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Zentralbanken in der Kritik Die große Angst vor der Geldflut

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Nur zum Teil gedeckt

Das Teilreservesystem hat sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt, indem die Banken ihr Einlagen- und Kreditgeschäft vermischten. Anfangs dienten die Banken den Kunden vornehmlich als Depotstellen, denen sie ihr Geld, meist Goldmünzen, zur sicheren Aufbewahrung anvertrauten. Im Gegenzug erhielten sie Einlieferungsscheine oder Banknoten, mit denen sie das Gold jederzeit wieder abheben konnten. Die Noten dienten als Goldsurrogat und konnten zum Kauf von Waren verwendet werden. Wollte ein Kunde einen Kredit, musste die Bank sich zuvor Gold beziehungsweise Banknoten von anderen Kunden leihen. Das hatte zur Folge, dass jeder Kredit zu 100 Prozent durch Ersparnisse in Form von Gold gedeckt war.

Als die Banken jedoch feststellten, dass die Kunden ihre Goldbestände länger als erwartet bei ihnen horteten, gingen sie dazu über, Banknoten per Kredit auszugeben – ohne dass entsprechende Einzahlungen von Ersparnissen zugrunde lagen. Auf diese Weise brachten sie mehr Banknoten in Umlauf, als an Gold verfügbar war.

Diese Banken sind beim Stresstest durchgefallen
Nova Kreditna Banka Maribor Quelle: dpa
Nova Ljubljanska banka Quelle: REUTERS
Bank of Cyprus Quelle: AP
Dexia Quelle: dpa
Banco Populare di Vicenza Quelle: AP
Banca Populare di Milano Quelle: AP
permanent tsb Quelle: dpa

Faktisch stellten sie den Kreditnehmern damit einen Einlöseanspruch auf das Gold anderer Personen aus. Nach Ansicht des spanischen Ökonomen Jesús Huerta de Soto handelte es sich dabei um einen „illegitimen Akt der Veruntreuung“. Weil die umlaufenden Banknoten nur zum Teil durch Gold gedeckt waren (Teilreservesystem), waren die Banken anfällig für Krisen. Gerieten sie in Schwierigkeiten und bemerkten die Kunden, dass die Banknoten nur zum Teil gedeckt waren, setzte ein Run auf die Goldreserven ein, der viele Banken am Ende in die Pleite trieb.

Die Ökonomen der Currency-Schule, die in der Tradition David Ricardos standen, erkannten die fatalen Folgen des Teilreservesystems. Daher setzten sie 1844 in Großbritannien mit dem Peel’schen Bankgesetz durch, dass alle Banknoten voll durch Gold gedeckt sein mussten. Allerdings vergaßen sie, auch die Sichteinlagen der Banken einer vollen Deckung zu unterwerfen. Dadurch konnten die Banken weiter Kredite aus dem Nichts in Form von Sichteinlagen vergeben. Die Folge: Großbritannien und andere Länder taumelten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einer Bankenkrise in die nächste. Um den Schaden einzudämmen, riefen Banker und Politiker nach einer Zentralbank. Sie sollte als Kreditgeber der letzten Instanz einspringen, wenn die Banken unter dem Ansturm der Kunden zu kollabieren drohten.

Auch das heutige moderne Geldwesen arbeitete nach dem Teilreserveprinzip. Allerdings werden die Reserven nicht mehr in Gold, sondern in Zentralbankgeld gehalten. In der Praxis sieht das so aus: Vergibt eine Bank einen Kredit, entsteht auf der Aktivseite ihrer Bilanz eine Forderung gegen den Kunden. Auf der Passivseite wird der Betrag dem Kundenkonto gutgeschrieben.

In der Euro-Zone muss die Bank auf die Sichteinlage ihrer Kunden eine Reserve von einem Prozent bei der Zentralbank halten (Mindestreserve). Das dafür benötigte Zentralbankgeld leiht sie sich von der Europäischen Zentralbank. So kann die Bank mit 100 Euro Zentralbankgeld durch die Vergabe von Krediten 10 000 Euro an Sichteinlagen „schöpfen“. Für die Banken ist das Teilreservesystem eine gigantische Geldproduktionsmaschine, an der sie bestens verdienen.

In der Grafik ist die Geldmenge M3 und das reale Bruttoinlandsprodukt in der Euro-Zone zu sehen.

Komplizenschaft

Dass die Regierungen dieses System nicht infrage stellen, liegt daran, dass sie zu dessen Hauptprofiteuren zählen. Die von Zentral- und Geschäftsbanken gemeinsam betriebene Kreditschöpfung aus dem Nichts erlaubt es den Regierungen, Kriege zu finanzieren, den Wohlfahrtsstaat aufzublähen, Beamtenheere zu alimentieren und üppige Wahlgeschenke zu verteilen. „Es ist eine Komplizenschaft und Interessenkoalition zwischen Regierungen und Banken entstanden, ein Klima der Kollaboration“, urteilt Huerta de Soto.

Darunter leidet langfristig der Wohlstand der Gesellschaft. In seinen Arbeiten zeigte Mises, wie die Geldschöpfung aus dem Nichts die Zinsen künstlich nach unten drückt, Fehlinvestitionen auslöst und überdrehte Boomphasen erzeugt, die später im Bust enden. Dazu kommt, dass diejenigen, die das aus dem Nichts geschöpfte Geld als Erste erhalten – vorwiegend Banker, Zentralbanker, Beamtenschaft und Großunternehmen – auf Kosten anderer profitieren. Denn sie können Güter noch zu niedrigen Preisen kaufen. Diejenigen, die das frische Geld als Letzte erhalten, sind hingegen die Leidtragenden, da sie erst kaufen können, wenn die Preise bereits gestiegen sind. Auch fördert die inflationstreibende Geldschöpfung aus dem Nichts die Bereitschaft zur Verschuldung. Wer heute weiß, dass er das auf Pump gekaufte Häuschen morgen mit entwertetem Geld zurückzahlen kann, lädt sich gern ein paar Hunderttausend Euro oder Dollar an Schulden auf die Schulter – auch wenn er die Last eigentlich nicht schultern kann.

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