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Zinspolitik Die Fed treibt die EZB vor sich her

Christine Lagarde und Jerome Powell: Größer könnte der Unterschied in der Einschätzung der Inflationsgefahren nicht sein. Quelle: AP, imago-images

Die US-Notenbank will den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik beschleunigen, die EZB will sich gegen den Aufwärtstrend bei den Zinsen stemmen. Das hat weitreichende Folgen für den Euro und die Inflation. Ein Kommentar.

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Für Christine Lagarde war es keine gute Woche. Gerade hatte sie in einem vielbeachteten Interview erklärt, der rasante Höhenflug der Preise sei nicht von Dauer und werde sich im nächsten Jahr beruhigen, da kam auch schon der Widerspruch – ausgerechnet von ihrem Kollegen Jerome Powell, dem Chef der US-Notenbank Fed. In einer Anhörung vor dem amerikanischen Kongress sagte Powell, man müsse sich von der Hoffnung verabschieden, der aktuelle Höhenflug der Inflation sei nur vorübergehend. „Das Risiko höherer Inflation hat zugenommen“, konstatierte Powell. Die preistreibenden Faktoren entfalteten ihre Wirkung bis weit ins nächste Jahr.

Krasser könnte der Unterschied in der Einschätzung der Inflationsgefahren nicht sein. Tatsächlich sind die Teuerungsraten sowohl in den USA als auch in Europa in den vergangenen Monaten auf mehrjährige Höchststände geklettert. In Amerika lag die Inflationsrate zuletzt bei 6,2 Prozent, in der Eurozone bei 4,9 Prozent.

Das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale wächst

Nun lassen sich die Verhältnisse in den USA sicherlich nicht auf Europa übertragen. So ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt jenseits des Atlantiks angespannter als auf dem alten Kontinent. Die US-Unternehmen suchen händeringend nach Arbeitskräften, die Zahl der offenen Stellen hat mit mehr als zehn Millionen ein Rekordhoch erreicht. Arbeitskräfte können sich die Jobs aussuchen.

Wem der Lohn beim bisherigen Arbeitgeber nicht passt, wechselt. Die Kündigungsrate in Amerika hat mit rund drei Prozent den höchsten Wert seit zwei Jahrzehnten erreicht. Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern Halteprämien zahlen, um sie nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Das treibt die Löhne, die derzeit um knapp fünf Prozent steigen. Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale wächst.

Ganz so weit ist es in Europa noch nicht. Die Arbeitslosenquote in der Eurozone liegt bei 7,3 Prozent, manche Dienstleister dürften wegen der neuen Coronawelle demnächst wieder Kurzarbeit anmelden. Doch spätestens wenn die Pandemie abebbt, wird die Suche nach Arbeitskräften auch in Europa anziehen.

Um Fachkräfte zu gewinnen, werden die Unternehmen dann nicht umhinkommen, bei den Tarifgehältern ordentlich drauf zu legen. Daher führt der Blick auf die reinen Tariflöhne, die bisher nur moderat zulegen, leicht in die Irre. Europa hinkt Amerika im Konjunkturzyklus hinterher. Auch der alte Kontinent ist der Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ausgesetzt.

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    Niedrige Zinsen und weicher Euro 

    Umso dringlicher wäre es daher, dass die EZB endlich die Zeichen der Zeit erkennt und handelt statt zu beschwichtigen. Doch die Frankfurter Währungsbehörde ist schon lange nicht mehr Herr der Lage. Im Zuge der Euro- und Coronakrise sind die Notenbanker zum Büttel der hochverschuldeten Regierungen mutiert, die auf Dauer-Niedrigzinsen angewiesen sind, um einer Schuldenspirale und dem Staatsbankrott zu entgehen.



    Steigt die Fed demnächst beschleunigt aus der expansiven Geldpolitik aus wie von Powell angekündigt, wächst der Druck auf die EZB, sich gegen den von Amerika ausgehenden Aufwärtstrend bei den Zinsen zu stemmen. Im Eurotower suchen die Ökonomen der EZB daher fieberhaft nach Alternativen für das Pandemie-Anleihenkaufprogramm, das im März auslaufen soll. Man darf daher gespannt sein, welches Kaninchen die EZB auf ihrer Sitzung übernächste Woche aus dem Hut zaubert, um die Renditen niedrig zu halten.

    Trennen sich die Wege in der Geldpolitik der USA und Europas, dürfte der Euro weiter auf Talfahrt gehen. Selbst ein Absinken unter die Parität ist mittelfristig nicht mehr auszuschließen. Das würde die Importe verteuern und die Inflation beschleunigen. Die Finanzminister und Exporteure im Süden Europas dürften jubeln. Denn es kehrten Verhältnisse in Europa ein wie sie in Italien in den Siebziger- und Achtzigerjahren herrschten, als hohe Inflationsraten und eine weiche Währung die überbordenden Staatsschulden entwerteten und den Absatz qualitativ mediokrer Produkte auf dem Weltmarkt ermöglichten.

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    Verlierer einer solchen italienischen Währungsunion aber sind die Geldnutzer und Sparer. Ihre Kaufkraft und ihre Vermögen schmelzen schon jetzt dahin wie das Eis unter der Sonne Riminis.

    Mehr zum Thema: Im Kampf gegen die Inflation fordern immer mehr Politiker Preisstopps. Funktioniert aber hat das noch nie. Die Teuerung wird dadurch nur aufgestaut – und die Wirtschaft in eine Interventionsspirale gestürzt, die die Marktwirtschaft zerstört. Inflation: Was passiert, wenn man den Preisen das Steigen verbietet?

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