolitiker, der enge Verbindungen zu Starinvestor George Soros pflegt. Quelle: dpa
Federal Reserve System (Fed)Die amerikanische Fed – ein Hort politischer Unabhängigkeit? Mitnichten. Die unter einem Dach zusammengeschlossenen zwölf regionalen US-Zentralbanken gehören 3000 privaten Instituten, darunter Großbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Die Geldhäuser können direkt bei der Geldpolitik mitmischen, denn sie bestimmen die Direktoren der regionalen Fed-Ableger. Die Direktoren sind an der Wahl der regionalen Fed-Präsidenten beteiligt – und von diesen wiederum sitzen einige im Offenmarktausschuss, dem wichtigsten Gremium der Notenbank, das über die Geldpolitik der USA entscheidet. Der amerikanische Kongress hat der Zentralbank drei Ziele gesetzt, die nicht unbedingt miteinander harmonieren: Die Fed soll die Preise stabil halten, so viele Arbeitsplätze wie möglich garantieren und die Zinsen möglichst niedrig halten. Quelle: REUTERS
Federal Reserve System (Fed)Die Regierung darf den Währungshütern zwar nicht ins Tagesgeschäft hineinreden, aber Zentralbankpräsident Ben Bernanke muss dem Parlament regelmäßig Rede und Antwort stehen. Sollte es anhaltende Konflikte zwischen Fed und Politik geben, kann der Kongress die Unabhängigkeit der Fed beschneiden. Jüngste Debatten ließen darauf schließen,
Bank of Japan (BoJ)Auf dem Papier ist die BoJ unabhängig, aber der politische Druck steigt. Mittlerweile ist es zur Regel geworden, dass ranghohe japanische Politiker offen drohen, das Notenbankgesetz zu ändern, falls die BoJ ihre Geldpolitik nicht noch stärker lockert. Was die Ankäufe von Fremdwährungen betrifft, um den Auftrieb des Yen abzumildern, handelt die Notenbank bereits im Auftrag der Regierung. Quelle: REUTERS

Es gab nur ein Thema, zu dem sich Mario Draghi nicht äußern wollte: Italien. Welchen Einfluss hat der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) auf Staatschef Napolitano? Was er am Telefon mit Staatspräsident Napolitano besprochen habe, wollte eine Journalistin wissen. „Ich habe lediglich einen Telefonanruf beantwortet“, sagte Draghi. So mache das jeder andere Mensch doch auch. Damit hatte Draghi die Lacher auf seiner Seite.

Ansonsten hat der Chef der europäischen Notenbank nicht viel zu lachen. Da ist der Zinsentscheid noch die geringste Baustelle. Wie erwartet haben die Währungshüter den Leitzins, zu dem sich Banken in Europa refinanzieren können, auf einem Rekordtief von 0,75 Prozent belassen. Zwar habe der EZB-Rat intensiv diskutiert, angesichts der leicht sinkenden Inflation und der sich gleichzeitig kaum erholenden konjunkturellen Lage in der Euro-Zone habe die Notenbank allerdings noch keinen Handlungszwang gesehen.

Ökonomen hatten im Vorfeld der Ratssitzung keine Senkung der Leitzinsen erwartet. Zwar hätte die kaum schwankende Inflationsrate eine weitere Zinssenkung erlaubt. Grundsätzlich zweifeln allerdings viele Experten, ob so ein Schritt auch tatsächlich Auswirkungen auf die von der Krise gebeutelten Volkswirtschaften hätte. Für einen echten Effekt, heißt es etwa aus der Bundesbank, sei der Leitzins schon viel zu niedrig. Draghi hat also mittlerweile mit den abnehmenden Skalenerträgen von Zinssenkungen zu kämpfen.

Der EZB-Präsident sitzt demnach in der Falle. Einerseits ist die Wirkung seines traditionellen Steuerungsinstruments – der Höhe des Leitzinses - fraglich. Andererseits steht Draghi vor dem Nord-Süd-Spagat. Denn während Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda mit seiner Geldpolitik nur die Wirtschaft eines Landes beeinflussen muss, hat Draghi eine immer heterogener werdende Eurozone unter seinen Fittichen. Der niedrige Leitzins von weiterhin 0,75 Prozent ist für die wirtschaftlich stärkeren Länder im Norden der Währungsunion, wie Deutschland, Finnland oder Österreich, schon jetzt viel zu niedrig. Gleichzeitig zeigen die niedrigen Refinanzierungskosten der Banken in Europas Süden weiterhin nicht die gewünschte Wirkung.

Wo die Inflation zuschlägt
Die Inflation frisst das Vermögen auf. Im Dezember lag die Preissteigerungsrate zwar nur bei 2,1 Prozent, von einer Preisexplosion ist Deutschland 2012 verschont geblieben. Jedoch machen die niedrige Zinsen vielen Anleger zu schaffen. Vor einigen Jahren konnten Anleger mit dem Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen solider Schuldner noch einen realen Vermögenerhalt genieren. Heute ist dies nicht mehr möglich. Gleichzeitig schrecken die großen Schwankungen an den Aktienmärkten viele Sparer von einem Investment ab. Wir zeigen ihnen mit welchen Vermögenswerten sich die Inflation ausgleichen lässt. Quelle: dpa
GeldmarktAm Geldmarkt ist momentan nicht viel zu holen. Die Niedrigzinspolitik der EZB drückt die Renditen von Sparbuch und Tagesgeld. Im Durchschnitt erzielten Anleger mit ihrem Tagesgeldkonto eine Rendite von 0,74 Prozent. Noch schlechter fuhren Sparer mit ihrem Sparbuch. Gerade einmal 0,37 Prozent gab es im Durchschnitt. Die Inflation lässt sich damit nicht ausgleichen. In Deutschland sind beide Anlageobjekte trotzdem nach wie vor der Renner. Quelle: gms
Deutsche StaatsanleihenDeutsche Staatspapiere gelten am Markt nach wie vor als sichere Anlage. Schließlich genießt die Bundesrepublik noch immer Triple-A-Status. Die Zinsen für deutsche Bundespapiere gingen dagegen im letzten Jahr dramatisch zurück. Gerade einmal 0,45 Prozent erhielten Anleger als Zinsgutschrift. Nach Abzug der Inflation steht damit ein realer Vermögensverlust von knapp 1,5 Prozent. Quelle: dpa
UnternehmensanleihenVor einigen Jahren standen Unternehmensanleihen aus den USA und Deutschland bei Anlegern hoch im Kurs. Schließlich lag der Zinskupon weit über der Inflationsrate. Zudem lag das Insolvenzrisiko deutlich niedriger, als vor der weltweiten Banken -und Staatsschuldenkrise. Heute werfen Unternehmensanleihen im Durchschnitt 1,66 Prozent ab. Allerdings liegen die Anleihen aus Deutschland deutlich vor ihren amerikanischen Konkurrenten. Mit einer Rendite von knapp über zwei Prozent gleichen deutsche Unternehmensanleihen sogar knapp die Inflationsrate aus. Die meisten amerikanischen Firmen bieten dagegen Zinsen weit unter zwei Prozent. Quelle: dpa
Anleihen SchwellenländerBrasilien gehört zweifelsohne zu den künftigen Wirtschaftsmächten dieses Planeten. Mit steigender Bonität und Attraktivität für ausländische Investoren dürfte der Refinanzierungssatz in den kommenden Jahren deutlich sinken. Heute liegt die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen aber noch bei knapp neun Prozent. Auch andere Schwellenländer bieten noch attraktive Zinssätze. Im Durchschnitt liegt dieser bei 2,29 Prozent. Quelle: dpa
Aktienmarkt - DividendenrenditeGerade einmal jeder fünfte deutsche Anleger investiert sein Geld in Aktien. Und das obwohl der Dax im abgelaufenen Jahr einen seiner besten Jahre aller Zeiten hingelegte. Einen Kursgewinn von knapp 30 Prozent verbuchte der deutsche Leitindex im Jahr 2012. Neben den Kursgewinnen profitierten die Anleger auch von soliden Dividendengewinnen. Im Durchschnitt betrugen diese im Dax 2,42 Prozent und lagen damit höher als in den amerikanischen Indizes. Anleger sollten einen Blick auf Unternehmen werfen, die über Jahre hinweg konstante Dividenden zahlten. Allerdings bleiben die Kursschwankungen ein nicht zu unterschätzendes Risiko und können die Dividendenrendite gegebenenfalls weit übersteigen. Quelle: rtr
Junk-BondsGemessen am aktuellen Zinsniveau sind Anleihen mit niedriger Bonität, umgangssprachlich auch Ramsch-Anleihen oder Schrottanleihen, der absolute Rendite-Knüller. Im Durschnitt kommen die Zocker-Papiere auf eine Rendite von 3,81 Prozent. Griechische Staatsanleihen bringen momentan, abhängig von der Laufzeit, eine Rendite von bis zu 30 Prozent - diese Papiere sind aber nur sehr wagemutigen Anlegern zu empfehlen. Quelle: dapd

Unternehmen aus Spanien, Portugal, Italien oder Irland müssen für ihre Kredite weiterhin deutlich höhere Zinsen zahlen als deutsche Firmen. Das hemmt Innovationen und damit auch das Wirtschaftswachstum der Länder. Einige Beobachter spekulierten bereits vor dem heutigen Zinsentscheid, Draghi könnte sich mit Hilfe eines Kredit-Programms behelfen, welches vor allem kleine und mittlere Unternehmen aus den Peripheriestaaten unterstützen dürfte. Ein ähnliches Programm betreibt seit Sommer 2012 auch die Notenbank Großbritanniens. Dank günstiger Finanzierungskonditionen für Banken soll deren Kreditvergabe ausgeweitet werden. Allerdings ist der Erfolg des „Funding for Lending“ genannten Programms umstritten. Zwar habe sich die Kreditvergabe etwas stabilisiert, Ökonomen betonten jedoch, dass Großbritanniens Wirtschaft noch zahlreiche weitere Probleme hätte. Und letztendlich sind es eben weiterhin die Geschäftsbanken, die über den Umfang der Kredite entscheiden.

Tatsächlich bestätigte Draghi, der EZB-Rat habe über die Möglichkeit eines solchen Programms nachgedacht. Die Vergabe von Krediten funktioniere in einigen Ländern der Euro-Zone gut, in anderen dagegen nicht, so der Italiener. „Wir müssen jetzt herausfinden, warum das so ist“, so Draghi. Zwar kündigte Draghi noch keine konkreten Maßnahmen an, sagte aber, dass die EZB die Situation in der Euro-Zone genauestens beobachten werde. Die EZB sei, „bereit, innerhalb ihres Mandats zu handeln“, so Draghi.

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